Anfänge
Nach Errichtung der Mauer wurde im Januar 1962 in der DDR
die Wehrpflicht eingeführt. Die Möglichkeit eines
Zivildienstes gab es nicht. Trotz angedrohter Haftstrafen
verweigerte daraufhin eine Anzahl vorwiegend christlicher
junger Männer den Wehrdienst. Viele Verweigerer (insbesondere
Zeugen Jehovas) wurden inhaftiert, andere willkürlich
vorerst nicht einberufen. Da der Staatsführung unter
Ulbricht zu jenem Zeitpunkt an einem besseren Staat-Kirche-Verhältnis
gelegen war, kam es nach vielen Verhandlungen zu einem Kompromiss.
Dieser berührte nicht die in allen sozialistischen Ländern
herrschende kommunistische Doktrin, Wehrdienstverweigerung
nicht zuzulassen. Er bot aber
den Wehrdienstverweigerern und der Kirche mit der Anordnung
des Nationalen Verteidigungsrates vom 7. September 1964 über
die Aufstellung von Baueinheiten einen Ausweg an:
• einen soldatischen Dienst in der Armee ohne Waffen
• ohne Beförderung
• anstelle des Fahneneides ein Gelöbnis
• äußeres Kennzeichen: ein goldener Spaten
auf den Schulterstücken
Wegen dieses Kennzeichens wurden die Bausoldaten im Volksmund
„Spatensoldaten“ genannt. Jeder Wehrpflichtige
konnte Bausoldat werden, der „aus religiösen oder
aus ähnlichen Gründen den Wehrdienst mit der Waffe
ablehnt“.
Der Konflikt war bereits durch das Gelöbnis vorgegeben,
in dem zu versprechen war
• „meine Kraft zur Erhöhung der Verteidigungsbereitschaft
einzusetzen
• als Angehöriger der Baueinheiten durch gute Arbeitsleistungen
aktiv dazu beizutragen, dass die NVA ...den sozialistischen
Staat gegen alle Feinde verteidigen und den Sieg erringen
kann
• den Vorgesetzten unbedingten Gehorsam zu leisten“
Offiziell wurde dieser Ausweg als „letztes Zugeständnis
der Arbeiterklasse“ bezeichnet. Daraus war bereits ersichtlich,
dass mit einem gleichberechtigten Status nicht zu rechnen
war, wie es sich auch später zeigte. Bausoldaten wurden
von der Staats- und Armeeführung mehr oder weniger offen
diskriminiert sowie an den Rand der Gesellschaft gedrängt.
Nach der Dienstzeit war der Zugang zu höheren Bildungseinrichtungen
und Leitungsfunktionen sehr begrenzt bzw. fast unmöglich.
Es gab Fälle von Berufseinschränkungen und –verboten.
Das Ministerium für Staatssicherheit (MfS) verdächtigte
sie als eine „Konzentration negativ-feindlicher Kräfte“
und sandte Spitzel in ihre Reihen.
Die Arbeitsobjekte waren in den ersten Jahren weitgehend
militärisch eingebunden, wie der Bau von Militärflugplätzen
sowie die Berodung von Waldstücken, auf denen später
Schießanlagen entstanden. Diese Aufgaben provozierten
natürlich zu heftigem Widerstand. Arbeits-, aber auch
Gelöbnisverweigerungen waren die Folge. Abschreckende
Gefängnisstrafen führten im Laufe der Jahre zu einem
Abflauen dieser Verweigerungen. Dafür wurde vermehrt
mit Briefen und Eingaben auf die Gewissenskonflikte hingewiesen.
Das Einsatzfeld als „Sozialer Friedensdienst (SoFd)“
wurde allgemeine Überzeugung. An die politischen Repräsentanten,
die Volkskammer und die Kirchenleitungen wurden Körbe
von Briefen mit dieser Zielsetzung gesandt. Das Ziel wurde
nie erreicht, allerdings wurden Bausoldaten in den letzten
10 Jahren vor der Wende vermehrt in volkseigenen Betrieben
zu häufig gesundheitsschädlichen Arbeiten eingesetzt.
Wirksamkeit der Bausoldaten im gesellschaftlichen
Umfeld
Schon wegen ihres symbolischen „Spatens“ haben
Bausoldaten in ihre nahe militärische Umgebung gewirkt.
Sie diskutierten intensiv mit Offizieren und normalen Soldaten
und regten sie zum Hinterfragen militärischer Einsatzziele
und Feindbilder an. In der gesamten 26-jährigen Existenzepoche
hatten ihre öffentlichen Bekenntnisse eine hohe und von
der SED gefürchtete politische Brisanz. 1966 veröffentlichten
z.B. Prenzlauer Bausoldaten einen „Aufruf an alle Christen“
und forderten die Bürger auf, den mannigfaltigen Formen
der Wehrerziehung zu widerstehen.
Offene Systemkritik brachten sie in den obligatorischen Politschulungen,
besonders jedoch durch ihre Wahlentscheidungen zum Ausdruck.
Entweder blieben sie demonstrativ ganz der Wahl fern oder
stimmten gegen die vorbestimmte Einheitsliste und deckten
Wahlmanipulationen auf.
Ab 1980 solidarisierten sich viele aktive wie auch ehemalige
Bausoldaten mit der „Solidar-nocz“ in Polen. Es
kam zu konspirativen Treffen mit Führern der Gewerkschaftsbewegung.
In jener Zeit begann auch eine breite Ausreisewelle der Wehrdienstgegner.
Ein aktiver Teil Bausoldaten blieb auch nach der Einsatzzeit
der Friedensarbeit verbunden, (ein Beispiel ist der geplante
Kongress). Von Anfang an versuchten sie unter dem Dach der
Evangelischen Kirche Organisationsstrukturen aufzubauen. Trotz
des heftigen Widerstandes der Staatsgewalt gelang es ihnen,
beim Ev. Jungmännerwerk sich feste Strukturen zu schaffen.
Veranstaltungen, bei denen gediente Bausoldaten ihre Erfahrungen
an die neuen weitergaben, gehörten ebenso wie Regionaltreffen,
Friedens- und Gemeindeseminare zur beabsichtigten Öffentlichkeitsarbeit.
Mit Hilfe der Ev. Kirche wurden Materialsammlungen als Orientierungshilfe
für Wehrpflichtige, ein Lexikon „ABC des Frieden“,
eine „Arbeitshilfe zur seelsorgerlichen Betreuung von
Wehrpflichtigen“ sowie eine Dia-Ton-Serie „Ohne
kleinen Leute keine großen Kriege“ erarbeitet.
Auf Initiative ehemaliger Bausoldaten hin konnte die „Arbeitsstelle
Friedensfragen beim Bund der Ev. Kirchen“ als staatsunabhängige
Forschungsstelle eingerichtet werden. Der Versuch von Bausoldaten,
unabhängig von der Kirche eine Organisation aufzubauen,
z.B. im Rahmen der Jugendkommission der CDU-nahen Christlichen
Friedenskonferenz, scheiterte infolge anhaltender zersetzender
Einflüsse von Spitzeln des MfS.
Eine bemerkenswerte Entwicklung der Geschichte ist die Tatsache,
dass der DDR-Staat mit seiner Anordnung über die Aufstellung
von Baueinheiten eine legalisierte Form des Widerstandes selbst
geschaffen hatte. In ihnen wurde die Auseinandersetzung mit
Andersdenkenden trainiert, wurden oppositionelle Gedanken
formuliert, breit diskutiert und in die Öffentlichkeit
getragen. Dies blieb natürlich nicht ohne nachhaltige
Wirkung. Der Bürgerrechtler H.-J. Tschiche verweist später
auf diese Bedeutung: „Ohne diese Wehrdienstverweigererbewegung
hätte es nie die Vorbereitungen für die Umbrüche
der achtziger Jahre gegeben.“ In einem Strategiepapier
zählt deshalb auch 1987 das MfS von den 19 männlichen
„hartnäckigsten Feinden“ 6 ehemalige Bausoldaten
auf.
Auch heute wirken noch viele prominente ehemalige Bausoldaten
in verantwortlichen Aufgaben der Wirtschaft, Wissenschaft,
Kultur und Politik.
Wolfgang Stadthaus