Sondervotum von Freya Klier

Freya Klier Berlin, im Mai 2006

Schriftstellerin/Regisseurin


Sondervotum

Hiermit gebe ich zu den vorliegenden Empfehlungen der Experten-Kommission das nachfolgende Sondervotum ab:

Ich möchte mich den Empfehlungen der Kommission in wesentlichen Punkten nicht anschließen, weil sie sich aus einer anderen politischen Wahrnehmung speisen als meinen eigenen. Während ein Teil der Kommission von DDR als einem historisch abgeschlossenen Gebilde ausgeht und folglich einen grundsätzlichen Paradigmenwechsel im Umgang mit der 40-jährigen Diktatur favorisiert (auch, wenn dieser Begriff in letzter Sekunde herausgenommen wurde), beobachte ich seit dem Ende der DDR ein kontinuierliches Weiterwirken ehemaliger Nomenklaturkader. Ihre Netzwerke haben sich nicht aufgelöst, sondern strategisch verfeinert. Die Auseinandersetzung mit ihnen aber erfordert ein offensiveres Instrumentarium als das im Kommissionspapier empfohlene.

Die Stützen der untergegangenen Diktatur marschieren ja nicht nur in Gedenkstätten auf – sie sitzen im Bundestag, in den Medien, in Schulen und vielfältigen Gremien unserer Demokratie. Und sie werden nicht müde, ihren Unrechtsstaat im Nachhinein demokratisch aufzupolieren und in der öffentlichen Erinnerung zu glätten. Sie zielen auf Zukunft.

Ihre Chance: Wir hängen fest in Einheitsfehlern, vor allem juristischen. Statt diese nach 16 Jahren endlich zu korrigieren, folgt ein Aufweichen demokratischer Grundsätze nach dem anderen.

Das Empfehlungspapier unserer Kommission atmet – im Gewand akademischer Formulierungen – über weite Strecken den Geist des Abwickelns, des Historisierens. Dies ist für mich das falsche Signal in einer Zeit, in der sich Kader des ehemaligen DDR-Regimes national und international erneut optimal zu positionieren suchen.

Die Empfehlungen der Kommission greifen kaum bei einer für mich vorrangigen Aufgabe – der Übertragung von Geschichtswissen an unseren komplett reizüberfluteten Nachwuchs... eine Generation, für die das jenseits der Jahrhundertwende Geschehene so fern zu sein scheint wie das Römische Reich. Hier bleibt das Papier ausgesprochen vage. Der sinnliche Nachvollzug staatlicher Repression und die Frage, was Menschen in Diktaturen einander anzutun vermögen, ist – meiner ständigen schulischen Erfahrung nach – fast der einzige Einstieg für junge Leute, ein anderes System als Demokratie überhaupt denken zu können. Als Ort der diesbezüglich stärksten Wirkung wird von Schülern und Lehrern stets die Gedenkstätte Hohenschönhausen herausgehoben.

 

Freya Klier

Gefördert mit Mitteln der Stiftung zur Aufarbeitung der SED-Diktatur

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