Interview mit Tom Sello, Robert-Havemann- Gesellschaft, in der "Berliner Zeitung" vom 12.5.2006
GESCHICHTE - Wie war die DDR wirklich?
Künftig sollen Profi-Historiker mehr mitzeichnen am Bild. Das ist sinnvoll. Der Plan rührt aber auch an empfindliche Stellen von Bürgerrechtlern und weckt finanzielle Wünsche.
Herr Sello, die Expertenkommission die ein neues Aufarbeitungskonzept zur DDR-Geschichte erarbeitet hat, will die Arbeit vieler Initiativen "professionalisieren", fachwissenschaftlich ausrichten. Sehen Sie die bisherige Arbeit dieser Institutionen damit abgewertet?
Wenn damit gemeint ist, dass die Arbeit vieler Archive und Museen als mangelhaft kritisiert wird, muss ich heftig widersprechen. Was Institutionen wie das Museum "Runde Ecke" in Leipzig unter oft widrigen Umständen geleistet haben, zeugt durchaus von Professionalität. Mit wenig Geld, unsicherem Etat, großem Engagement und gegen Ostalgie-Wellen haben die Mitarbeiter Dokumente und Gebäude gerettet, erhalten und der Öffentlichkeit zugänglich gemacht. Wenn es darum geht, die Arbeit mit einer finanziellen Absicherung zu verbessern, ist der Vorschlag willkommen.
Haben Wissenschaftler den klareren Blick für die Aufarbeitung der DDR ?
Die Initiativen sind ja offen für die Mitarbeit von Wissenschaftlern. Bislang fehlte es oft am Geld, etwa für eine Ausstellung professionelle Gestalter hinzuzuziehen. Die nach dem Ende der DDR gewachsenen Aufarbeitungsstrukturen sind ein großes Potenzial bürgerschaftlichen Engagements. Das darf nicht zerstört werden. Dieses Engagement und fachliche Professionalität zusammenzubringen, muss ja kein Widerspruch sein.
Das Konzept sieht vor, die Birthler-Behörde in ein Forschungszentrum umzuwandeln und die Stasi-Akten ins Bundesarchiv zu geben ...
Diese Forderung ist heute völlig fehl am Platz. Die gesetzlichen Aufgaben haben sich noch lange nicht erledigt: nämlich die Stasi-Akten offen zu halten und Forschung und Aufklärung zu betreiben. Dazu wird die Behörde als Institution mit Akten noch dringend gebraucht.
Das Gespräch führte Renate Oschlies.
Gefördert mit Mitteln der Stiftung zur Aufarbeitung der SED-Diktatur
