Biographie
Robert Havemann

OdF-Ausweis von Robert Havemann mit der Nr. 8, unterschrieben von Karl Raddatz und Ottomar Geschke (Hauptausschuß "Opfer des Faschismus"), Berlin den 11.09.1945

Robert Havemann, Physikochemiker, 11.3.1910 – 9.4.1982

Kurzbiographie von Werner Theuer (1950-2005), Robert-Havemann-Archiv, Februar 2000

Jugend-1930er Jahre
1940er Jahre
1950/60er Jahre
1970er Jahre
1980er Jahre

Jugend - 1930er Jahre

Robert Havemann wird am 11. März 1910 in München geboren. Seine Mutter ist Malerin, sein Vater Lehrer, Autor und Redakteur. 1929 beginnt er ein Studium der Chemie in München. Dort schließt er enge Freundschaft mit Klaus Piper, der vierzig Jahre später Robert Havemanns Autobiographie "Fragen Antworten Fragen" als Verleger im Westen veröffentlicht. 1931 geht er nach Berlin, beendet dort zwei Jahre später sein Studium und promoviert 1935 an der Berliner Universität. Als begabter Naturwissenschaftler, dem das intuitive Experimentieren besonders liegt, erwirbt er sich mit Forschungen über die Biochemie des Blutstoffwechsels und mit Erfindungen zu meßtechnischen Analysemethoden erste Anerkennung in der wissenschaftlichen Öffentlichkeit. Aus philosophischer Neugier heraus beschäftigt er sich seit Beginn der dreißiger Jahre mit dem dialektischen Materialismus. Sein politisches Erwachen führt ihn zu den Kommunisten, in denen er die konsequentesten Gegner der Nationalsozialisten sieht. Seit 1932 ist er für die Abwehr der Komintern tätig. In den Tagen um den Reichstagsbrand beherbergen er und seine künftige Ehefrau Antje Hasenclever den bulgarischen Kommunisten Vasili Taneff, der neben Georgi Dimitroff einer der Hauptangeklagten im Reichstagsbrandprozeß wird. Im gleichen Jahr findet Robert Havemann zur Widerstandsgruppe "Neu Beginnen", die sich aus oppositionellen KPD- und SPD-Mitgliedern zusammensetzt und die Spaltung der Arbeiterbewegung überwinden will. In dieser Gruppe wird er marxistisch geschult und in die Regeln konspirativer Arbeit eingeweiht. Für die Nachrichtenübermittlung an das Auslandssekretariat in Prag entwickelt er mit seinem chemischen Talent eine Geheimtinte. 1935 wird der Kreis der Gruppe, dem er angehört, entdeckt und verhaftet. Seine Zugehörigkeit bleibt der Gestapo jedoch verborgen.

zum Anfang

1940er Jahre

Im Jahre 1943 gründet Robert Havemann mit Freunden aus einem Kreis von Nazigegnern, der seit Ende der dreißiger Jahre besteht, die Widerstandsgruppe "Europäische Union". Die Gruppe versteckt von der Deportation bedrohte Juden und beschafft ihnen gefälschte Personalpapiere und Lebensmittel. Darüber hinaus baut sie Verbindungen zu illegalen Organisationen von Fremd- und Zwangsarbeitern auf, denn das Widerstandspotential gegen Hitler sieht Havemann, der theoretische Kopf der Gruppe, nicht in der deutschen Bevölkerung, sondern bei den nach Deutschland verschleppten Zwangsarbeitern. Nach seiner Vorstellung kann eine friedliche Nachkriegsgesellschaft nur in einem geeinten, sozialistischen Europa gestaltet werden, in dem die Freiheit des Individuums und soziale Gerechtigkeit gewahrt sind. Das Bekenntnis zur Freiheit des Individuums nimmt er in seiner Stalinismuskritik wieder auf. Im September 1943 wird die "Europäische Union" durch einen Gestapospitzel entdeckt, schlagartig werden die meisten Mitglieder verhaftet. Der Volksgerichtshof verurteilt die Gründer der Widerstandsgruppe und elf weitere Mitglieder in dreizehn getrennten Prozessen zum Tode. Im Dezember 1943 kommt Robert Havemann in eine Todeszelle des Zuchthauses Brandenburg. Befreundeten, einflußreichen Wissenschaftlern gelingt es, seine Forschungsarbeit als "kriegswichtig" erklären zu lassen. Seine Hinrichtung wird mehrfach aufgeschoben. In der Laborzelle, in der er für die Wehrmacht forschen soll, bastelt er aus eingeschmuggelten Bauteilen einen Radioempfänger und gibt täglich sein illegales Nachrichtenblatt "Der Draht" mit kommentierten Rundfunkmeldungen an die Mithäftlinge heraus, unter denen sich auch Erich Honecker befindet. Kurz vor der Übergabe des Zuchthauses an die sowjetischen Truppen stellt er Reizstoffschwelkerzen und Sprengstoff zur Verteidigung gegen die SS und zur Selbstbefreiung der Gefangenen her. Die Erfahrungen der Haft unter der ständigen Bedrohung durch das Todesurteil und die Befreiung durch die Rote Armee am 27. 4. 1945 prägen ihn tief. Sein weiteres Leben empfindet er als eine "Zugabe". Dieses Gefühl und sein optimistisches Naturell geben ihm später die innere Kraft, in seiner Kritik an der SED nicht nachzulassen und sich gegen seine Verfolgung zu wehren. Nach der Befreiung aus dem Zuchthaus erkrankt Robert Havemann an Lungentuberkulose als Folge der Haft. Bevor die westlichen Alliierten Berlin erreichen, setzen ihn die sowjetischen und ostdeutschen Kommunisten im Juli 1945 als Leiter der Kaiser-Wilhelm-Institute (KWI) in Berlin-Dahlem ein, die im künftigen amerikanischen Sektor liegen. Er bemüht sich, die Forschung wieder in Gang zu bringen und eine Forschungshochschule zu gründen. Gleichzeitig stürzt er sich hoffnungsvoll in den Aufbau einer neuen, antifaschistischen Gesellschaft. Er gehört dem Hauptausschuß "Opfer des Faschismus" an und wird Mitbegründer des Kulturbunds. Obwohl er der KPD bzw. SED nahesteht, laviert er zunächst zwischen den politischen Fronten. Bei der Gründung der Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes setzt er sich für eine überparteiliche Organisation ein, die das gesamte politische Spektrum des Widerstands berücksichtigen soll. Seinen Vorschlag kann er gegen die Kommunisten nicht durchsetzen. Auf einem der Treffen mit Überlebenden und zurückgekehrten Emigranten von "Neu Beginnen" hält er einen kritischen Vortrag über die sowjetische Planwirtschaft. Gleichzeitig läßt er sich vom sowjetischen Geheimdienst anwerben. Er soll über seine ehemaligen Genossen von "Neu Beginnen" berichten, die als SPD-Mitglieder den Zusammenschluß mit der KPD verhindern wollen. Der Kontakt wird 1948 beendet, weil Havemann keine brauchbaren Informationen liefert und man ihm nicht traut. Im gleichen Jahr setzen ihn die Verdacht schöpfenden Amerikaner als Leiter der KWI ab. Er bleibt vorerst noch Abteilungsleiter am Institut für Physikalische und Elektrochemie. Im Februar 1950 kritisiert Robert Havemann die amerikanischen Pläne zur Entwicklung der Wasserstoffbombe und deutet ihre mögliche Funktionsweise aus seinem Wissen als Physikochemiker in einem Artikel im "Neuen Deutschland". Weil er das Wahre getroffen und im Zentralblatt der SED veröffentlicht hat, wird er des Geheimnisverrats bezichtigt und fristlos aus dem KWI entlassen. Zwei seiner künftigen Artikel werden ähnliche Folgen für ihn haben. Robert Havemann zieht mit Karin von Trotha, die er 1949 geheiratet hat, in die DDR um und wird Professor und Direktor des Physikalisch-Chemischen Instituts an der Humboldt-Universität, wo er bereits seit 1946 Vorlesungen hält. Dort führt er als neue Forschungsgebiete die Magneto- und Photochemie ein.

zum Anfang

1950/60er Jahre

Er übernimmt eine Vielzahl politischer und wissenschaftlicher Funktionen und steigt in die privilegierte Führungsschicht auf. Er ist unter anderem Vorsitzender des Berliner Friedenskomitees und bis 1963 Volkskammer-abgeordneter für den Kulturbund. 1951 wird er Mitglied der SED, deren Politik er zunächst uneingeschränkt mitträgt. So beteiligt er sich als Prorektor für Studentenangelegenheiten der Humboldt-Universität an der SED-Kampagne gegen die Junge Gemeinde im Frühjahr 1953, unterschreibt die Exmatrikulationsbescheide christlicher Studenten und setzt sie in Gesprächen unter Druck, um sie von ihrem Glauben abzubringen. 1953 wird er Kontaktperson der Staatssicherheit und denunziert in den geheimdienstlichen Treffen einige politisch unzuverlässige Wissenschaftler. Kurz vor der Geheimrede Chruschtschows, die ihn tief erschüttern wird, verpflichtet er sich, als Geheimer Informator "Leitz", westdeutsche Wissenschaftler wie die Nobelpreisträger Werner Heisenberg und Max Born auszuhorchen und sie für die DDR zu gewinnen. Ab 1959 überwacht das MfS den inzwischen verdächtig gewordenen Mitarbeiter und beendet 1963 endgültig die Treffen.

Während Robert Havemanns letzter Vorlesungsreihe eröffnet das MfS im Januar 1964 den Operativen Vorgang "Leitz" gegen ihn, mit dem er bis über seinen Tod hinaus verfolgt wird. Beginnend mit den zaghaften Enthüllungen des XX. Parteitags der KPdSU 1956 findet Havemann seine eigene Sicht und Haltung wieder, die er fortan mutig vertritt. Er will die stalinistische Machtausübung des Parteiapparats überwinden und setzt sich in einem langen Prozeß auch mit seiner eigenen Verantwortung und Beteiligung auseinander. Im Oktober 1956 bewertet er auf Parteiversammlungen die Streiks in Polen und den Aufstand in Ungarn als ein Drängen der Volksmassen nach Demokratisierung, dem die kommunistischen Parteien nachgeben müßten, wenn die Geschichte nicht über sie hinweggehen soll. Havemann beginnt, die Widersprüche und Hemmnisse öffentlich zu benennen, die eine Entwicklung zum demokratischen Sozialismus verhindern. Er besteht darauf, in aller Öffentlichkeit entsprechende Diskussionen in der gesamten Gesellschaft zu führen, und nicht in abgeschirmten Kreisen der Staatspartei oder konspirativ in oppositionellen Gruppen. Mit dieser Forderung gerät er in einen fundamentalen Gegensatz zur Staatspartei. Er durchschaut, daß es der Parteiführung nicht um sozialistische Ideale sondern einzig um den Machterhalt geht. Ausgehend von seiner naturwissenschaftlichen Arbeit betont Robert Havemann, daß die Erkenntnis der Wahrheit die Freiheit der Meinung voraussetzt. In diesem Sinne beginnt er seine öffentliche Auseinandersetzung mit der SED im Rahmen einer auf den ersten Blick nur philosophisch erscheinenden Debatte. Der Auftakt war sein Artikel "Meinungsstreit fördert die Wissenschaften", den er im Juli 1956 im "Neuen Deutschland" veröffentlicht. Er verlangt von den Gesellschaftswissenschaftlern, daß sie ihren Dogmatismus überwinden und kritisiert die ideologische Bevormundung durch die SED-Philosophen. Im September 1962 geht er in seiner Kritik weiter. In seinem Leipziger Vortrag spricht er aus, daß die marxistische Philosophie von ihren offiziellen Vertretern, einschließlich der maßgebenden sowjetischen, zunehmend diskreditiert worden ist und benennt den Zusammenhang zwischen politischer Erstarrung und ideologischem Dogmatismus. Sein Vortrag wird nicht veröffentlicht. Das ist der Auftakt einer langen Kette von Repressionen.

Havemann macht seinen Vortrag bekannt, in dem er das Manuskript an zahlreiche Wissenschaftler im In- und Ausland versendet. Als Folge wird er 1963 aus der Universitätsparteileitung ausgeschlossen. Im Wintersemester 1963/64 hält er seine letzte, Aufsehen erregende Vorlesungsreihe "Naturwissenschaftliche Aspekte philosophischer Probleme", in die über 1000 eingeschriebene Hörer aus dem ganzen Land und aus Westberlin strömen. Die Vorlesungsskripten werden von Studenten abgeschrieben oder im häuslichen Amateurlabor abfotografiert, um sie weiterzuverbreiten. In den Vorlesungen erläutert Robert Havemann mehrmals seine Vorstellungen von Freiheit des einzelnen im Sozialismus. So sagt er in seiner achten Vorlesung: "Freiheit ist nur erstrebenswert, ist nur moralisch, die nicht die Freiheit einzelner ist, sondern die Freiheit aller [...]. Freiheit ist nicht in dem Sinne Einsicht in die Notwendigkeit, daß man jeweils nur eine einzige notwendige Sache tun kann. Sondern wahre Freiheit haben wir erst, wenn es für unser Tun und Lassen eine breite Skala von Möglichkeiten gibt. Je mehr man nicht tun darf, um so weniger Freiheit." Damit hat er die SED-Führung endgültig gegen sich aufgebracht. Als die DEFA die Abschlußvorlesung im Februar 1964 filmt, greift die Staatssicherheit ein, beschlagnahmt die Filmrollen und verhört das Aufnahmeteam. Die SED ordnet Havemanns fristlose Entlassung als Hochschullehrer an und schließt ihn aus der Partei aus. Um dafür nicht den wahren Grund nennen zu müssen, wird die Veröffentlichung eines Gesprächs zwischen ihm und einem westdeutschen Journalisten in einer Hamburger Zeitung als Vorwand benutzt. In dem Artikel äußert er seine Meinung, daß den Bürgern der DDR mehr Freiheit gegeben werden müsse als den Bewohnern westlicher Länder, denn nur auf dieser Grundlage könne der Sozialismus erfolgreich sein.

In der DDR kann Robert Havemann keine Zeile mehr veröffentlichen. Aus seiner letzten offiziellen Wirkungsstätte, der Arbeitsstelle für Photochemie an der Akademie der Wissenschaften, wird er im Dezember 1965 fristlos entlassen und im März 1966 statutenwidrig aus der Akademie ausgeschlossen. Der Grund ist sein Artikel zur Neuzulassung der KPD in der Bundesrepublik, die er mit dem Aufruf zur demokratischen Erneuerung der Partei verbindet. Die SED startet politisch und publizistisch eine Kampagne zur "politisch-ideologischen Zerschlagung und Isolierung Havemanns". Fortan hat Robert Havemann endgültiges Berufsverbot. Robert Havemann läßt sich nicht mundtot machen. Mit zahlreichen Publikationen sucht er bis zu seinem Tode über westliche Medien Einfluß auf die politischen Verhältnisse zu nehmen und Gehör bei seinen Landsleuten zu finden. Damit prägt er eine neue oppositionelle Handlungsweise. In einem Staat ohne Öffentlichkeit nimmt er sich die Freiheit und wird politischer Publizist. Jahre später entwickeln Oppositionelle daraus die Praxis, Publizität im Westen als Schutz vor Verfolgung im Osten zu schaffen.

zum Anfang

1970er Jahre

In den sechziger und siebziger Jahren bilden sich um ihn Kreise von DDR-Kritikern, darunter Schriftsteller und Künstler wie seine engen Freunde Wolf Biermann und Jürgen Fuchs. Er lernt Katja Grafe kennen, beide heiraten 1973. Über die Mauer hinweg sucht Havemann den Austausch mit den Eurokommunisten und der demokratischen Linken im Westen. Seit 1968 unterstützt und verteidigt Robert Havemann die Reformen in der CSSR, die seinen Vorstellungen von einer demokratischen Erneuerung der SED entsprechen, weil Kommunisten "zum ersten Mal nicht nur mit Worten, sondern in ihren Taten die Ideen des Sozialismus mit der Idee der Freiheit" verbunden haben. Für ihn ist der Prager Frühling, als eine "Revolution von oben", der "Sieg der besseren Kommunisten über die Stalinisten." Nach dem 21. August 1968 werden seine Söhne Frank und Florian wegen ihres Protests gegen die Besetzung der CSSR verhaftet.

In den Jahren nach der Niederschlagung des Prager Frühlings befaßt sich Havemann mit den unvollendet gebliebenen Revolutionen in den sozialistischen Ländern. Nach seiner Meinung ist zwar in einer ersten Phase der Revolution das privatkapitalistische Eigentum beseitigt, es sind aber keine neuen, sozialistischen Produktionsverhältnisse geschaffen worden. In einer zweiten, aber ausgebliebenen Phase der Revolution ist die politische Demokratie zu entfalten, wie es die Prager Reformkommunisten versucht haben und wie er es beständig einfordert. Weil in der DDR für ihn diese erste Phase verwirklicht worden ist, sieht er sie als den zukunftsträchtigeren deutschen Staat an, mit dem er sich zeitlebens kritisch verbunden fühlt. Im November 1976, als er gegen die Ausbürgerung seines Freundes Wolf Biermann protestiert, stellt ihn die SED-Führung bis zum Mai 1979 unter Hausarrest. Robert Havemann gelingt es mit Phantasie und Mut und mit Hilfe von Freunden aus dem Osten und dem Westen immer wieder, die Isolation seines von der Staatssicherheit scharf bewachten Wohnhauses in Grünheide zu durchbrechen. Er tüftelt eine Möglichkeit aus, sich mit Lucio Lombardo-Radice, Mitglied des ZK der italienischen KP, in Berlin im Februar 1977 zu treffen. Trotz Hausarrest ist Robert Havemanns Stimme im Herbst 1978 im Westradio zu hören. Er hat seine Antworten zu den Fragen des in Westberlin lebenden Manfred Wilke auf Tonbandkassetten gesprochen, aus denen, so bald sie in den Westen geschmuggelt sind, das Buch "Ein deutscher Kommunist. Rückblicke und Perspektiven aus der Isolation" entsteht. Mit einem provozierenden, aber ungeheuer vorausschauenden Satz kommentiert Havemann, was die SED-Führung mit dem Hausarrest erreichen will: "Ich denke ja gar nicht daran, die DDR zu verlassen, wo man wirklich auf Schritt und Tritt beobachten kann, wie das Regime allen Kredit verliert und schon verloren hat und es nur noch weniger äußerer Anstöße und Ereignisse bedarf, um das Politbüro zum Teufel zu jagen." Im April 1979 beschlagnahmt die Staatssicherheit in stundenlangen Hausdurchsuchungen seine wichtigsten Arbeitsmittel, seine Schreibmaschine, Manuskripte, fast die gesamte Bibliothek, persönliche Briefwechsel, Kassettenrecorder und anderes mehr. Im Mai 1979 wird der Hausarrest aufgehoben. Gleich darauf, im Juni 1979, wird Robert Havemann in einem Zoll- und Devisenverfahren, dessen Drehbuch die Staatssicherheit geschrieben hat, wegen seiner Publikationen im Westen zu einer Geldstrafe von 10.000 Mark verurteilt. Dennoch meldet er sich mit seinen "Zehn Thesen zum 30. Jahrestag der DDR" wieder öffentlich zu Wort und kritisiert die Verschärfung der Strafgesetze der DDR, besonders den Paragraphen 106 über "staatsfeindliche Hetze". Er schreibt: "Die Unterdrückung [...] jeder Kritik [...], die Nichtzulassung einer Opposition in der Volkskammer [...] rufen den Eindruck hervor, daß die Partei- und Staatsführung der DDR die Zahl ihrer Gegner für groß und bedrohlich hält. Nach wie vor hält man die ‚Mauer‘ geschlossen. Das Mißtrauen, es könnte sonst wieder zu einer Massenflucht kommen wie 1961, ist groß. [...] Wir müssen jetzt und hier beginnen, den großen Traum des Sozialismus zu verwirklichen, getreu dem Bebel-Wort: ‚Ohne Demokratie kein Sozialismus, ohne Sozialismus keine Demokratie.‘ Zum 30. Jahrestag einige Vorschläge für erste Schritte auf diesem Weg: 1. Aufhebung aller Beschränkungen der freien Meinungsäußerung durch entsprechende Änderungen des Strafgesetzbuches [...] 2. Haftentlassung und Rehabilitierung aller Personen, die nach diesen Paragraphen verurteilt wurden. 3. Abschaffung jeglicher Zensur und Auflösung des Büros für Urheberrechte. 4. Gründung eines unabhängigen Presseorgans. 5. Herabsetzung der Altersgrenze für Westreisen. 6. Veröffentlichung dieser Thesen im ‚Neuen Deutschland‘."

zum Anfang

1980er Jahre

Viele dieser Forderungen standen beim politischen Aufbruch im Herbst 1989 an erster Stelle. 1980 erscheint Robert Havemanns letztes Buch mit dem Titel "Morgen. Die Industriegesellschaft am Scheideweg. Kritik und reale Utopie". Er zieht eine schonungslose Bilanz der gesellschaftlichen Katastrophen und Krisen des 20. Jahrhunderts. Er verabschiedet sich vom Alleinanspruch des Marxismus als wissenschaftlicher Weltanschauung und legt dar, daß weder moderner Kapitalismus noch realer Sozialismus die globalen Probleme der Menschheit lösen können. Er unternimmt eine Reise in das fiktive Land Utopia, einer Gesellschaft mit demokratisch-sozialistischen Grundzügen und einer merkwürdig anmutenden vollautomatisierten Technik. In seinen letzten Lebensjahren wendet sich Robert Havemann mit der ihm verbliebenen Kraft wieder friedens- und deutschlandpolitischen Fragen zu. Es kommt zu einer fruchtbaren Zusammenarbeit mit der sich seit 1979 bildenden unabhängigen Friedensbewegung, mit Berliner Oppositionellen wie Gerd Poppe und Bärbel Bohley, und mit Theologen wie Rainer Eppelmann. 1981 stimmen Havemann und Eppelmann eine gemeinsam verfaßte Briefaktion ab. Am 7. Juli schickt Rainer Eppelmann einen Brief an Erich Honecker. Die Autoren schreiben, daß angesichts des selbstmörderischen Rüstungswettlaufs der Pazifismus die einzige Möglichkeit politischen Handelns ist. Sie fordern Honecker auf, sich für die Entmilitarisierung des gesellschaftlichen Lebens in der DDR, für eine kernwaffenfreie Zone in Mitteleuropa und für den Abzug aller ausländischen Truppen aus den europäischen Ländern einzusetzen. Da eine Antwort ausbleibt, wird der Brief am 24. September in der Hamburger Illustrierten "Stern" veröffentlicht. Am 20. September richtet Robert Havemann einen Offenen Brief an Leonid Breschnew, der am 6. Oktober in einigen westdeutschen Zeitungen abgedruckt wird. Havemann schlägt vor, die Teilung Europas in militärische Blöcke durch Friedens- und Abrüstungsverträge zu überwinden und Deutschland wieder zu vereinigen, denn "die Teilung Deutschlands ist die Voraussetzung der tödlichsten Bedrohung, die es in Europa jemals gegeben hat." Zu den Erstunterzeichnern gehören vor allem Menschen aus dem Kreis um Havemann. Der Brief findet als gesamtdeutsche Initiative auch im Westen zahlreiche Mitunterzeichner. Ende 1981 arbeiten Havemann und Eppelmann am Text des "Berliner Appells", der die zuvor geäußerten Vorschläge erneut aufgreift und anregt, "unter Anerkennung des Rechts auf freie Meinungsäußerung die große Aussprache über die Fragen des Friedens zu führen." Der Berliner Appell wird am 25. Januar 1982, wenige Wochen vor Robert Havemanns Tod, veröffentlicht. Der Appell und die vorherigen Briefe zielten auch auf die verlogene Behauptung des selbsternannten "Friedensstaates" DDR, allein durch sein Bestehen den europäischen Frieden zu sichern.

Robert Havemann hat den Hausarrest nur um knappe drei Jahre überlebt. Er stirbt am 9. April 1982 in Grünheide. Trotz des Großaufgebots der Staatssicherheit, die verhindern soll, daß die Beerdigung am 17. April zu einer politischen Demonstration wird, nehmen mehrere hundert Menschen von ihm Abschied. Das Haus, in dem er gelebt und seine Gedanken diskutiert und aufgeschrieben hat, wird auf Initiative seiner Frau, Katja Havemann, am 10. September 1989 zum Gründungsort des "Neuen Forum", der politisch bedeutendsten Bürgerbewegung in der DDR. Robert Havemann hat sieben Kinder: Ulrich, Frank, Florian, Sibylle und Franziska Havemann, Ulrike und Johanna Martin.

zum Anfang

Gefördert mit Mitteln der Stiftung zur Aufarbeitung der SED-Diktatur

Stiftung zur Aufarbeitung der SED-Diktatur

Material

Bildergalerie

Buchpublikationen von Robert Havemann

Buchpublikationen

Atomtechnik geheim? Hg.: Dt. Friedenskomitee und Kammer der Technik, Berlin 1951, 31 S.
Einführung in die chemische Thermodynamik. Hg. Franz X. Eder und Robert Rompe, Berlin, Deutscher Verlag der Wissenschaften 1957, 296 S.
Dialektik ohne Dogma? Naturwissenschaft und Weltanschauung. Reinbek, Rowohlt 1964, 168 S. [ erweiterte DDR-Ausgabe: Hg. Dieter Hoffmann u. Hartmut Hecht, Berlin, Deutscher Verlag der Wissenschaften 1990, 266 S.]
Fragen Antworten Fragen. München, Piper 1970, 302 S.; Rückantworten an die Hauptverwaltung "Ewige Wahrheiten". Hg. Hartmut Jäckel, München, Piper 1971, 157 S. [ erweiterte DDR-Ausgabe: Berlin, Deutscher Verlag der Wissenschaften 1990, 287 S.]
Berliner Schriften. Aufsätze, Interviews, Gespräche und Briefe aus den Jahren 1969 bis 1976. Hg.: Andreas W. Mytze, Berlin, europäische ideen 1976, 152 S.
Ein deutscher Kommunist. Rückblicke und Perspektiven aus der Isolation. Hg. Manfred Wilke, Reinbek, Rowohlt 1978, 158 S.
Morgen. Die Industriegesellschaft am Scheideweg, München u. Zürich, Piper 1980, 232 S. [DDR-Ausgabe: Halle u. Leipzig, Mitteldeutscher Verlag 1990, 231 S.]
Die Stimme des Gewissens. Texte eines deutschen Antistalinisten. Hg.: Rüdiger Rosenthal, Reinbek, Rowohlt 1990, 224 S.
Warum ich Stalinist war und Antistalinist wurde. Texte eines Unbequemen. Hg.: Dieter Hoffmann u. Hubert Laitko, Berlin, Dietz 1990, 270 S. 

Publikationen über Robert Havemann

Harold Hurwitz: Die Anfänge

Robert Havemann. Eine persönlich-politische Biographie Teil I: Die Anfänge. Harold Hurwitz; ISBN 978-3-9812-7056-3; 16,90 €; Entenfuß Verlag Berlin