Neues Forum
eine Erfolgsgeschichte


Chronik der Bürgerbewegung NEUES FORUM 1989 - 1990

[Auszüge, Leseprobe]

Die Vorgeschichte: Neue Bündnisse, Erosion alter Machtstrukturen
Das Gründungswochenende: Ein Aufruf mit Folgen
September 1989: Der Aufbruch, ein Dammbruch

Die Vorgeschichte: Neue Bündnisse, Erosion alter Machtstrukturen

Initiatoren des Gründungsaufrufes - Als im Spätsommer 1989 nach 40 Jahren endlich Bewegung in das rigide politische System der DDR kommt, Bürger in Massen die Flucht ergreifen und zeitgleich andere hervortreten und laut sagen: Wir sind das Volk, wir bleiben hier!, sind dies unübersehbare Zeichen für notwendige Veränderungen. Doch welche und wie kommen sie in Gang? Noch ahnen auch die seit Jahren dafür streitenden Protagonisten der zunehmend selbstbewusster agierenden Oppositionsszene nicht, wie schnell sie beim Wort genommen werden und das Ende der DDR naht. [...] Für die Entstehung der Idee zur Gründung der Bürgerbewegung Neues Forum sind diese zwei Frauen von herausragender Bedeutung: Bärbel Bohley und Katja Havemann. Als die eigentliche Initiatorin tritt dabei Bärbel Bohley hervor. Darum ist die Gründungsgeschichte des Neuen Forums besonders eng mit ihrem verbunden und beginnt im Januar 1988 Konturen anzunehmen, als sie das erste Mal den Rechtsanwalt Rolf Henrich trifft, um ihm zur Veröffentlichung eines Manuskripts im Westen zu verhelfen. [...] Bohley und Havemann nehmen den SED-Reformer beim Wort. Sein Manuskript »Der vormundschaftliche Staat. Vom Versagen des real existierenden Sozialismus« hat sie darin bestärkt, dass man gemeinsam für die dringend notwendige Demokratisierung streiten kann. Sie erklären sich bereit, es über ihre Kanäle in den Westen zu schaffen. Rolf Henrich seinerseits ist aufgeschlossen für ihre Idee der Gründung einer neuen politischen Bewegung, und gemeinsam entwickeln sie später das Konzept, »eine im Sinne der DDR-Verfassung legale politische Vereinigung, eine demokratische Sammlungsbewegung mit breiter gesellschaftlicher Wirkung, zu gründen«. [...]

Eine Idee nimmt Gestalt an - September 1988 bis August 1989 - Für Bärbel Bohley und Katja Havemann ist im Herbst 1988 endgültig klar, dass die bisher genutzten Strukturen ungeeignet sind für die notwendige politische Bewegung im Land. Die evangelischen Landeskirchen, unter deren Dächern auch unabhängige Initiativen über Jahre eine gewisse Öffentlichkeit finden konnten, haben in beider Augen den letzten Rest an Glaubwürdigkeit verspielt. Zu deutlich offenbarte sich der reglementierende, zensierende Charakter der Kirche als Stellvertreterin staatlicher Bevormundung. Selbst in den gewachsenen Strukturen der unabhängigen Gruppierungen, auch in der Initiative für Frieden und Menschenrechte, sehen beide Frauen keine wirkungsvollen Aktionsmöglichkeiten mehr. Ihr Ziel ist die Öffnung - ein Aufbruch aus den in der Opposition verkrusteten sowie in der Gesellschaft geradezu versteinerten Verhältnissen. Dazu sollen zum einen mit der öffentlichen Artikulation von Kritik das Schweigen der Mehrheit aufgebrochen, die Gesprächsfähigkeit wiederhergestellt und breitere Kreise der Gesellschaft als bisher angesprochen werden. Zum anderen soll das Protestpotential in seiner ganzen Breite gesammelt und gebündelt werden, was mit den oppositionellen Kleingruppen oder Hauskreisen nicht gelingt. [...] Die Überlegungen von Bohley, Havemann und Henrich, wie man eine politische Vereinigung gründen und wen man daran beteiligen könnte, sind seit dem Frühjahr 1989 konkret geworden. Mit Erika Drees, der langjährigen Weggefährtin aus Stendal, ist man auch darin einig, dass nur handverlesene Mitgründer nach Grünheide eingeladen werden sollen und strenges Stillschweigen über das Treffen gewahrt werden muss, damit die Sicherheitsorgane eine solche Gründung nicht im Vorfeld verhindern können. [...]

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Das Gründungswochenende: Ein Aufruf mit Folgen

Tatort Grünheide bei Berlin - 9./10. September 1989 - Die Geburt des Neuen Forums an diesem Septemberwochenende des Jahres 1989 auf dem Grundstück Katja Havemanns in Grünheide bei Berlin ist gut vorbereitet. Im Holzhaus mit Blick zum Möllensee hat sich Bärbel Bohley schon seit mehreren Jahren eingerichtet, nach ihrer Rückkehr 1988 ist das Gartenhaus für sie nun gleichermaßen Arbeitsstätte und Zuhause.
Im Frühjahr waren als Gründungszeitpunkt noch die Tage nach dem 40. Jahrestag der DDR, dem 7. Oktober 1989, vorgesehen. Aufgrund der gewaltigen Fluchtwelle des Sommers wird das Gründungstreffen jedoch um vier Wochen vorverlegt. Grünheide ist mit Bedacht gewählt, es ist der Ort des jahrelangen Hausarrestes für Robert Havemann und seine Frau Katja. Hier treffen sich auch nach 1982, dem Jahr seines Todes, immer wieder die verschiedensten Menschen aus Ost und West - es ist ein Knotenpunkt der Opposition und ein Entstehungsort so mancher Initiative.
Die Auswahl der Einzuladenden ist streng und konspirativ. Den ganzen Sommer fahren Bärbel Bohley und Katja Havemann durch DDR, sprechen gezielt Freunde und Bekannte an. Sie sind wählerisch bei der Suche nach geeigneten Mitgründern und weiteren Geburtshelfern, auch über die Namensgebung ist noch nicht endgültig entschieden.
Seit Juli 1989 wissen die Sicherheitsorgane über Zeitpunkt und Ort der beabsichtigten Gründung Bescheid und kennen einige der Teilnehmer. Aber die gewählte Einladungspraxis bewährt sich. Hauptmann Jäger von der HA XX/9 schreibt am 1. September 1989 über das geplante Treffen: »Eine Teilnahme sei nur auf der Grundlage persönlich ausgesprochener Einladungen möglich, sodass sich das Mitbringen weiterer Personen verbietet.« Es gibt nur einen Inoffiziellen Mitarbeiter des MfS, der von dem Treffen berichten kann, er wird unabgesprochen von einem der Eingeladenen mitgebracht. [...]

Der Gründungsaufruf soll den Nerv treffen und möglichst offen bleiben für die Zustimmung vieler, soweit sind sich die Akteure an diesem Wochenende einig. Sie streiten um jede Formulierung. Das Wort Sozialismus kommt nicht vor, auch das ist Konsens. [...] Die überwältigende Resonanz, die der Aufruf „Aufbruch 89 - Neues Forum" hervorrief, ist nicht erklärbar, ohne auf die Besonderheiten und Unterschiede gegenüber anderen Initiativtexten des Herbstes 1989 einzugehen. Es trifft eben nicht zu, dass sich die Gründungstexte des Herbstes 1989 (Demokratie Jetzt, Demokratischer Aufbruch, Vereinigte Linke) inhaltlich nur unwesentlich voneinander abheben. [...]
Die Erstunterzeichner rechnen mit einem Schneeballeffekt, doch es wird weit mehr - nicht nur eine Kettenreaktion, sondern ein Dammbruch, der eine Überflutung nach sich zieht. Die Menschen kommen von selbst, wollen unterschreiben, um ihren Willen zu bekunden, nicht länger nur schweigende Zuschauer sein. So ist es kein Zufall, wenn der erste Unterzeichner auf der Liste der Unterstützer, der bei Familie Reich klingelt, ein Taxifahrer ist oder wenn im Atelier von Bärbel Bohley ein Busfahrer mit der Friseurmeisterin über die desolate gesellschaftliche Lage diskutiert und sich schließlich den Text des Aufrufes für seine Kollegen mitnimmt, um selbst Unterschriften zu sammeln.

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September 1989: Der Aufbruch, ein Dammbruch

Die Unterschriftensammlungen - [...] Die Verabredungen der dreißig Erstunterzeichner des Gründungsaufrufes vom Wochenende beinhalten auch eine Aufgabenteilung. Während die einen - Bärbel Bohley und Katja Havemann - sich um die sofortige Veröffentlichung des Aufrufs kümmern sollen, wollen die anderen im Lauf der ersten Woche in ihrem Umfeld möglichst zahlreiche Unterstützer des Aufrufes gewinnen, um dann am Dienstag, dem 19. September 1989, in den Bezirken der DDR die Vereinigung Neues Forum anzumelden. Das gelingt auch, denn bereits 1.500 Unterstützungsunterschriften liegen bis zu jenem Dienstag für die formgerechte Anmeldung vor. Verabredet ist ferner, dass die Unterschriftenlisten bei Bärbel Bohley gesammelt werden, um die Zahl der Unterstützer landesweit überblicken und den Stand der Dinge laufend auswerten zu können. Dabei verfahren die Bezirke unterschiedlich. Anfangs werden noch Originallisten übergeben, wobei z. B. Leipzig und Potsdam bereits mit der Schreibmaschine abgetippte Listen nach Berlin senden, Erfurt Computerausdrucke. Einen Monat später entscheiden sich die Verantwortlichen unter dem Druck der unerwarteten Flut von Unterstützern für eine dezentrale Erfassung vor Ort, die Listen aus der Provinz sollen dorthin zurückgebracht werden.
Die Vorgabe, wie diese Listen auszusehen haben, macht Bärbel Bohley, handschriftlich auf vielen der ersten Listen nachvollziehbar: Vorname, Name, Beruf, Adresse und Unterschrift. Die Unterzeichner sollen nicht eine unleserliche Unterschrift unter den Aufruf setzen, sondern genauso wie die Erstunterzeichner mit voller Adresse identifizierbar und auch mit der Berufsbezeichnung erkennbar sein. [...]

Büro Bohley, Fehrbelliner Straße 91 - Die Umschlagstelle für Nachrichten, der Knotenpunkt der beginnenden Formierung der Sammlungsbewegung Neues Forum ist im September 1989 das Atelier von Bärbel Bohley im Hochparterre mit Blick auf den Teutoburger Platz im Berliner Bezirk Prenzlauer Berg und ihre darüberliegende Wohnung im ersten Stock.
Schon nach wenigen Tagen wird ein Bürodienst organisiert, weil sie den Ansturm allein nicht meistern kann. Rund um die Uhr klingelt das Telefon, stehen Leute vor der Tür, die nicht nur den Aufruf unterschreiben, sondern auch reden wollen. Journalisten aus aller Welt bitten um Interviews. Der Ansturm ist überwältigend. [...]
Der Besucheransturm im Atelier von Bärbel Bohley nimmt jeden Tag zu. Nicht nur tagsüber sind Helfer zur Stelle. Jeweils in den Abendstunden ist ein sich abwechselnder Bürodienst damit beschäftigt, Hunderten Personen Auskunft zu geben, das Info-Material auf dem großen Arbeitstisch zu aktualisieren oder Listen entgegenzunehmen. Die Menschen sind begierig auf die vervielfältigten Flugblätter, Offenen Briefe, Erklärungen, Aufrufe, und sie wollen reden, sich austauschen über die politische Lage. [...] Während Tausende DDR-Flüchtlinge in den bundesdeutschen Botschaften am 30. September 1989 ihre Ausreise erreichen, ist bei den Erstunterzeichnern des Gründungsaufrufes ebenso wie im »Büro Bohley« eine unerwartete Flut von Unterschriftenlisten aus nahezu allen Regionen der DDR eingetroffen. Vielerorts stellen sich Menschen, die das nie von sich geglaubt hatten, nun selbst mit ihren Adressen als Kontaktpersonen zur Verfügung.

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Neues Forum

Gefördert mit Mitteln der Stiftung zur Aufarbeitung der SED-Diktatur

Stiftung zur Aufarbeitung der SED-Diktatur

Material

Bildergalerie

Neue Publikation

September 2009

Chronik der Bürgerbewegung NEUES FORUM 1989-1990

Neue Publikation der RHG

Irena Kukutz

Die vorliegende Darstellung folgt der Geschichte des NEUEN FORUM auf eine besondere Weise,   indem zunächst die  Spuren seiner Gründer freigelegt werden, um dann die Folgen der Gründung  dieser politischen Vereinigung, die enorme  Mobilisierungskraft und die Konstituierung der Bürgerbewegung zu beschreiben. In chronologischer Abfolge wird das Bewegungsmuster  nachgezeichnet, welches das NEUE FORUM der Geschichte von 1989/1990 eingeschrieben hat.

Interview

Dezember 2009

Der Erstunterzeichner Reinhard Meinel

in der Studentenzeitung "Akrützel" der Universität Jena.

 

Reinhard Meinel ist Professor für Theoretische Physik an der Universität Jena. 1984 wurde ihm nach seiner Promotion eine Assistenstelle in Jena aus politischen Gründen verwehrt. Am Zentralinstitut für Astrophysik in Potsdam knüpfte er schließlich Kontakte zur DDR-Bürgerrechtsbewegung. Im Herbst 1989 war Meinel Gründungsmitglied des "Neuen Forums".