09.07.2018

Mauerpauer – eine künstlerische Luft(-post)brücke gegen die Berliner Mauer

Für das Projekt Mauerpauer wurden nicht nur Briefe und Postkarten versendet, sondern auch die merkwürdigsten Gegenstände.

„Mail-Art“ – Das ist Kunst per Post. Grenzüberschreitender künstlerischer Protest der sich in kreativ gestalteten Briefen, Postkarten, Paketen, aber auch in ganz alltäglichen per Post versendeten Gegenständen wiederfindet.

Rund 1.000 solcher künstlerischer Postkarten schickten sich 1985/86, als sogenannte „Mail-Art-Luftbrücke“ Ost/West-Deutsche Künstler, darunter viele Schüler, aber auch Prominente, wie der ehemalige Präsident der Akademie der Künste Klaus Staeck und der bereits verstorbene Bildhauer Rolf Schneider, im Luftpostverkehr hin und her. Das weitgefasste Motto hinter der Aktion, was man auf die Schippe nimmt, ist schon untergraben, findet sich in dieser Ausdrucksform wieder. In einer Erklärung zur Ausstellung zum 24. Jahrestag des Mauerbaus heißt es:

„Seite Dreizehntem Achten wird zurückgeschrieben. Die Mauer, der künstlerisch künstliche Schutzwall zwischen Berlin und allem Rest der weiten Welt sieht sich einem unberechenbaren Postkartenstrom ausgesetzt.
Mauerpauer.
Für ein Jahr, vom 13.8.1985 bis zum 13.8.1986, dem 25. Jahrestag des Mauerbaus ist die Luft(post)brücke installiert. Jeder Beteiligte redet gegen die Wand und schaut dabei rüber. Denn die Mauer nimmt der Mensch hin oder rennt dagegen. Mauerpauer überwindet sie. Der Schlüssel passt zu einem Postfach im Herzen dieser Stadt (…). Dort stellt sich die Mauerpauer in den Schatten der Mauer und von ihr eingerahmt aus. Auf der Lauer vor der Mauer, Mauerpauer. Im August 1986.“

Jeder war also dazu aufgerufen seine Gedanken, Ideen und künstlerischen Projekte an ein Postfach in Westberlin zu schicken. Einzige Voraussetzung war, dass die Post einmal die Mauer überquert. Alle postalisch abgestempelten Mauer-Collagen wurden unter dem Titel „Mauerpauer“ im Nachbarpostfach der Ständigen Vertretung im Postamt am Halleschen Ufer gesammelt, was der Bundespost damals arge Probleme bereitete. Ein Postfach unter der Anschrift „Mauerpauer“ duldete sie nicht, der Kennzeichen D-Journalist Holger Kulick hatte es als Berlin Ansprechperson der Künstlergruppe gemietet. Die Schreibweise Mauerpauer wurde bewusst eingedeutscht, weil das betonierte Brett vor dem Kopf ebenfalls ein urdeutsches Zeugnis war. Folgerichtig fand auch die DDR-Post das Unterfangen überhaupt nicht lustig und beschlagnahmte zahlreiche Produkte. Vergeblich versuchte die Stasi dahinterzukommen, wer der eigentliche Empfänger eines Briefes mit der Anschrift „Familie M. Pauer“ war. Mehrere Suchaufträge wurden erteilt, vergebens. Allerdings wurde von den Akteuren nicht nur die Berliner Mauer mit Post bombardiert. Die Künstlerdevise war: Jeder Mensch ist ein Mauerbauer, zumindest seiner im Kopf. Und Mauerpauer wollte alle Wände zum Wackeln bringen, ob sie chinesisch, ostdeutsch, psychologisch, politisch, im Herzen oder Normen aus Stahlbeton sind oder waren.

Mail Art Ausstellung am 13. August 1986 an der Berliner Mauer. ©Robert-Havemann-Gesellschaft/Holger Kulick
Mail Art Ausstellung am 13. August 1986 an der Berliner Mauer. ©Robert-Havemann-Gesellschaft/Holger Kulick

Alle im Verlauf des Jahres eingesandten Karten aus West und Ost wurden am 13. August 1986 entlang der Mauer am Potsdamerplatz unter freiem Himmel ausgestellt. Dazu gab es Tanz- und Musikperformances bis die West-Berliner Polizei „nach einer Anwohnerbeschwerde“ aus dem alten Weinhaus Huth das Treiben unterband. 1987 wurde die Ausstellung noch einmal von Performances begleitet fünf Tage lang im Heidelberger Kunstverein gezeigt und unmittelbar nach der Friedlichen Revolution vom Herbst 1989 in einem Begleitprogramm des Kasseler Documenta sowie in der Stadtkirche von Cottbus. 2004 wurde ein Teil der Ausstellung in der Gedenkstätte Berlin Mauer gezeigt, bevor die Postkarten verpackt in Umzugskartons aus der Öffentlichkeit verschwanden. Holger Kulick, einer der Ideengeber der Ausstellung und Anmieter des Postfachs hat die Ausstellung nun dem Archiv der DDR-Opposition übergeben.

Für das Projekt Mauerpauer wurden nicht nur Briefe und Postkarten versendet, sondern auch die merkwürdigsten Gegenstände. Versandter Koffer des Künstlers Rolf Scheider.
Für das Projekt Mauerpauer wurden nicht nur Briefe und Postkarten versendet, sondern auch die merkwürdigsten Gegenstände. Versandter Koffer des Künstlers Rolf Scheider.
Für das Projekt Mauerpauer wurden nicht nur Briefe und Postkarten versendet, sondern auch die merkwürdigsten Gegenstände.
Für das Projekt Mauerpauer wurden nicht nur Briefe und Postkarten versendet, sondern auch die merkwürdigsten Gegenstände.
Für das Projekt Mauerpauer wurden nicht nur Briefe und Postkarten versendet, sondern auch die merkwürdigsten Gegenstände. Versandter Koffer des Künstlers Rolf Scheider.
Für das Projekt Mauerpauer wurden nicht nur Briefe und Postkarten versendet, sondern auch die merkwürdigsten Gegenstände.
Für das Projekt Mauerpauer wurden nicht nur Briefe und Postkarten versendet, sondern auch die merkwürdigsten Gegenstände.
Mail Art für das Projekt MauerPauer. ©Robert-Havemann-Gesellschaft
Mail Art für das Projekt MauerPauer. ©Robert-Havemann-Gesellschaft
Mail Art für das Projekt MauerPauer. ©Robert-Havemann-Gesellschaft
Mail Art für das Projekt MauerPauer. ©Robert-Havemann-Gesellschaft
Mail Art für das Projekt MauerPauer. ©Robert-Havemann-Gesellschaft
Mail Art für das Projekt MauerPauer. ©Robert-Havemann-Gesellschaft
Mail Art für das Projekt MauerPauer. ©Robert-Havemann-Gesellschaft
Mail Art für das Projekt MauerPauer. ©Robert-Havemann-Gesellschaft