„Texte, die das Unrecht hinaus schreien“ - Erinnerung zum 20. Todestag von Gerulf Pannach

© Robert-Havemann-Gesellschaft/Bernd Markowsky/RHG_Fo_BeMa_317

Gerulf Pannach wurde am 24. Juni 1948 in Arnsdorf geboren. Nach dem Abitur und der Ableistung des Wehrdienstes begann Pannach ein Jurastudium in Halle/Saale, das er allerdings schon nach einem Semester abbrach. Seine Leidenschaft war schon zu diesem Zeitpunkt die Musik. Seine Vorbilder waren so wortbegabte Künstler wie Berthold Brecht, Bob Dylan und Wolf Biermann. Ab Anfang der 1960er Jahre war Pannach Mitglied der DDR-weiten Singebewegung. 1971 gründete er seinen eigenen Singeclub, den „Chanson Club Leipzig“. Pannach und die DDR-Singebewegung entwickelten sich aber in unterschiedliche Richtungen. Die Singebewegung wurde schon bald von der staatlichen Jugendorganisation FDJ beansprucht und somit zum festen Bestandteil der SED Kulturpolitik. Pannach hingegen schloss sich ab 1969 der schon damals sehr populären Band „Renft“ an und wurde deren Texter. Er begleitet die Band auch auf Tourneen und spielte in Renft‘s Auftrittspausen seine eigenen Lieder.

Aus Pannachs Feder veröffentlichte die Band viele Lieder, die sich kritisch mit den Lebensverhältnissen in der DDR auseinandersetzten. Texte, wie die von „Als ich wie ein Vogel war“ oder „Sonne wie ein Clown“, die das Unrecht hinaus schrien und Tabu-Themen benannten, die in der Öffentlichkeit eigentlich nicht existieren durften. Nach der Wiedervereinigung sagte Pannach, dass es die Lebensumstände waren, die ihn dazu veranlassten Musik zu machen. Die Rockmusik war für ihn ein Ventil zur Bewältigung der herrschenden Ungerechtigkeit.

Renft und Pannach eckten mit ihren provozierenden Texten immer öfter an. In vielen ihrer Lieder kritisierten sie, wenn auch nicht direkt, die mit diktatorischer Macht regierende Staatspartei SED. Oft schritten die staatlichen Zensurbehörden ein. Nicht selten heißt es von den Mitgliedern der Gruppe „Gerulf entweder nimmst du die Strophe raus oder die spielen das nicht“. In dieser Zeit entwickelten sich zwischen Pannach und anderen regimekritischen Sängern und Schriftstellern, wie Wolf Biermann oder Jürgen Fuchs, enge Freundschaften.

 

 

Fadenscheinige Begründung für Pannachs nicht stattfindende Konzerte und der darauffolgende kreative Protest gegen das Auftrittsverbot: "Aus technischen (politischen-bürokratischen) Gründen kann die Veranstaltungen mit G. Pannach leider (Gott sei dank) nicht stattfinden! (Alles für die Jugend)" ©BStU Kopie

Gerulf Pannach entzogen die staatlichen Behörden 1974 die Zulassung als freischaffender „Songinterpret“. In der Folge suchte Pannach sich Texte internationaler, meist kommunistischer Künstler und übersetzte sie. Die Texte konnten auch als Kritik an der DDR und dem realexistierenden Sozialismus interpretiert werden, konnten aber auf Grund ihrer Herkunft nicht verboten werden.

Die Klaus Renft Combo solidarisierte sich mit Gerulf Pannach und wurde so selbst zum Ziel der Stasi. Die stellte schließlich fest: „Entsprechend der staatsfeindlichen Zielstellung des Biermann nutzte der Verdächtige [Pannach] seinen Einfluss auf die ehemalige Klaus Renft Combo, um diese in eine offene Konfrontation und eine verfestigte oppositionelle Haltung zur Kulturpolitik von Partei und Regierung und den zuständigen Staatsorganen zu bringen.“ Besonders Pannach‘s Texte für das dritte Album der Band sorgten dafür, dass der Gruppe „Renft“ im September 1975 die Auftrittserlaubnis entzogen wurde. Auf dem Höhepunkt ihrer Bekanntheit durfte die Band nicht mehr auf großen Bühnen auftreten und Konzerte waren nur noch zu kleinen privaten Veranstaltungen möglich. Den Musikern wurde die Berufsgrundlage entzogen.

Als Pannach von der Ausbürgerung seines Freundes Wolf Biermann am 16. November 1976 erfuhr, erklärte er sich sofort bereit eine Protestresolution namhafter Künstler mit zu unterschreiben. Später sorgt er für deren Verbreitung. Für die Staatssicherheit ist die Solidarisierung Pannachs mit Biermann, die Provokation, die das Fass zum Überlaufen brachte. Pannach wurde gemeinsam mit seinem langjährigen Freund Christian Kunert, der Keyboarder von Renft war, am 21. November 1976 wegen „Staatsfeindlicher Hetze“ verhaftet. Zwei Tage zuvor wurde bereits der oppositionelle Schriftsteller Jürgen Fuchs in Gewahrsam genommen.

Die Nachricht, dass die drei Künstler festgenommen wurden, verbreitete sich innerhalb der Oppositionsbewegung der DDR rasch. Kurz nach der Verhaftung wurden zum Beispiel in Halle Flugschriften mit Solidarisierungsaufrufen verteilt.

Unmenschliche Bedingungen und stundenlange Verhöre in der Untersuchungshaft in Berlin-Hohenschönhausen sollten die Künstler dazu bringen, einzugestehen, dass ihre Liedtexte „staatsfeindliche Hetze“ sind. Ihnen wurde eine Haftstrafe von bis zu zehn Jahren angedroht – es sei denn, sie reisen in die Bundesrepublik aus. Nach neun Monaten Haft in der Untersuchungshaftanstalt willigten sie schließlich ein und wurden nach West-Berlin abgeschoben.

 

 

Die Nachricht, dass die drei Künstler festgenommen sind, verbreitet sich innerhalb der Oppositionsbewegung der DDR rasch. Etwa 500 dieser Flugblätter werden am 23. Dezember 1976 in Halle in Briefkästen und Hausfluren verteilt. © BStU-Kopie
Die ausgewiesenen Bürgerrechtler Christian Kunert, Gerulf Pannach, Wolf Biermann und Jürgen Fuchs 1977 in West-Berlin. © Robert-Havemann-Gesellschaft/Johanna Guschlbauer/RHG_Fo_HAB_17672

Dort angekommen solidarisierten sich Pannach, Fuchs und Kunert in einer Erklärung zu ihrer Ausbürgerung mit den berühmten und freundschaftlich verbundenen DDR-Dissidenten Robert Havemann und Rudolf Bahro. Bezugnehmend auf Bahro‘s im selben Jahr erschienene Kritik des realexistieren Sozialismus „Die Alternative“ formulierten die drei Künstler Ansprüche, die sie an eine reformierte DDR Gesellschaft hatten.

„Wohin treibt unser Land? Und wer treibt es wohin? Dabei gibt es doch zu den Absichten der Staatssicherheit nur eine Alternative? Eine menschenfreundliche, fortschrittliche Gesellschaft, in der jeder Mensch atmen kann, kein Polizeistaat, der seine Bürger bespitzelt, einsperrt, ausbürgert oder aus ihrem eigenen Lande drängt.“

 

 

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Für die Realisierung dieser reformierten DDR-Gesellschaft standen die oppositionellen Künstler auch im Westen ein. Pannach trat in Westdeutschland bei Konzerten zusammen mit seinen ebenfalls ausgewiesenen Kollegen Wolf Biermann und Christian Kunert auf. Besonders mit Christian Kunert bestritt er in den folgenden Jahren zahlreiche Auftritte und nahm mit ihm diverse Alben auf. Am 31. Oktober 1977 gaben „Kunert und Pannach“, wie sich das Duo fortan nannte, ihr erstes Konzert in West-Berlin. Die beiden spielten alte Lieder, aber das Publikum erscheint in deutlich geringeren Zahlen als noch im Osten. Für die beiden Musiker fühlte es sich irgendwie falsch an. Sie fühlten sich unwohl, mit Songs aus DDR-Zeiten gegen die alte Heimat zu schießen und wollen nicht als Vorzeige Exilanten auf der Bühne stehen. Es dauerte drei Jahre bis das Duo ein Album mit neuen Songs aufnahm.

Archivbilder des ebenfalls, im Zusammenhang mit der Biermann Ausbürgerung abgeschobenen Fotografen Bernd Markowsky dokumentieren einige Auftritte und Studioaufnahmen aus dieser Zeit.

 

 

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Welche Gefühle Pannach mit seiner Abschiebung und dem neuen Leben in Westdeutschland verband, dokumentierte er in seinem Lied „Fluche Seele Fluch“. Zerrissen zwischen alter Heimat und neuem Exil treibt der Protagonist des Liedes rastlos zwischen Ost und West und findet doch nie sein erhofftes Glück.

Ob im Osten oder Westen
wo man ist, ist's nie am besten
suche, Seele suche
fluche, Seele, fluche.

Nach dem Mauerfall konnte Pannach am 2. Dezember 1989 gemeinsam mit anderen ausgewiesenen Künstlern erneut in der DDR auftreten. Gerulf Pannach starb am 3. Mai 1998 mit nur 48 Jahren an einem Krebsleiden.