"Lernt Polnisch!" – Unterlagen zur unabhängigen Gewerkschaft Solidarność und polnischen Oppositionsbewegung im Archiv der DDR-Opposition

„Lernt polnisch!“ Dieser und ähnliche Aufrufe waren zu Beginn der 1980er Jahre als Graffiti in der ganzen DDR zu lesen. Das mutige Wirken der unabhängigen Gewerkschaft Solidarność in Polen inspirierte die zu diesem Zeitpunkt noch kleine Gruppe der Oppositionellen in der DDR, die auch in ihrem Land auf Reformen hofften. Mit diesen Aufrufen sollte neben dem Wunsch nach einer Mobilisierung der eigenen Mitbürgerinnen und Mitbürger auch das Totschweigen über die im Nachbarland erfolgte Verhängung des Kriegsrechts in den ostdeutschen Medien gebrochen werden. Für die DDR-Opposition war die Gründung der Solidarność nach Ansicht von Gerd Poppe ein „herausragendes Ereignis“, da diese unabhängige Gewerkschaft „trotz Kriegsrecht und Internierungslagern nicht zerschlagen werden konnte.“ Zudem zeigte sich in der Folge, „dass es möglich war, Opposition außerhalb der kommunistischen Partei und ihrer staatlichen Institutionen dauerhaft zu etablieren, und dass die Bildung paralleler gesellschaftlicher Strukturen sowie einer zweiten Öffentlichkeit eine Voraussetzung für den erfolgreichen Widerstand war.“[1]

Die Entwicklung in Polen führte bei den Verantwortlichen in Ost-Berlin zu großer Nervosität. Stasi-Chef Erich Mielke forderte „höchste Wachsamkeit“, da es sich im Nachbarland „um gefährliche Ereignisse“ handele, „um das konzentrierte Wirken konterrevolutionärer Kräfte inmitten unserer Staatengemeinschaft mit allen für die DDR daraus entstehenden Gefahren. Was in Polen geschieht, das ist auch für uns in der DDR eine Kernfrage, eine Lebensfrage.“[2] Zwei Monate nach Gründung der unabhängigen Gewerkschaft kündigte die DDR-Regierung einseitig den visafreien Reiseverkehr nach Polen und schloss die Grenze. Solidaritätsbekundungen mit Solidarność wurden nunmehr im SED-Staat rigoros verfolgt.

Roland Jahn etwa erstand in einem Schreibwarenladen polnische Papierfahnen, ergänzte sie um den Solidarność-Schriftzug und einen handgemalten Spruch „Solidarität mit dem polnischen Volk“ und befestigte sie an seinem Fahrrad. „Das Fähnchen war für uns nun ein Symbol für die Möglichkeit einer Veränderung“ – so Jahn in der Rückschau. „Die ganze Hoffnung, die sich an diese Möglichkeit knüpfte, wollte ich sichtbar in meinem Alltag in der DDR dokumentieren.“[3]

Quelle: Robert-Havemann-Gesellschaft/RHG_Fo_HAB_16033

Auch Thomas Kretschmer, Bausoldat und in oppositionellen Kreisen Thüringens aktiv, wollte seine Sympathie mit der Solidarność-Bewegung zum Ausdruck bringen, fertigte aus Bettlaken Batiktücher mit der Aufschrift „LERNT POLNISCH“ an und verschickte sie als Neujahrskarten. Er wurde zu 4 Jahren Gefängnis verurteilt.

 

 

Quelle: Robert-Havemann-Gesellschaft/RHG_Fo_HAB_10214

Das Solidarność-Fähnchen von Roland Jahn und eines der Batiktücher von Thomas Kretschmer sowie zahlreiche andere Dokumente und Fotos im Archiv der DDR-Opposition der Robert-Havemann-Gesellschaft dokumentieren die Beziehungen zu oppositionellen Kreisen in anderen osteuropäischen Ländern, vor allem zu denen in Polen. 

Wolfgang Templin – einer der Gesprächsteilnehmer des Podiums am 8.6. unterstreicht die Bedeutung der unabhängigen polnischen Gewerkschaft für die osteuropäischen und ostmitteleuropäischen Oppositionsgruppen: „Polen und die Solidarność spielten für die friedlichen Revolutionen des Jahres 1989 eine entscheidende Rolle.“[4]  

 

 

Fahrt nach Südostpolen mit u.a. Wolfgang Templin. (Sommer 1980)
Robert-Havemann-Gesellschaft/Uwe Dähn/RHG_Fo_UDähn_01_21-08

Templin absolvierte in den Jahren 1976/77 ein Auslandsstudium in Warschau und kam in dieser Zeit in Kontakt mit einer polnischen trotzkistischen Gruppe, deren kritisch-marxistische Analysen er in die deutsche Sprache übersetzte. Seit dieser Zeit unterhielt er Beziehungen zu polnischen Oppositionskreisen. In seinem Persönlichen Archivbestand ist neben zahlreichen Korrespondenzen u. a. eine umfangreiche Materialsammlung zur osteuropäischen und ostmitteleuropäischen Opposition, insbesondere der polnischen, überliefert.

 

 

In der Wohnung von Ralf Hirsch werden Fotos von Oppositionellen gemacht, die im Falle einer Verhaftung für die Pressearbeit im Westen verwendet werden sollen. Die Fotos werden bei Roland Jahn in West-Berlin aufbewahrt. (Februar 1987)
Robert-Havemann-Gesellschaft/Ralf Hirsch/RHG_Fo_HAB_10169

Weitere Überlieferungen zu Polen und zur polnischen Oppositionsbewegung befinden sich etwa im Nachlass von Ludwig Mehlhorn, der zu dem sehr kleinen Kreis von Oppositionellen in der DDR zählte, die schon in den 1970er Jahren Kontakte mit der polnischen Opposition aufgenommen hatten. Er erlernte die polnische Sprache, übersetzte literarische und politische Texte, verbreitete sie illegal in der DDR und unterstützte widerständige Gruppen im östlichen Nachbarland. Neben vielen Korrespondenzbänden und einer umfangreichen Materialsammlung mit Unterlagen der polnischen Opposition findet sich in seinem Bestand auch ein stattliches Konvolut polnischer Samisdat- und Tamisdat-Ausgaben.

 

 

Briefe aus Polen an das Ehepaar Mehlhorn.

Darüber hinaus enthält der Persönliche Bestand von Gerd Poppe Erklärungen, Broschüren und Korrespondenzen von und über die polnische Oppositionsbewegung sowie Informationen und Broschüren von und über die unabhängige Gewerkschaft Solidarność.

 

 

Gerd Poppe in seiner Wohnung im Herbst 1989. (29. Oktober 1989) Robert-Havemann-Gesellschaft/Armin Wiech/RHG_Fo_AW_0297
Publikation des Auslandsbüros der Solidarnosc
Robert-Havemann-Gesellschaft/GP 18/1
Broschüre von Lech Walesa über Preissteigerungen und den polnischen Lebensstandard, 25.02.1985
Robert-Havemann-Gesellschaft/GP 18/2
“News Solidarnosc“ vom 15.12.1985
Robert-Havemann-Gesellschaft/GP 18/2

Zudem finden sich im Persönlichen Bestand von Konrad Weiß Dokumente zu den Beziehungen DDR-Polen, u. a. zum Magdeburger Polen-Seminar (1977-1984) bzw. Anna-Morawska-Seminar (1985-1990). Überliefert ist dort ebenfalls eine umfangreiche Materialsammlung zu Polen. In den Beständen von Rainer Bratfisch und Uwe Dähn sind weitere Unterlagen zur Solidarność und zur polnischen Opposition gesichert.

 

 

Flyer der Solidarnosc und zwei Ausgaben der „Gazeta wyborcza“, Polen 1989. Flyer rechts: „Gegen die Ohnmacht. Wahl 89“ mit Kandidatenliste auf der Rückseite (Bildmitte). Links unten im Bild: „Verschlaf nicht, denn Du wirst gewählt!“
Robert-Havemann-Gesellschaft/BRa 07
Sammlung Samisdatzeitschriften „Wspolne Rozmowy“, („Gemeinsame Gespräche“), Polen 1981. Robert-Havemann-Gesellschaft/UD 02

Im Bildarchiv befinden sich vor allem im Fotobestand von Bernd Markowsky zahlreiche Aufnahmen aus Polen. Geprägt durch seine Erfahrungen in der SED-Diktatur verfolgte Bernd Markowsky die entstehende Solidarność-Bewegung in Polen mit besonderem Interesse. Von 1980 bis 1981 bereiste er zusammen mit der Schriftstellerin Helga M. Novak mehrfach das östliche Nachbarland. In Warschau, Krakau und Danzig entstanden beeindruckende Fotoreportagen über die Solidarność und den Alltag der polnischen Bevölkerung kurz vor der Verhängung des Kriegsrechts.

 

 

Schlange vor Lebensmittelgeschäft in Warschau, 1981
Quelle: Robert-Havemann-Gesellschaft/Bernd Markowsky/ RHG_Fo BeMa_1486
Die Leninwerft in Danzig, ab 1980 Zentrum der sich formierenden Streikbewegung in Polen und Gründungsort der Gewerkschaft Solidarnosc. Quelle: Robert-Havemann-Gesellschaft/Bernd Markowsky/ RHG_Fo BeMa_1495
Parolen in den Straßen von Danzig 1981. "Der Streik der Solidarnosc geht weiter" und "So wahr uns Gott helfe".
Quelle: Robert-Havemann-Gesellschaft/Bernd Markowsky/RHG_Fo_BeMa_1496
Informationsraum der Solidarnosc-Büros in Krakow
Quelle: Robert-Havemann-Gesellschaft/Bernd Markowsky/RHG_Fo BeMa_1501
Büro der Solidarnosc in Krakow: Druckfahnen beim Trocknen.
Quelle: Robert-Havemann-Gesellschaft/Bernd Markowsky/ RHG_Fo BeMa_1507
Druckerei der Solidarnosc in Krakow. Polen 1981.
Quelle: Robert-Havemann-Gesellschaft/Bernd Markowsky/ RHG_Fo BeMa_1511_c
Straßenszene Danzig, 1981.
Quelle: Robert-Havemann-Gesellschaft/Bernd Markowsky/ RHG_Fo BeMa_1515
Streikaufruf der Solidarnosc in Danzig, 1981: „Gleiche Rechte für Bauern und Arbeiter“ und „Wir werden uns nicht in den Städten einsperren lassen.“
Quelle: Robert-Havemann-Gesellschaft/Bernd Markowsky/BeMa_1530
Versammlung der Studentengewerkschaft in Warschau, Polen 1981
Quelle: Robert-Havemann-Gesellschaft/Bernd Markowsky/RHG_Fo BeMa_ 1551
 
 
 

[1] Gerd Poppe: Begründung und Entwicklung internationaler Verbindungen, in: Eberhard Kuhrt (Hrsg.): Opposition in der DDR von den 70er Jahren bis zum Zusammenbruch der SED-Herrschaft, Opladen 1999, S. 359.

[2] MfS-Dienstbesprechung am 2.10.1980, zit. nach: Monika Tantzscher: „Was in Polen geschieht, ist für die DDR eine Lebensfrage!“ Das MfS und die polnische Krise 1980/81“, in: Materialen der Enquete-Kommission „Aufarbeitung von Geschichte und Folgen der SED-Diktatur in Deutschland“, hrsg. vom Deutschen Bundestag (12. Wahlperiode), Band V/3, Baden-Baden 1995, S. 2625.

[3] Roland Jahn: „Solidarność z polskim narodem“. Ein Fähnchen fürs Archiv, in: Frank Ebert/Anja Schröter (Hrsg.): Gegenentwurf. Ausschnitte deutscher Demokratiegeschichte, Berlin 2020, S. 82.

[4] Wolfgang Templin: Die osteuropäischen Befreiungsbewegungen – Voraussetzungen für eine erfolgreiche friedliche Revolution 1989, in: Eckart Conze u.a. (Hrsg.): Die demokratische Revolution 1989 in der DDR, Köln u.a. 2009, S. 92.