Wegen eines gelochten Fahrscheins unter Spionageverdacht - Robert Conrad über seine Reise durch die Sowjetunion.

Robert Conrad auf dem Roten Platz in Moskau. ©Robert-Havemann-Gesellschaft/Thomas Frick/RHG_Fo_RoCon_6617
Robert Conrad auf dem Roten Platz in Moskau. ©Robert-Havemann-Gesellschaft/Thomas Frick/RHG_Fo_RoCon_6617
Moskau 1985. ©Robert-Havemann-Gesellschaft/RHG_Fo_RoCon_6618
Moskau 1985. ©Robert-Havemann-Gesellschaft/RHG_Fo_RoCon_6619
Moskau 1985. ©Robert-Havemann-Gesellschaft/RHG_Fo_RoCon_6620
1985. ©Robert-Havemann-Gesellschaft/RHG_Fo_RoCon_6621
Tiflis 1985. ©Robert-Havemann-Gesellschaft/RHG_Fo_RoCon_6622
Jerewan 1985. ©Robert-Havemann-Gesellschaft/RHG_Fo_RoCon_6623
Robert Conrad in Jerewan 1985. ©Robert-Havemann-Gesellschaft/Thomas Frick/RHG_Fo_RoCon_6624
Jerewan 1985. ©Robert-Havemann-Gesellschaft/RHG_Fo_RoCon_6625
Jerewan 1985. ©Robert-Havemann-Gesellschaft/RHG_Fo_RoCon_6626
Jerewan 1985. ©Robert-Havemann-Gesellschaft/RHG_Fo_RoCon_6627
Baku 1985. ©Robert-Havemann-Gesellschaft/RHG_Fo_RoCon_6628
Baku 1985. ©Robert-Havemann-Gesellschaft/RHG_Fo_RoCon_6629
Baku 1985. ©Robert-Havemann-Gesellschaft/RHG_Fo_RoCon_6630
Baku 1985. ©Robert-Havemann-Gesellschaft/RHG_Fo_RoCon_6631
Baku 1985. ©Robert-Havemann-Gesellschaft/RHG_Fo_RoCon_6632
Baku 1985. ©Robert-Havemann-Gesellschaft/RHG_Fo_RoCon_6633
Baku 1985. ©Robert-Havemann-Gesellschaft/RHG_Fo_RoCon_6634
Nahe der aserbaidschanischen Stadt Ali-Bairamly, die 2008 in Şirvan umbenannt wurde. ©Robert-Havemann-Gesellschaft/RHG_Fo_RoCon_6635
Nahe der aserbaidschanischen Stadt Ali-Bairamly, die 2008 in Şirvan umbenannt wurde. ©Robert-Havemann-Gesellschaft/RHG_Fo_RoCon_6636

An der Sowjetunion war ich gar nicht besonders interessiert. Durch die Schule, den obligatorischen Russischunterricht, die Zwangsmitgliedschaft in der Gesellschaft für Deutsch-Sowjetische Freundschaft hatte ich nur noch ein geringes Interesse, die Heldentaten und Großartigkeiten der Brüder und Freunde überhaupt zur Kenntnis zu nehmen. Aber nachdem sich durch die Reisen zum Schwarzen Meer und nach Ungarn mein Reisehorizont erschöpft hatte und aus der Not heraus, weil uns Amerika verweigert wurde, blieben irgendwann »nur« noch die unendlichen Weiten der Sowjetunion, deren Besuch ja zumindest nicht grundsätzlich verboten war. Dass dort eine Menge netter Leute wohnten, war klar, ebenso, dass einen tolle Landschaften und historische Städte erwarteten. Deswegen habe ich mehrfach versucht, in dieses Land zu gelangen, aber Jahr für Jahr erhielt ich von den Behörden eine Ablehnung, obwohl es doch eigentlich nur ein Transitvisum war, das ich beantragte, um offiziell erneut nach Bulgarien oder Rumänien zu fahren. Es wurde mir sogar einmal angedeutet: „Sie werden das bestimmt nicht kriegen.“ Die Dame auf dem Amt fragte berechtigterweise, weshalb ich denn nach Bulgarien den Umweg über Weißrussland und die Ukraine nehmen wollte? Meine Antwort, es wäre halt mal etwas anderes, hat sie wohl nicht überzeugt.

Nachdem ich die Sowjetunion eigentlich schon aufgegeben hatte, aber noch einige Jahre vor meinen Ausreiseantrag in den Westen, bot sich mir völlig überraschend die Chance, mit einer Reisegruppe von “Jugendtourist„ mitzufahren. Überraschend deshalb, weil ich als zunehmend staatsfeindlich eingeordneter Bürger für so etwas nicht vorgesehen war. Unter anderem störte die Behörden, dass ich den sozialistischen Realismus allzu wörtlich nahm und realistische Fotografie von meinem Heimatland machte und auch zeigte. Erst recht war man nicht daran interessiert, dass ich dieses Unwesen in der Sowjetunion fortsetzte.

In Greifswald hatte die Stasi auf meinen Freundeskreis und mich einen besonders fleißigen, effektiven Spitzel angesetzt. Diese Frau hat allein drei meiner Freunde ins Gefängnis gebracht, und in den über mich angelegten Akten der Staatssicherheit fand ich später das klar formulierte Ziel, dass auch ich »kriminalisiert werden« sollte. Logisch, dass sie auf der Liste der begehrten Jugendtouristreisen ganz oben stand. Dass dann an ihrer Stelle ich mitfuhr, kam so zustande: Sie war mit meinem engen Freund, dem Fotografen und Schmalfilmer Thomas Frick, zusammen, den sie ebenfalls eifrig beschattete. Aber das ahnten weder er noch ich. Da er nun einmal ihr Freund war, durfte er auf die eigentlich natürlich nur für brave Jugendliche vorgesehene Reise mitkommen. Nun wurde sie plötzlich krank. Wie es dann so ist, es wird improvisiert und ausgerechnet Thomas Frick, der ebenfalls als wenig staatstreu, ja gefährlich eingestuft war, wurde gefragt, ob er nicht jemanden wüsste, der den Platz ausfüllen könnte. So kam ich in die Reisegruppe und so kam es, dass wir zwei “Oberdissidenten“ ohne ihre Beschatterin in die großen Sowjetunion reisten.

Die zweiwöchige Reise fand im Februar/März 1985 statt. Sie war wirklich sehr gut organisiert. Wir flogen von Schönefeld nach Moskau, waren dort vier Tage unterwegs, dann ging es mit dem Flugzeug weiter nach Tbilissi, mit dem Zug nach Jerewan und wieder mit dem Flugzeug nach Baku, ans Kaspische Meer und zurück über Moskau nach Ost-Berlin. Das alles natürlich mit einem staatlich geprüften, zuverlässigen Reiseleiter. Die meisten „Jugendtouristen“ in der Gruppe waren längst nicht mehr jugendlich. Es gab auch einen Mann unter uns, der in Tbilissi heimlich seine sowjetische Freundin besuchte, was offiziell so nicht sein durfte. Die Organisationsleistung von den beiden fand ich sehr beeindruckend. Vor allem aber waren da aber viele brave DDR-Staatsbürger, die das Programm absolvierten, ohne sich sonderlich für Land und Leute zu interessieren. Nur mein Freund Thomas und ich sowie ein Mann aus Wismar, den wir auf der Reise kennenlernten, alle drei mit langen Haaren, Lederjacken und Hirschbeutel, waren anders drauf und sahen auch ein bisschen anders aus. Dem Reiseleiter war sofort klar, dass ihm das Schicksal drei faule Eier ins Nest gelegt hatte. Dieser junge Mann war recht sympathisch, und er ließ sich mit uns auf einen Deal ein. Wir behaupteten ihm gegenüber, wir wären schon oft in der Sowjetunion gewesen und würden alles schon kennen. Deshalb könne er uns aus dem touristischen Programm entlassen, sodass wir eigene Tagestouren unternehmen könnten. So haben wir uns in Moskau und den anderen großen Städten recht frei bewegt und gleichzeitig Hotel, Verpflegung, Flugzeug und Zug wahrgenommen.

Robert Conrad auf dem Roten Platz in Moskau. ©Robert-Havemann-Gesellschaft/Thomas Frick/RHG_Fo_RoCon_6617
Moskau 1985. ©Robert-Havemann-Gesellschaft/RHG_Fo_RoCon_6618
Moskau 1985. ©Robert-Havemann-Gesellschaft/RHG_Fo_RoCon_6619
Moskau 1985. ©Robert-Havemann-Gesellschaft/RHG_Fo_RoCon_6620

Schon die ersten Eindrücke zeigten, hier ist vieles sehr anders, als wir es in der Schule gelernt hatten. Zum Beispiel hat mich schockiert, dass bereits 1985 ziemlich starke nationale Spannungen zwischen den einzelnen Nationalitäten existierten. Ich sah in Tbilissi, wie betrunkene georgische Polizisten in der Kneipe besoffen mit der Dienstwaffe auf den Kellner zielten – einfach so aus Scherz. Nach dem soundsovielten georgischen Cognac haben sie zwar auf Thomas und mich angelegt, vor allem aber immer wieder auf den Kellner mit der Begründung: „Das ist ein Russe, das Schwein.“

Umgekehrt habe ich bei russischen Beamten erlebt, wie die sich abfällig über die Einheimischen äußerten. In Armenien wiederum habe ich manchmal eine unterschwellige Stimmung gegen Aserbaidschaner erlebt. Da ging es noch gar nicht um die Berg-Karabach-Region, wo später nationalistische Spannungen zu schrecklichen Gewaltausbrüchen führten. Ich fand das alles von Anfang an sehr schade. 

Nicht gerade überrascht, aber doch erstaunt, war ich über das große Elend. Es gab Slums am Stadtrand von Jerewan und auf dem Lande in Aserbaidschan Elendssiedlungen, wo die Leute wirklich in Erdhütten mit Laubdächern und ein bisschen Dachpappe darüber lebten.

In Jerewan lernten wir einen Maler kennen, der sich mehr oder weniger illegal durchschlug und interessanterweise einen Ausreiseantrag in die USA hatte, wohin schon viele andere Armenier ausgewandert waren. In Folge des Völkermords durch die Türken 1915 sind seinerzeit sehr viele Armenier in den russischen Teil geflüchtet, viele aber auch in die USA – nicht zuletzt wegen des stalinistischen Staatsterrors. Die Verbliebenen in der Sowjetunion bekamen nun Westpakete, so wie wir aus West-Deutschland. Dementsprechend tolle Jazz-Platten hatten die Leute, die wir trafen. Und sie waren in Fragen von Pop und Jazz teilweise besser auf dem Stand als wir.

Unsere Ausflüge wurden immer mutiger und führten uns immer weiter von der Gruppe weg. Einmal trampten wir von Tbilissi aus bis an die armenisch-türkische Grenze, was natürlich verboten war. Zwar haben wir wegen starken Nebels leider den Berg Ararat hinter der Grenze nicht sehen können, aber wir lernten eine Menge Leute kennen, bei denen wir sofort auch hätten übernachten können. In dem Moment wurde uns schmerzlich bewusst, wie eng doch das Korsett einer organisierten Reise geschnürt ist. Ich wollte jetzt nicht einfach schnöde wieder zurückfliegen, sondern bleiben und am liebsten wochenlang immer so weiterreisen. Deshalb bin ich am letzten Reisetag alleine aufgebrochen und auf eigene Faust weg vom Kaspischen Meer in den Süden getrampt, ohne zu wissen, wo ich eigentlich landen würde. Dumm war nur, dass ich noch am selben Abend von der Polizei erwischt wurde.

Ich war von Baku aus durch ein Steppengebiet getrampt mit der einzigen Karte, die ich hatte kaufen können. Sie war entsprechend der sowjetischen Spionagephobie vollkommen unzureichend. Nach hundert Kilometern stellte sich heraus, dass riesige Industrieanlagen und Plattenbausiedlungen enormen Ausmaßes, die ich am Horizont sah, nirgendwo eingezeichnet waren. Und umgekehrt erwies sich nach zweihundert Kilometern die erste größere Stadt auf der Landkarte quasi als Kaff. Ansonsten hatte die Landschaft etwas von meinen Vorstellungen vom Wilden Westen: Highways kerzengrade bis zum Horizont und riesige weite Ebenen mit spärlicher Vegetation. Parallel zur Straße verlief eine eingleisige Bahnlinie, auf der nach zig Kilometern plötzlich ein ausgebrannter Güterzug lag. Damit war klar: auf dieser Strecke fährt schon lange kein Zug mehr. Alles sehr rustikal, sehr abenteuerlich, untermalt von riesigen schwarzen Rauchwolken am Horizont.

1985. ©Robert-Havemann-Gesellschaft/RHG_Fo_RoCon_6621
Tiflis 1985. ©Robert-Havemann-Gesellschaft/RHG_Fo_RoCon_6622
Jerewan 1985. ©Robert-Havemann-Gesellschaft/RHG_Fo_RoCon_6623
Robert Conrad in Jerewan 1985. ©Robert-Havemann-Gesellschaft/Thomas Frick/RHG_Fo_RoCon_6624

In Ali Bayramli hatte ich keinen wirklichen Plan. Ich wollte mich nur ein bisschen um-schauen, einen Tee trinken und den südlichen Ortsausgang finden, um weiter zu fahren. Dazu kam es aber nicht mehr, weil plötzlich ein Polizist um die Ecke kam. Noch bevor er mich ansprechen konnte, versuchte ich natürlich, ihn nicht zu sehen und schnell, aber nicht zu schnell, um die nächste Ecke zu entkommen. Aber das war nicht möglich, weil sofort diverse Fenster aufflogen und mir quer über die Straße Leute zuriefen – sehr liebenswürdig und  scheinbar gut gemeint –, ich möge mal anhalten, der Polizist wolle etwas von mir. Ich hatte also keine Chance, ihn nicht zu sehen, und stand dem guten Mann bald unausweichlich gegenüber. Ziemlich schnell wurde klar, dass ich kein Visum und kein Propusk hatte, rein gar nichts Amtliches, nur meinen DDR-Personalausweis. Das Visum für die komplette Reisegruppe lag natürlich beim Reiseleiter. Trotz meiner Beteuerungen merkte der Polizist, dass ich eindeutig nicht legitimiert war zu sein, wo ich war. Das schien ihn zu überfordern. Er brachte mich zu Fuß ein paar Querstraßen weiter zu einem großen Flachbau, wo in riesengroßen goldenen Lettern rechts und links auf der zweiflügligen Tür auf schwarzem Grund wirklich “KGB“ stand. Das war wie im Film, das kannte ich von zu Hause nicht. An den Bauten, in die man in der DDR geführt wurde, stand nirgends „Staatssicherheit“. Ich war also tatsächlich beim Geheimdienst in einem düsteren großen Raum mit einer ledergepolsterten Tür und einer Büste Feliks Dzierżyńskis und wurde von einem schnurbärtigen Offizier nett gefragt – man kann nicht einmal sagen: verhört –, was ich denn hier so mache. Mit meinem schlechten Russisch versuchte ich, ihm zu erklären: „Ich bin mit der Reisegruppe da und habe mich ein bisschen zu weit wegbegeben von der Gruppe. Es ist mir gar nicht so aufgefallen.“ Er hat mir natürlich entgegnet, dass es hier allerdings ein bisschen sehr weit weg sei und er auch nicht glauben könne, dass ich zu einer Gruppe gehöre. Dann wurde ich in eine Zelle eingeschlossen und musste eine Weile warten. Ich kam in ein anderes Büro, wurde von anderen Leuten befragt – immer noch auf Russisch. Es wurde immer verzwickter und schwieriger, die Leute von meiner Ungefährlichkeit zu überzeugen. Erst später habe ich erfahren, dass es in dieser Gegend irgendwelche Raketentestgelände gab. Naturgemäß mussten sie denken, ich sei ein Spion. Also wurden mir erst einmal die Filme weggenommen. Aber nicht etwa in dem Sinne: Die sind requiriert und werden als Beweismittel gegen Sie verwendet, sondern: „Sie werden doch nichts dagegen haben, dass wir die Filme jetzt behalten?“ Ich antwortete: „Was soll ich sagen. Klar würde ich sie lieber behalten.“ „Ach so. Wenn Sie die gern behalten wollen, dann müssen wir Sie Ihnen natürlich wiedergeben. Wir entwickeln die Filme erst mal nur.“ In der Tat habe ich zum Schluss meine entwickelten Dia-Filme fast alle wiederbekommen, wahrscheinlich weil wirklich keine Raketen darauf zu sehen waren. Dann wurde noch mein Gepäck durchsucht. Die Beamten fanden mehrere Sachen, die tatsächlich irgendwie verwirrend wirken mussten. Es ging los mit Postkarten. Ich hatte unterwegs auf Flohmärkten oder am Straßenrand von alten Mütterchen jede Menge davon gekauft, darunter auch welche aus den Fünfzigerjahren, und sie in meinen Hirschbeutel gestopft. Als man mich fragte: „Wie kommen Sie zu den Postkarten?“, habe ich gesagt: „Gekauft, im Laden.“ „Das kann nicht stimmen, jetzt haben Sie sich widersprochen.“ „Na, ich habe die halt auf der Straße gekauft.“ Da wurden sie noch misstrauischer. Dann hatte ich noch einen ganzen Stapel Telegrammvordrucke aus einem Postamt als Souvenir dabei. Die sahen so schön aus mit dem großen Sowjetwappen, CCCP auf der Erdkugel; ich wollte sie zu Hause als Notizzettel und Briefpapier benutzen. Doch aus Versehen hatte ich auch ein Formular mitgenommen, wo jemand schon etwas eingetragen, sich dann verschrieben und es liegengelassen hatte. Nun mussten die Geheimdienstler denken, dass ich mit verschlüsselten Meldungen irgendwie per Telegramm den Klassenfeind über ihre Raketenstellungen informiere. Und als sie dann noch ganz unten am Boden meiner Tasche Schnipsel von alten Bustickets aus meiner Heimatstadt Greifswald fanden, die mit einem Lochmuster entwertet waren, wollten sie natürlich wissen: „Was ist das? Computerlesbare chiffrierte Botschaften?“ Ich sagte: „Nein, die benutzt man bei uns im Bus.“ Das kam auch nicht so gut an, und ich landete wieder in der Zelle. Irgendwann erklärte ich: „Ich spreche gar nicht mehr weiter, ich möchte einen Dolmetscher haben.“ Nach ein paar Stunden kam tatsächlich eine Deutschlehrerin aus der Umgebung und übersetzte.

Ich bekam natürlich Angst in der Zelle, als mir dämmerte, dass ja niemand wusste, wo ich war. Würden die mich jetzt hier einfach verschwinden lassen, nur weil ich so sorglos und dumm gewesen war, in irgendwelche Gegenden zu fahren, von denen ich keine Ahnung hatte? Doch mittlerweile wurde wohl heftig mit Baku telefoniert und herausgefunden, dass es meine Reisegruppe und deren Hotel tatsächlich gab. Da wurden die Offiziere etwas ruhiger. Irgendwann ging es bei den Verhören mehr und mehr darum, wie ich die aserbaidschanischen Mädchen finde, und ob man in der DDR auch Lada und Shiguli fahre.

Jerewan 1985. ©Robert-Havemann-Gesellschaft/RHG_Fo_RoCon_6625
Jerewan 1985. ©Robert-Havemann-Gesellschaft/RHG_Fo_RoCon_6626
Jerewan 1985. ©Robert-Havemann-Gesellschaft/RHG_Fo_RoCon_6627
Baku 1985. ©Robert-Havemann-Gesellschaft/RHG_Fo_RoCon_6628

Unangenehm wurde es noch einmal, als ich schließlich das Protokoll unterschreiben sollte. Das war nämlich auf Aserbaidschanisch verfasst. Selbst auf Russisch hätte ich meine Probleme damit gehabt, weil ich kaum gewusst hätte, was da wirklich drinsteht. Aber Aserbaidschanisch ging überhaupt nicht. Ich hatte Bilder im Hinterkopf, wie man in der Lubjanka Menschen auf übelste Art und Weise dazu gebracht hatte, Anklagen gegen sich selbst zu unterschreiben, und war nicht gerade motiviert, mein Urteil zu unterzeichnen. Es dauerte noch eine ganze Weile, bis ich zu dem Schluss kam – mehr intuitiv und natürlich riskant für mich –, die wollen einfach Feierabend haben, und solange ich mich sträube, können sie mich nicht weglassen. Also habe ich irgendwann wirklich unterschrieben, und das war dann auch in Ordnung.

Daraufhin wurde ein riesengroßer Polizist in einem riesengroßen Mantel und mit einer Kalaschnikow abgestellt. Er brachte mich zu einem normalen Überlandlinienbus, und ich fuhr unter seiner Bewachung stundenlang zurück nach Baku. Er hat die ganze Fahrt über Sonnenblumenkerne geknackt und war nicht sehr gesprächig. Irgendwann habe ich doch ein bisschen mit ihm plaudern können und mir sagen lassen, was er sich, ein Polizist in einer Provinz in Aserbaidschan, als Schönstes in seinem Leben wünscht. Seine Antwort hätte aus dem DDR-Schulbuch stammen können: Einmal nach Moskau fahren. Zurück in Baku verlor er mich, als ich ein Taxi zum Hotel suchte, aus den Augen. Nun musste ich ihn finden und wieder einsammeln. Er war den Tränen nahe und beruhigte sich erst wieder, als ich ihn mit ins Taxi nahm, und er mich ordnungsgemäß am Hotel abliefern konnte. Dort wartete bereits die versammelte Hotelleitung mit meinem armen Reiseleiter. Ich musste noch mehrere Schreiben aufsetzen und die Sache erneut erklären, diesmal für die Jugendtourist-Organisation. Ich dachte nur, okay, jetzt wollen die halt auch so einen Text haben, und schrieb, dass ich nur kurz am Stadtrand flanieren wollte und ein bisschen über das Ziel hinausgeschossen war. Ich würde das natürlich nie wieder machen usw. Erst dann entließ man mich zurück in den Schoß der Gruppe. Noch in derselben Nacht ging der Flug, den ich ja eigentlich verpassen wollte, von Moskau nach Schönefeld.

Ich hatte es wirklich darauf angelegt, dazubleiben. Mehr als zwanzig Jahre später frage ich mich natürlich, wie waghalsig war ich damals eigentlich? Ich will mir gar nicht ausmalen, was passiert wäre, wenn ich zum Beispiel an der iranischen Grenze in noch sensibleren Gebieten erwischt worden wäre. Aber damals dachte ich nur, es wäre doch echt schade, jetzt, wo ich schon so weit gekommen war, so schnell wieder zurückzukehren. Die Leute hier sind verdammt nett, und am Ende werden sie dich schon wieder heraus lassen. Ein zweites Mal wird dir solch eine Reise nicht mehr genehmigt werden, also mach das Beste daraus.

Baku 1985. ©Robert-Havemann-Gesellschaft/RHG_Fo_RoCon_6629
Baku 1985. ©Robert-Havemann-Gesellschaft/RHG_Fo_RoCon_6630
Baku 1985. ©Robert-Havemann-Gesellschaft/RHG_Fo_RoCon_6631
Baku 1985. ©Robert-Havemann-Gesellschaft/RHG_Fo_RoCon_6632

Als ich wieder in Greifswald war, hatte das Ganze sein Nachspiel. Ich erwartete natürlich, dass nun das komplette Überwachungssystem des Warschauer Vertrages sein Räderwerk in Gang setzen würde. Ich dachte, der KGB würde, über welche Kanäle auch immer, seiner kleinen Schwester Stasi jedes Jahr eine Liste mit Namen der Delinquenten übergeben: „Wir haben jetzt wieder soundsoviele Verrückte von euch bei uns aufgegriffen. Das wollen wir nicht, also passt mal ein bisschen besser auf eure Leute auf!“ Wie sich im Nachhinein herausstellte, ist das nur selten passiert. Kaum jemand wurde behelligt. Nur bei mir kam es anders. Als ich im Freundeskreis ganz freimütig von meinem unerlaubten Ausflug erzählte, haben das natürlich auch die Stasispitzel in meinem Umkreis gehört und nicht zuletzt die Hauptspitzelfrau, die als IM(B) eingestuft war. IM(B) heißt „mit Feindberührung“. „Der Feind“, das war unter anderem ich. Sie war sowieso beleidigt, dass ausgerechnet ich ihren Jugendtourist-Reiseplatz eingenommen hatte, aber vor allem wollte sie natürlich ihre Pflicht erfüllen. Also berichtete sie ihren Dienstherren: „Hier, der Conrad rechnet damit, dass er Ärger kriegt, weil er im Bruderland gegen alle Vorschrift vom Wege abgekommen ist.“ Woraufhin ich umgehend zur Polizei vorgeladen und mir der Personalausweis abgenommen wurde. Ich musste mich ein Jahr lang mit einem “PM12“ – so einem Verbrecherausweis – begnügen, mit dem man die DDR überhaupt nicht mehr verlassen durfte, nicht einmal mehr in die Tschechoslowakei oder nach Polen. Außerdem wurde ich in diesem Jahr regelmäßig, wenn ich in eine Polizeikontrolle geriet, zwecks „Klärung eines Sachverhaltes“ mitgenommen und mein Gepäck durchwühlt. Man ist eigentlich nie am Ziel angekommen, sondern wurde immer wieder unter weiterer Strafandrohung nach Hause zurückgeschickt. Es war sehr anstrengend und niederschmetternd mit diesem “PM12“.

Bemerkenswert ist noch, dass ich in meiner Not bei dem kirchlichen Anwalt Wolfgang Schnur in Rostock, der später ebenfalls als Stasispitzel enttarnt wurde, rechtlichen Rat suchte und fand. Ich kann insoweit nichts Schlechtes über den Mann sagen – er hatte mir tatsächlich geholfen. Unter seiner Anleitung setzte ich einen Brief direkt an den Minister Erich Mielke auf, in dem ich noch einmal um Entschuldigung und die Rückgabe meines regulären Ausweises bat. Nach Jahresfrist hielt ich ihn tatsächlich wieder in meinen Händen.

1995, also zehn Jahre später, war ich ein zweites Mal auf dem Territorium der nunmehr ehemaligen Sowjetunion. Ich arbeitete an einem Fotoprojekt, bei dem es darum ging, im heutigen russischen Exklave des Kaliningrader Oblast deutsche Spuren zu finden: preußische Architektur, historische Schichten der letzten sieben-, achthundert Jahre. Einige dieser architektonisch und geschichtlich bemerkenswerten Zeugnisse waren durch den sowjetischen Pragmatismus in einem erstaunlich originalen Zustand konserviert worden.  Leider endeten die zwei interessanten und arbeitserfüllten Wochen, die ich dort verbrachte, ähnlich dramatisch wie die erste Reise. Als ich im russischen Kulturzentrum in der  Berliner Friedrichstraße mein Visum beantragt und die Gebühren bezahlt hatte, fragte ich extra nach: „Muss ich mich festlegen, von wann bis wann ich exakt dort bin? Ich weiß es nämlich noch nicht genau.“ Die Antwort war: „Egal, tragen Sie irgendetwas ein. Das ist nicht so wichtig.“ Also reiste ich eine Woche später ein, als auf meinem Visum stand, und wollte dementsprechend auch eine Woche später ausreisen. Doch ich wurde ich aus dem Land nicht herausgelassen, weil die Grenzpolizisten sehr wohl auf die exakten Aufenthaltsdaten im Visum achteten. Ich wurde zurück in die Gebietshauptstadt geschickt. Unpraktischerweise war gerade Freitagabend, so dass ich auf den Montag warten musste, um die zuständigen Behörden aufsuchen zu können. Gezwungenermaßen musste ich so noch ein Wochenende in Kaliningrad verbringen. Ich dachte, ich schaue mir in der Zeit ein paar Sachen an, die ich noch nicht gesehen habe, fuhr zum Hafen und machte dort Fotos in der Abendstimmung, ganz in Ruhe mit Stativ. Malerische Ruinen zwischen alten Bäumen, Motive, die ich schon häufig in Kaliningrad fotografiert hatte. Plötzlich war ich jedoch von zehn oder fünfzehn martialischen Kämpfern mit Tarnfleckenuniform und Barett umringt. Wieder wurde ich zum KGB gebracht. Während des folgenden Verhörs stellte sich heraus, dass ich auf dem Gelände eines U-Boot-Werkes gewesen bin, obwohl ich dort keinen Zaun und nur Gebäuderuinen gesehen hatte.

Mir wurde ein belichteter Film weggenommen, aber das entscheidende Foto, weswegen ich verhaftet wurde, habe ich immer noch: Man sieht wirklich nichts, was auf Militärisches hinweist. Trotzdem musste ich die Nacht beim KGB verbringen, wobei sich die Situation allerdings irgendwann entspannte und die Gesprächsthemen mehr und mehr um die Schönheit der Mädchen in Kaliningrad und die Vorzüge und Nachteile von Lada-Pkws kreisten. Am Montag habe ich eine Strafe von umgerechnet 70 DM bezahlt und meine gültigen Ausreisepapiere bekommen. Ich entschuldigte mich bei den Leuten auf der Meldebehörde für meine unbeabsichtigte Regelübertretung und fragte dann, ob die Begegnung mit dem Geheimdienst einem erneuten Besuch des Landes im Wege stehen würde. Ich würde nämlich gern einmal wiederkommen. Trotz beruhigender Worte der Beamten wurden jedoch in den kommenden fünfzehn Jahren alle meine Visaanträge abgelehnt.

Eigentlich wäre es an der Zeit, es mal wieder zu probieren.

Robert Conrad

Baku 1985. ©Robert-Havemann-Gesellschaft/RHG_Fo_RoCon_6633
Baku 1985. ©Robert-Havemann-Gesellschaft/RHG_Fo_RoCon_6634
Nahe der aserbaidschanischen Stadt Ali-Bairamly, die 2008 in Şirvan umbenannt wurde. ©Robert-Havemann-Gesellschaft/RHG_Fo_RoCon_6635
Nahe der aserbaidschanischen Stadt Ali-Bairamly, die 2008 in Şirvan umbenannt wurde. ©Robert-Havemann-Gesellschaft/RHG_Fo_RoCon_6636