05.12.2018

"Es reicht!" - Erklärung von Bürgerrechtlerinnen und Bürgerrechtlern und Historikerinnen und Historikern zur aktuellen Debatte um die Gedenkstätte Hohenschönhausen

Über 40 ehemalige Bürgerrechtlerinnen und Bürgerrechtler und namhafte Historikerinnen und Historiker haben sich mit einer Erklärung zur aktuellen Debatte um die Gedenkstätte Hohenschönhausen zu Wort gemeldet. Wir dokumentieren hier den Wortlaut der Erklärung und die Liste der Unterzeichner.

 

Es reicht!

Erklärung zur aktuellen Debatte um die Gedenkstätte Hohenschönhausen

Uns ist die Zukunft der Gedenkstätte Hohenschönhausen wichtig. Deshalb sehen wir mit Sorge, dass das Anliegen der Aufarbeitung hinter der Debatte um eine Person verschwindet – zur Freude all jener, die die Aufarbeitung der kommunistischen Diktatur als störend empfinden. Wir leben in Zeiten, in denen es wieder mehr Menschen gibt, die die autoritäre und obrigkeitsstaatliche Führung eines Gemeinwesens begrüßen. Jetzt sollte jeder Ort wichtig sein, der daran erinnert, wohin es führen kann, wenn man leichtfertig Freiheit, Rechtsstaat und Demokratie zur Disposition stellt.

Es ist nicht nur der bisherige Direktor, sondern es sind alle Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, die unbestreitbare Erfolge mit ihrer Arbeit an der Gedenkstätte Hohenschönhausen erreicht haben. Die Aufarbeitung der SED-Diktatur hat viele Facetten, die Gedenkstätte Hohenschönhausen ist nur eine davon. Nur alle zusammen decken das Spektrum der Erinnerung an Repression, Opposition und Alltag ab.

Die gesamte Aufarbeitung wird durch den Streit um die Entlassung des Direktors in Hohenschönhausen beeinträchtigt. Wir verzichten bewusst darauf, auf die einzelnen Punkte in diesem Streit, der sich in Teilen zu einer Schlammschlacht entwickelt hat, einzugehen. Uns geht es hier um die Zukunft einer Gedenkstätte, die nicht durch politische Instrumentalisierung von in ihren Wagenburgen verharrenden Akteuren geprägt werden darf. Wer die Gerichte umstandslos als politisch beeinflussbar und Teil einer linken Verschwörung des Stiftungsrats darstellt, bedient sich schlicht rechtspopulistischer Argumentationsfiguren. Es stellt die Realität des Rechtsstaates in Frage. Und wer den Entscheidungsprozess des Stiftungsrates als „puren Stalinismus“ bezeichnet, verharmlost die totalitäre Diktatur, die zu bekämpfen sich der ehemalige Direktor der Gedenkstätte auf die Fahnen geschrieben hat.

Uns ist wichtig, dass die Amtszeit der zukünftigen Leitung der Gedenkstätte zeitlich befristet ist. Führungen durch Zeitzeuginnen und Zeitzeugen bleiben ein unverzichtbares Element der Arbeit. Die Einbeziehung der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter in die inhaltliche Arbeit muss gewährleistet werden. Dafür braucht es einen hohen wissenschaftlichen Standard – in der Forschung ebenso wie in Bildungsangeboten und als Grundlage der Angebote für Besuchergruppen — wie überall.

 

Erstunterzeichner:


Stephan Bickhardt (Theologe)

Wolf Biermann (Autor und Liedermacher)

Dr. Martin Böttger (Vors. Martin-Luther-King-Zentrum für Gewaltfreiheit und Zivilcourage Werdau e.V.)

Frank Ebert (Robert-Havemann-Gesellschaft e.V.)

Prof. Dr. Rainer Eckert (Historiker)

Prof. Dr. Wolfgang Eichwede (Historiker)

Rainer Eppelmann (früheres MdB, Minister a.D., Vorstandsvorsitzender der Bundesstiftung zur Aufarbeitung der SED-Diktatur)

Jan Faktor (Schriftsteller)

Dr. Bernd Florath (Historiker)

Friedemann Seidel (Mitarbeiter Gedenkstätte Berlin-Hohenschönhausen)

Dr. Christian Halbrock (Historiker)

Prof. Dr. Dieter Heinzig (Historiker)

Dr. Georg Herbstritt (Historiker)

Ralf  Hirsch (Stiftungsbeirat der Bundesstiftung zur Aufarbeitung der SED-Diktatur)

Uwe  Kahlenberg (ehem. Gruppe Weimar)

Dr. Anna Kaminsky (Geschäftsführerin der Bundesstiftung zur Aufarbeitung der SED-Diktatur)

Prof. Dr. Axel Klausmeier (Direktor Stiftung Berliner Mauer)

Dr. Anita Krätzner-Ebert (Historikerin)

Irena Kukutz (Gründungsmitglied der Robert-Havemann-Gesellschaft e.V.)

Henry Leide (Autor)

Ekkehard Maaß (Deutsch-Kaukasische Gesellschaft)

Markus  Meckel (früheres MdB, Außenminister a.D., Vors. Stiftungsrat der Bundesstiftung zur Aufarbeitung der SED-Diktatur)

Isa-Lorena Messer (ehem. Mitarbeiterin Bürgerkomitee 15. Januar)

Dr. Christina Morina (Historikerin)

Dr. Maria Nooke (Beauftragte des Landes Brandenburg zur Aufarbeitung der Folgen der kommunistischen Diktatur)

Arno Polzin (Stasi-Auflöser, Autor)

Gerd Poppe (ehem. Menschenrechtsbeauftragter der Bundesregierung)

Ulrike Poppe (Beirat der Gedenkstätte Berlin-Hohenschönhausen)

Mario Röllig (Zeitzeuge/Besucherreferent Gedenkstätte Berlin-Hohenschönhausen)

Prof. Dr. Richard Schröder (Theologe)

Uwe  Schwabe (Vorstand Archiv Bürgerbewegung Leipzig e. V.)

Barbara Sengewald (Vorsitzende der Gesellschaft für Zeitgeschichte e.V. Erfurt)

Matthias Sengewald (Gesellschaft für Zeitgeschichte e.V. Erfurt)

Annette Simon (Psychologin)

Dr. Elke Stadelmann-Wenz (Historikerin)

Prof. Dr. Isolde Stark (Historikerin)

Wolfgang Templin (Publizist)

Karsten Troyke (Chansonsänger, Schauspieler und Sprecher)

Reinhard  Weißhuhn (Robert-Havemann-Gesellschaft e.V.)

 

Erklärung zur aktuellen Debatte um die Gedenkstätte Hohenschönhausen (pdf)

 

Kontakt: Ralf Hirsch (ralfhirsch6(at)gmail.com

 

Weitere Unterstützer:

Dörte und Marc Bauder (bauderfilm)

Peter Heubach (Mitglied VOS und Fördermitglied UOKG)

Prof.(em) Dr. Christoph Kleßmann (Historiker)

Klaus Michael (Sächsische Akademie der Künste)

Christoph Polster (Aufarbeitung Cottbus e.V.)

Torsten Preuß (Journalist)

Wolfgang Rüddenklau (Zeitzeuge/Besucherreferent Gedenkstätte Berlin-Hohenschönhausen)