05.08.2026

Erst geliebt und begehrt, dann verachtet

Ein Fotoessay zum Trabant

Entsorgt und vergessen, Ost-Berlin, 27. September 1990.
© Robert-Havemann-Gesellschaft/Ann-Christine Jansson

Für viele Fotografinnen und Fotografen bildeten sie ab dem Frühjahr 1990 ein beliebtes Fotomotiv – verlassene Trabis. Sie standen an Straßenrändern, einsam auf Feldern und an Waldrändern, auf Parkplätzen, in Hinterhöfen und sogar vor dem Palast der Republik im Zentrum von Ost-Berlin. Bei wenigen hat man den Eindruck, der Besitzer hat ihn einfach nur kurz abgestellt und kommt jeden Moment wieder. Die Mehrzahl jedoch befindet sich in einem traurigen Zustand, mit zerborstenen Scheiben und offenen Türen, aufgebockt ohne Räder, ausgeschlachtet, moosbewachsen und teilweise schon von Unkraut überwuchert.

Noch wenige Monate vorher war der Trabi, wenn auch nicht gerade ein Statussymbol, so doch eine heiß begehrte Mobilitätshilfe. Wer sich keinen Wartburg, Lada oder Moskwitsch leisten konnte (oder wollte), der bestellte beim Industrieverband Fahrzeugbau, kurz IFA, einen Trabant, vorzugsweise einen „601 deluxe“ und nahm dafür auch Wartezeiten von durchschnittlich zwölf Jahren auf sich. Wer nicht so lange warten wollte, musste tief in die Tasche greifen, um ein gebrauchtes Modell zu ergattern.

An den Wochenenden wurde dann an ihm rumgeschraubt und nicht selten musste am Sonntagvormittag die gesamte Familie zum kollektiven Putzen des guten Stücks antreten. Einige Besitzer gaben ihm liebevolle Kosenamen. Der wohl berühmteste hieß „Schorsch“ und eroberte 1991 in der Filmkomödie „Go Trabi Go“ die Kinos. Auf vielen Hutablagen stand neben Papas Kopfbedeckung die von Mama liebevoll umhäkelte Klopapierrolle.

An der Autobahn bei Ronneburg, 27. September, 1990.
Robert-Havemann-Gesellschaft/Andrea SchickerRHG_Fo_AS_120

Im Straßenbild des Ostens

Marx-Engels-Platz, Ost-Berlin, 1990.
Robert-Havemann-Gesellschaft/Gilda Bereska/RHG_Fo_GiBe_072

Der Trabi galt als treuer Begleiter im Alltag und auf den Urlaubsreisen, auch wegen seiner einfachen Technik. In einem Werbeslogan des VEB Sachsenring Zwickau hieß es: „Er fährt und fährt und fährt.“ Mit seinem luftgekühlten Zweitaktmotor und der Duroplast-Karosse prägte der von 1958 bis 1991 in verschiedenen Versionen hergestellte Trabant das Straßenbild zwischen Ostsee, Balaton und Schwarzem Meer. In dieser Zeit war er auch immer Ziel von beißendem Spott. Umgangssprachlich wurde er einfach als „Pappe“ bezeichnet, aber auch als „überdachte Zündkerze“, „Plastikbomber“ oder „Asphaltblase“.

In kollektiver Erinnerung sind die Bilder der Menschen im Freudentaumel geblieben, die in der Nacht vom 9. zum 10. November 1989 über den Grenzübergang Bornholmer Straße strömten – und mittendrin auch immer der Trabant. In den folgenden Wochen schoben sich schier endlose Karawanen von Trabis über den Kurfürstendamm und die grenznahen Gemeinden und Städte der Bundesrepublik. Somit wurde der Trabi auch zu einem Symbol für den Mauerfall und die politischen Veränderungen in der DDR.

In den Monaten danach überfluteten jedoch Gebrauchtwagen westlicher Autohersteller den Osten. Nun waren die Golfs, Polos, Mantas und Fiestas die Stars der Straße. Sie boten mehr Komfort, höhere Geschwindigkeiten und wurden in der sich rasant ändernden Zeit schnell zu den neuen Statussymbolen.

Ausgeschlachtete Trabis an der Charité, Ost-Berlin, Oktober 1990.
Robert-Havemann-Gesellschaft/Rainer Steußloff/RHG_Fo_RSt_0357

Sinnbild des Wandels

Im Erzgebirge, 1990.
Robert-Havemann-Gesellschaft/Andreas Kämper/RHG_Fo_AnKae_4421

Der Trabant galt plötzlich als Relikt aus einer vergangenen Zeit, war veraltet und uncool geworden. In kurzer Zeit wurde er vom Symbol der Mobilität zum Inbegriff der Rückständigkeit. Was gestern noch heiß begehrt war, wurde nun in kurzer Zeit einfach entsorgt. Man stellte ihn irgendwo ab und überließ ihn der Zeit. Vielfach wurde sich nicht einmal die Mühe gemacht, die Nummernschilder zu entfernen.

Nur wenige Fotomotive spiegeln den dramatischen Wandel im Osten Deutschlands nach dem Mauerfall so eindrücklich wider, wie die Fotos der verlassenen Trabis. Es sind Spuren eines gesellschaftlichen Umbruchs, eingefangen in Filmkorn und verblassenden Farben. Die Fotos dokumentieren, wie schnell sich Lebenswelten verändern können – und wie selbst unscheinbare Alltagsgegenstände zu Symbolen einer ganzen Ära werden können. Der verlassene Trabant ist zum Sinnbild für die Zeit des Wandels geworden. 

Heute sind Trabis Kultobjekte, liebevoll restauriert oder als Museumsstücke bewahrt. Man kann mit ihm zum Beispiel in einer Trabi-Safari im Korso durch die Berliner Innenstadt fahren. Die typischen Geräusche und der Duft des Zweitakters sorgen für ungeteilte Aufmerksamkeit.

Im circa eine Million Fotos umfassenden Fotoarchiv der Robert-Havemann-Gesellschaft befinden sich auch zahlreiche Trabi-Motive, die von unterschiedlichen Fotografinnen und Fotografen stammen. Eine kleine Auswahl wird in diesem Fotoessay vorgestellt.

- Christoph Ochs

Fotoarchivar im Archiv der DDR-Opposition der Robert-Havemann-Gesellschaft, Berlin.

Dieser Artikel erschien zuerst in der 18. Ausgabe der Gerbergasse, S. 67-71