15.04.2026

Monika Maron: Immer noch freundlich, aber kaum noch geduldig

Käfighaltung mit Freigängerin - Die Tagesnotizen der Monika Maron

Gerold Hildebrand rezensiert "Monika Maron: Immer noch freundlich, aber kaum noch geduldig"


Monika Maron ist keine dissidentische Oppositionelle gegen das kommunistische System von Anfang an, da wirkte die familiäre Prägung noch lange nach, aber völlig ungeeignet für Agitation, Kollektivismus, Unterordnung unter einen Hegemon und jegliche Käfighaltung, die alle Insassen der SED-Diktatur betraf. In ihren Tagebüchern offenbart sich ein Wandlungsprozess und das Ringen einer ganz auf sich gestellten Freiheitssucherin um Ausbruch und Eigenständigkeit.


Abgeschrieben
 

Kein einziges ihrer Bücher wurde in der DDR verlegt. Ihr erster Roman "Flugasche" mit der Hauptakteurin Josefa Nadler über die Umweltzerstörung in Bitterfeld und die Vergeblichkeit, diese öffentlich ansprechen zu können, ein mutiges Buch über Zensur in der DDR also - und kein bloßer „Umwelt-Roman“, erschien 1981 bei S. Fischer. Das war ihre einzige Chance auf ein Einkommen, wenn auch ein Verfahren wegen „Devisenvergehens“ hätte drohen können. Kompromisslos hatte sie Eingriffsversuchen der „Hauptabteilung Verlage“ standgehalten.

Eine Karriere der Wochenpost-Journalistin (in den 70ern) als Schriftstellerin ist ihr im SED-Staat damit verbaut bevor sie überhaupt richtig beginnen konnte. Unverdrossen veröffentlicht sie weiterhin bei Westverlagen und bleibt eine einsame Streiterin, die auch im Kollegenkreis auf wenig Verständnis trifft, wie die Tagebucheinträge verraten.

 

Abgewendet

Zu Beginn der veröffentlichten Tagebuchaufzeichnungen berichtet Monika Maron 1980 immer wieder von Geldsorgen. Zeitungsbeiträge werden abgelehnt, die Veröffentlichung beim Fischer-Verlag zieht sich hin. Ungewissheit gebiert Panikattacken und Schreibblockaden.

Von der wegen einer Westveröffentlichung erfolgten Verhaftung des Schriftstellers Frank-Wolf Matthies (M. abgekürzt) erfährt sie durch ein Telefonat mit ihrem Lektor beim Fischer-Verlag. Sie notiert: „Warum bin ich so feige? Vielleicht ist es das Nichtmehrwissen: Wofür?“ Und fragt sich: „Müssen Revolutionen immer wieder an sich selbst ersticken? Ist Macht ein so fürchterliches Ding, das alles und jeden in seinen Bann zieht und verdirbt?“ (13 f.) Innerlich wendet sich die Tochter aus privilegiertem Haus immer weiter ab von diesem System der Zumutungen.

Nachdem in einer bundesdeutschen Fernsehsendung über „Flugasche“ berichtet wird, wird sie von ihrer Mutter bei zufälligen Begegnungen nicht einmal mehr gegrüßt. Die linientreue Kommunistin hatte mal Mielke die Schmalzstullen geschmiert, wie Monika Maron in einem viel späteren Presse-Interview erwähnte. Ihr Stiefvater Karl Maron, mit der Gruppe Ulbricht im Mai 1945 von Moskau nach Berlin in machtpolitischer Mission entsandt, hatte nicht nur zur Nomenklatura gehört sondern war Chef der sogenannten „Volkspolizei“, bis 1963 Innenminister und Mitglied des Zentralkomitees der SED.

 

Missachteter Volkswille

Es ist Solidarność-Zeit und die chauvinistischen Hetztiraden gegen Polen in den Staatsmedien lassen sie einen Einmarsch befürchten. „Ehe die Verhältnisse geändert werden können, muß der Einzelne wieder lernen, sich für wichtig zu halten.“ Die Polen und Südafrikaner sind da schon viel weiter.

Nach der Ausrufung des Stan wojenny im Nachbarland schreibt sie im Dezember 1981: „Es ist hoffnungslos. Und es ist so schwer zu begreifen, daß ein so deutlich artikulierter Volkswillen keinen Anspruch auf Verwirklichung haben soll.“

 

Bitte, den Käfig verlassen zu dürfen

Reiseversagungen und die damit verbundene Bittstellerei reiben sie kontinuierlich auf. „Einmal in Budapest in drei Jahren.“ Nachdem ihr zweites Buch im Westen erscheint, sehnt sie sich danach, einmal zuzusehen, wie es verkauft wird.

Denjenigen, über dessen Schreibtisch in ihrem Fall auch Visa-Angelegenheiten devot zu laufen haben, den Chef der Hauptabteilung Verlage und Vize-Kulturminister Klaus Höpcke, mahnt sie 1982 ob der ausbleibenden Reisegenehmigung mit den Worten „Immer noch freundlich, aber kaum noch geduldig.“ Der Funktionär antwortet rüde. Die Reiseantragstellerin entgegnet, er sei „zynisch“ und macht ihm beherzt deutlich: „Innerhalb der Gesetze kann ich mich nicht bewegen, außerhalb der Gesetze darf ich mich nicht bewegen. Ein Gesetz, das mich zwingt, es zu verletzen, kann nicht richtig sein.“

 

Ausgesetzt

Sie wendet sich im Frühjahr 1983 nun an Politbüro-Mitglied Kurt Hager und beklagt „Isoliertheit und Ausweglosigkeit“. Es folgen Geplänkel und Hinhaltetaktik. Mal scheint es so, als müsse sie noch Wimpernfarbe, Nasengröße und Ohrenumfang auf den unzähligen Antragszetteln angeben. Im Tagebuch schreibt sie über ihren verunsicherten Seelenzustand, der damit verbunden ist.

Sechs Monate später erhält sie endlich einen Pass für ein Jahr, darf in die Bundesrepublik reisen und ist immer wieder erstaunt über „die ungewohnte Freundlichkeit“ dort. (51) Doch die große Überraschung bleibt aus: „Jetzt bin ich hier und bin auch nur ich. … heimatlos auf zwei überfüllten Koffern.“ (42, 45)

Dafür wird es lebendig: reportageartige Notate über eine Deutschlanderkundung einer Deutschlandentfremdeten mit Öffentlichkeitsscheu. Die Schreibblockade lockert sich, aber sie muss rastlos überfordert durch die Welt hetzen, denn sie weiß nicht, ob sie noch einmal rausgelassen wird und einfach im Westen bleiben kann sie nicht, denn Ehemann und Sohn sind quasi als Geiseln in Ostberlin zurückgeblieben. Es fühlt sich an, als sei eine Haftstrafe zur Bewährung ausgesetzt, aber nur auf kurze Zeit: Freigängerstatus. In ihren Worten: „wie ein Löwe, der nach einem Urlaub im Dschungel zurück in den Zoo“ muss.

 

London, Mailand, Venedig, Florenz, Rom, New York, Paris

In London ist sie im Kreis von Friedensbewegten, deren Mittel sie für kindisch hält: „Mit Liedersingen schafft man keine Raketen aus der Welt.“

Dann wieder Lesungen in der Bundesrepublik. Gespräche zeigen, dass viele hier ihre eigene Freiheit gar nicht zu würdigen wissen. Die Befindlichkeit bleibt: angestrengt, überfordert.

Nach neuerlichen bürokratischen Hürden eine italienische Reise, das touristenüberfüllte Venedig: „ein geschändetes Märchen.“ Rom hingegen empfindet sie als entspannter. Täglich jedoch spürt sie den „unwürdigen Status als reisender DDR-Bürger“.

Dann geht es über den Großen Teich nach New York City. Hier sucht sie im Telefonbuch nach ihrem Geburtsnamen Iglarz (auf deutsch: Nadler) und findet lediglich eine einzige amerikanisierte Eintragung (Iglasch). In der Shoah der Nationalsozialisten war ihre polnisch-jüdische Verwandtschaft ermordet worden. Es gab kein Entrinnen. Ein Telefonverzeichnis als Schreckensvermittler. Ihre Großeltern mütterlicherseits Josefa und Pawel Schloma Iglarz waren 1905 in Deutschland eingewandert. Ihrem nach Verfolgung und Internierung 1942 umgekommenen Großvater wird die Enkelin später das biografische Werk „Pawels Briefe“ widmen.

In New York fühlt sie sich trotz Dreck, Drogen, Lärm, Ungeziefer und Chaos schon viel wohler als in westeuropäischen Städten. Die zur Schau gestellte Individualität gefällt ihr. Jeder darf hier verrückt sein oder aus einem verrückten Land kommen und wird dennoch in Ruhe gelassen.

Sie weiß aber auch, dass sie in ihren Käfig DDR zurückkehren muss ohne Hoffnung auf Rückkehr.

Noch einmal London, wo sie im Museum die Schriftbilder von Gelehrten vergleicht und unterwegs ist mit sozialistischen „Bewegungsmenschen“, die sie anöden. Immer wieder begegnet sie Menschen, auch in Paris, bleibt aber einsam und finanziell klamm. Ein Baguette muss für den Tag reichen. Ohne hinreichende Sprachkenntnis bleibt es schwierig und es ist nicht einfach, auf den Beinen zu bleiben. „Ich sprach kein Wort Englisch, auch nicht die drei Worte, die ich kannte.“

Im Mittelteil des Bandes sind private Fotos von ihren Reisen nach London, New York und Rom zu finden. Brooklyn-Bridge - da stehen die Twin-Towers noch.

Von ihrem zweiten Nordamerika-Aufenthalt 1987 folgen ein paar hastige Reportagenotizen, u.a. bei den amische Leit, in Hannover, East Berlin und Frisco, der „Stadt auf der Achterbahn“. Eine Gorbatschow-Mania grassiert.

 

Gefängnisbesichtigung

In Austin nimmt sie an einer öffentlichen Gefängnisführung teil und weiß, dass die Haftbedingungen im SED-Staat viel grausamer sind als die für die wirklich Kriminellen hier: „paradiesische Zustände“. (148) Überhaupt Kalifornien: Zu viel Paradies. Es erstaunt sie, dass man auch Konservative sympathisch finden kann, zumeist bewegt sie sich ja in linksliberalen Netzwerken. 

Beim Telefonat aus L.A. mit ihrem Mann erfährt sie von den Verhaftungen in der ostberliner Umwelt-Bibliothek. Da hatte sie ein halbes Jahr zuvor gelesen.

Obwohl sie sich auf ihren Reisen jeglicher radikalen Kritik an den Verhältnissen in der DDR enthielt, blieb nach ihrer Rückkehr das faktische Berufsverbot bestehen.

 

Orientierung und Dialog

Ihre Vorbilder sind Erich Mühsam und Ernst Toller. (130) Letzterer kommt neben DDR-Literaturpapst Höpcke, mit dem sie sich herumplagen muss, wie abgedruckte Briefwechsel zeigen, in den Eintragungen am häufigsten vor.

Natürlich auch Joseph von Westphalen, mit dem sie eine intensive Korrespondenz schon 1987 bis 1988 coram publico im „Zeitmagazin“ führte, ein öffentlicher deutsch-deutscher Dialog vor dem Mauersturz, der seinesgleichen sucht.

Jürgen Fuchs und Roland Jahn haben damals in ihrem Pressespiegel „dialog“ auch diese Artikel in die Kreise der DDR-Opposition schmuggeln lassen.

Egon Erwin Kisch hätte bestimmt auch gepasst, kommt im Namensregister aber nicht vor.

 

Abschied

Vor ihrer Ausreise mit der ganzen Familie, die behördlich angeordnet für drei Jahre ohne Wiederkehr sein soll, sitzt sie im April 1988 in ihrer Wohnung und denkt das, was vielen Weggetriebenen durch den Kopf gegangen sein mag: „Ich betrachte, was ich verlassen werde, und kann nicht begreifen, wie mein Leben ohne mein Leben aussehen soll.“ Andererseits: „Diese Stadt ist so unerfreulich, daß der Abschied leicht ist.“ Im selbstgebauten Käfig in Schuckmannshöhe, einem alten Bauernhof am düsteren See (Düsterer See) ist das etwas anders.

 

Schwierige Ankunft

Doch in Hamburg wird es zunächst nicht einfach. Nervereien um Wohnverhältnisse und anderes lassen kaum Raum für kreatives Schreiben. Auch kulturell ist im Bonner Staat schnell Entfremdung zu spüren.

Auf ihre Herkunft aus der ostzonalen DDR möchte sie sich nicht reduzieren lassen: „Als wäre der Umstand, da gewohnt und gelebt zu haben , wichtiger, als daß man Augen, Hirn und Füße hat.“ (177)

 

Notizen, kein lückenloser Lebenslauf

Ein Tagebuch ist etwas intimes, so sind logischerweise in der Veröffentlichung jetzt auch nicht minutiös alle Eintragungen enthalten. Tagesnotizen sind keine methodisch ausgefeilte Autobiografie, können höchstens Stoff für eine solche bieten. Manche Rezensenten scheinen hier anderes erwartet zu haben.

Es handelt sich zudem um Notizen, die nicht immer für andere verständlich sein müssen, weil sie ja lediglich bruchstückhafte Erinnerungsstützen für einen selbst darstellen. Ab und an hat die Autorin erklärende Texte eingefügt und Kontexte sind erschließbar. Selten nur gibt es Unverständliches beziehungsweise Situationskomisches wie den Satz: „Ein dicker Professor saß neben mir, aber es ergab sich keine Gelegenheit, darüber zu sprechen.“ (176)

 

Aufruhr

An Pfingsten 1987 erlebte sie hautnah die Proteste am Brandenburger Tor anlässlich eines Rock-Konzerts mit David Bowie, den Eurythmics, New Model Army und Genesis am Reichstag. „Die Mauer muss weg!“, skandierten die Ausgesperrten auf der Ostseite der Berliner Mauer. VoPos gingen mit Schlagstöcken gegen Tausende Jugendliche vor. Ihr Sohn mittenmang. Damals gab es einen Westradio-Hit von den Gropiuslerchen: „Berlin, Berlin, dein Herz kennt keine Mauern“. Maron rügt Günter Gaus, der die Dinge mal wieder nicht durchschaut. (132)

Anfang Mai 1989 (185) notierte sie einen Traum: In Pankow zur Kirche hin ein Auflauf „triumphierender Jugendlicher“. „Die Jugend hat die Macht übernommen.“ Aber sie hat sich mit Hitler verbündet. „Wir sind entsetzt.“ Notizen über Träume kommen im Tagebuch öfter vor. Zu Friedlicher Revolution, Mauerdurchbruch und Entmachtung der SED aber nichts. Auch keine Chronik der Einheit. Das haben andere schon beschrieben und sie andernorts.

Den Tag der Deutschen Einheit erlebte sie in Boston mit Peter Schneider, sie sind sich einig: „eine sich an sich selbst langweilende Kultur stößt zusammen mit den Barbaren“.

 

Angetroffen

Einmal im Juni 1985 habe ich sie besucht in der Pankower Eintrachtstraße 3, um mit ihr eine Lesung in der Kirche Friedrichsfelde zu vereinbaren. Sitzt da ein observierendes Stasi-Kollektiv in einem Fahrzeug? Augenscheinlich nicht. Aber verwundert war ich wohl doch, dass sie noch im Osten lebte.

Ihre souveräne und weltläufige Art fiel mir auf, ich wusste aber nicht, dass sie schon reisen durfte. Die Vereinbarung über die Lesung am 20. September war rasch getroffen und sie schaltete den Fernseher ein und wir schauten die heute-Sendung und unterhielten uns bei einer Zigarette ein bisschen über die Nachrichten, die sie wohl täglich zu sich nahm. Im Misstrauensstaat war das sehr ungewöhnlich, wenn man nicht gut miteinander bekannt war. Informations- und Meinungsunterdrückung? Das ließ sie nicht mit sich machen.

Für die Lesung im Rahmen der Reihe „Künstler in Aktion gegen den Hunger in Afrika“, bei der die Kollekte für kirchliche Hilfs-Projekte gespendet wurde und die Künstler honorarfrei auftraten, hatte ich noch die Rockband „Freygang“ engagiert. Aber die sagte kurzfristig ab und spendete für das Projekt. Unter Druck gesetzt worden waren die Bandmitglieder von Kulturfunktionären: „Wollt Ihr künftig nur noch in Kirchen auftreten?“ Da drohte der Spielerlaubnisentzug. Der Band „Chicorée“ passierte später Ähnliches. Auch andere Schriftsteller gaben mir einen Korb, außer Klaus Schlesinger, Günter de Bruyn, Adolf Endler, Elke Erb, Peter Wawerzinek, Andreas „Baader“ Holst, Renate Wullstein, Detlef Opitz, Rüdiger Rosenthal, Frank Rub.

Die Kombination Lesung mit Konzert war in Friedrichsfelde Programm. So war die Kirche voll von Jugendlichen, die von Monika Maron zuvor vielleicht noch nie etwas gehört hatten.

Dann las sie vor kleinerem Kreis am am 20. Mai 1987 in der Umwelt-Bibliothek und 

es gab eine weitere Lesung aus „Die Überläuferin“ (es geht metaphorisch um die Lähmung freigeistiger Ansprüche unter diktatorischen Bedingungen) am 25. September 1987 in der Samariterkirche, wieder im Rahmen von „Künstler in Aktion“. Im zweiten Teil wurde frei improvisierte Musik des West-Berliner Jazz-Trios Martin Torp, Lars Rudolph und Michael Lohmann dargeboten.

 

Ausgespart

Leider sind keine Notizen über diese Auftritte im Buch enthalten. Das Jahr 1985 fehlt gänzlich und von 1986/87 sind nur spärliche Eintragungen im Buch preisgegeben, die ihre Erlebnisse in Ostberlin skizzieren.

Kurz vor ihrem Abschied aus der kommunistischen Diktatur 1988 liest sie noch einmal im Priesterseminar Wittenberg. Aber da ist ihr die dort an den Tag gelegte versöhnlerische Betulichkeit schon viel zu fremd, wie sie im Buch anmerkt. Hoffnung auf Besserung und Befreiung blieb bis zur Friedlichen Revolution äußerst rar.

 

Zugeschrieben

Heutzutage führen Journalisten seltsamerweise nur selten Interviews mit der bald 85jährigen. Oft wird sie tendenziös mit dem Adjektiv „streitbar“ attributiert, was häufig ungerechtfertigterweise in negativer Konnotation vorgebracht wird: „Streitfigur“, „umstritten“. Das soll nun ein irgendwie anrüchiger Makel sein, als ob die Gesellschaft in einer liberalen Demokratie nur aus eindimensionalen Bürgern bestehen dürfe.

Ja, sie hat sich ihre Gesellschaftskritik nicht nehmen lassen und empfand zum Beispiel freiheits- und mobilitätseinschränkende Maßnahmen der Corona-Politik als übertrieben, überambitioniert und übergriffig. Ernst Toller und Erich Mühsam hätten wohl nicht anders reagiert. Solcherlei frühe Warnungen später unargumentativ damit abzutun, die Verantwortlichen hätten damals doch nicht wissen können, was sie tun, ist etwas zu simpel.

Auch bezüglich Integrationspolitik, Islamisten, Debattenfreiheitsgrenzen, zerstörerischer Eingriffe in die deutsche Sprache und Political Correctness spart sie nicht an Kritik. Die Selbstzuschreibung „freiheitssüchtig“ trifft es eher. Von alldem ist in den dargelegten Tagebüchern jedoch nichts zu finden.

Nur dies: 2021 kommt es zum Bruch mit ihrem Hausverlag, weil sie ohne Absprache in einem anderen Verlag veröffentlicht hat, solcherlei muss ihr bekannt vorgekommen sein.

 

Notizen nach 1990

Die Autorin kann die feindliche Stimmung nicht nachvollziehen, die Anfang 1991 aufkommt, schließlich wurde mit dem Beitritt der harte Weg gewählt. Weiter geht es mit den Notaten erst 1997, aber zwischenzeitlich sind ja Bücher entstanden, „Stille Zeile Sechs“ und „Animal triste“. Zudem eliminiert der Laptop die Handschrift und Tagebucheinträge werden spärlicher. Dafür wird es lebensweise etwas philosophisch und immer wichtiger wird der Hund.

Dann, 2019 hat „wie es aussieht, eine neue Zeit begonnen“. Die unversöhnliche Spaltung der Gesellschaft, auf die es keine einfache Antwort gibt, schreitet gnadenlos voran.

 

Fazit

Ist das Aufgeschriebene so, wie es der Klappentext verheisst „geistreich, hellsichtig und höchst unterhaltsam“? Das ist nicht von der Hand zu weisen. Zeitgeschichtlich erhellend für Nachgeborene ist vor allem der erste Teil, besonders der Drang aus einer Käfighaltung heraus ins Offene zu gelangen und zur kosmopolitischen Intellektuellen zu werden, ihre entschlossene Selbstbefreiung aus der Rolle als unmündige DDR-Autorin. 

Anfangs noch war Monika Maron vielleicht eine „Systemfeindin wider Willen“, doch zunehmend wird ihr in der DDR klar: Dieses Land ist es nicht. Auf ihrer Italienreise unterhält sie sich im Zugabteil über den Kommunismus und die Reisenden sind sich einig: der ist „pericoloso“.

Wenn sich Monika Maron unter der SED-Herrschaft auch nicht als Oppositionelle begriffen hat, so wurde sie dennoch zur Dissidentin, die mit ihrer frühen ideologischen Prägung brach. Die vor dem Feuer bewahrten und jetzt überwiegend gewürdigten Tagebücher unterfüttern dies.

 

 

Monika Maron: Immer noch freundlich, aber kaum noch geduldig. Tagebücher 1980-2021. Mit unbekannten von Monika Maron in London und New York gemachten Fotos. Hoffmann und Campe 2026.

ISBN 978-3-455-02154-7

hoffmann-und-campe.de/products/83697-immer-noch-freundlich-aber-kaum-noch-geduldig

Porträt Gerold Hildebrand. Quelle: Robert-Havemann-Gesellschaft/Dirk Vogel

Gerold „Hilli“ Hildebrand

geboren 1955 in Lauchhammer. Ab 1976 fand er in Jena Kontakt zur Offenen Arbeit der Jungen Gemeinde Stadtmitte und besuchte systemkritische Lesekreise, 1982 Umzug nach Berlin. Dort Mitarbeit in verschiedenen oppositionellen Gruppen, wie der Berliner Umwelt-Bibliothek. Im Herbst 1989 war er einer der Organisatoren der Mahnwache in der Berliner Gethsemanekirche. Ab 1990 war er Mitarbeiter des Matthias-Domaschk-Archivs und zeitweilig Pressesprecher der Bürgerbewegung Neues Forum. 1997 bis 2005 studierte er Sozialwissenschaften an der Humboldt-Universtiät zu Berlin und ist Diplom-Sozialwissenschaftler.

Bis zum Renteneintritt arbeitete er in der Gedenkstätte Berlin-Hohenschönhausen. Gerold Hildebrand lebt in Berlin-Prenzlauer Berg.