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An das
Bundesministerium des Innern, für Bau und Heimat (BMI)
Geschäftsstelle „30 Jahre Friedliche Revolution und Deutsche Einheit"
Alt-Moabit 140
10557 Berlin

 

Berlin und Leipzig, 29.05.2019


Offener Brief zum 30. Jahrestag der Friedlichen Revolution am 9. Oktober 2019

Sehr geehrter Matthias Platzeck, sehr geehrte Mitglieder der Kommission „30 Jahre Friedliche Revolution und Deutsche Einheit",

wir begrüßen die Einsetzung der Kommission zur Entwicklung von Handlungsempfehlungen für die Ausgestaltung des Jubiläumskonzepts für den 30. Jahrestag der Friedlichen Revolution. Es freut uns besonders, dass die Bundesregierung den Begriff der „Friedlichen Revolution" aufgreift und weiter etabliert. Umso wichtiger ist es uns, die Mitglieder der Kommission zu ersuchen, den Beginn der Feierlichkeiten nicht auf den 9. November, wie bisher geplant, sondern auf den 9. Oktober zu datieren. Dieser gilt gemeinhin als Jahrestag der Friedlichen Revolution.

Damals gingen am 9. Oktober 1989 70.000 – 100.000 Menschen aus vielen Städten der ehemaligen DDR in Leipzig auf die Straße. Es war der Tag der Entscheidung. Er steht symbolisch für die Kraft und Stärke der Frauen und Männer in Ostdeutschland. Sie haben an diesem Tag ihre Angst überwunden, sind zu Tausenden auf die Straßen gegangen und haben sich selbst befreit. Ohne den 9. Oktober 1989 hätte es den 9. November 1989 nicht gegeben und nicht den 3. Oktober 1990.

Wir sind überzeugt, dass es von großer Bedeutung ist, den mutigen und friedlichen Protest der Ostdeutschen sichtbar zu machen und den 9. Oktober als Jahrestag der Friedlichen Revolution im kollektiven gesamtdeutschen Geschichtsbewusstsein zu verankern. Dazu gehört auch, Opfern und Bürgerrechtler*innen aus der ehemaligen DDR eine Stimme zu geben in der Konzeption der Jubiläen. Wir appellieren an Sie, noch ostdeutsche Bürgerrechtler*innen und Vertreter*innen von Opfern der SED-Diktatur in die Kommission zu berufen.

„Für ein offenes Land mit freien Menschen", so forderte es eines der ersten Transparente im Leipziger Herbst 89. Da gibt es gemeinsam noch eine Menge zu tun. Der Einsatz für eine offene und demokratische Gesellschaft, in der sich Menschen in ihrer Vielfalt mit Respekt und Toleranz begegnen, in der ein freier Diskurs möglich ist, ohne beleidigt, beschimpft oder gar bedroht zu werden, verlangt auch heute Mut und Courage – überall in Deutschland. 2

Wenn Sie, sehr geehrte Kommissionsmitglieder, den 9. Oktober in den Mittelpunkt der Feierlichkeiten rücken, fördern Sie damit auch die lebendige Demokratie in den ostdeutschen Bundesländern. Denn mit der Anerkennung dessen, was ostdeutsche Frauen und Männer in der Friedlichen Revolution und im anschließenden Transformationsprozess bis heute leisten und einbringen, wird die Zivilgesellschaft im Osten Deutschlands weiter gestärkt.

Sie könnten das zum Anlass nehmen, um im Jubiläumszeitraum bis zum 3. Oktober 2020 ostdeutsche Initiativen auszuzeichnen, die heute demokratische und wirtschaftliche Entwicklungen in Ostdeutschland aktiv voran bringen. Damit werden die Ziele der Friedlichen Revolution nicht nur in Jubiläumsfeiern erinnert, sondern in Bezug zur gesellschaftlichen Entwicklung heute gesetzt. Damit stärkt das Erinnern an die Friedliche Revolution auch heute die Demokratie in unserem Land.

Wir sehen Ihrer Antwort gespannt entgegen.

Mit freundlichen Grüßen

Kathrin Mahler Walther (Geschäftsführerin der EAF Berlin, Bürgerrechtlerin)

Uwe Schwabe (Vorstandsvorsitzender Archiv der Bürgerbewegung Leipzig, Bürgerrechtler)


Weitere Unterzeichnerinnen und Unterzeichner (55 Personen)

Michael Arnold (Zahnarzt, Dresden, Bürgerrechtler, Gründungsmitglied Neues Forum)

Dr. Andreas H. Apelt (Bevollmächtigter des Vorstandes Deutsche Gesellschaft e.V., Berlin, Aufbau Demokratischer Aufbruch)

Jutta Begenau (Beirat der Havemann-Gesellschaft, Bürgerrechtlerin)

Stephan Bickhardt (Polizeiseelsorger, Leipzig, Bürgerrechtler)

Ernst Demele (Leipzig, Bürgerrechtler)

Christian Dietrich (Pfarrer, Erfurt, Bürgerrechtler)

Frank Ebert (Robert-Havemann-Gesellschaft, Bürgerrechtler)

Prof. Dr. Rainer Eckert (Historiker, Universität Leipzig)

Hans-Jürgen Fischbeck (Physiker, Bürgerrechtler)

Hans Friedel Fischer (Präpositus des Oratoriums des hl. Philipp Neri, Vilnius, Bürgerrechtler - Pax Christi Region Ost)

Friederike Freier (Projektentwicklerin für Dokumentarfilm, Berlin, Bürgerrechtlerin)

Reinhard Freier (Pfarrer i.R. Borsdorf-Panitzsch bei Leipzig)

Heinz Galle (Vereinigung der Opfer des Stalinismus Sachsen)

Joachim Goertz (Pfarrer, Berlin, Bürgerrechtler)

Anke Hansmann (Pädagogin, Bürgerrechtlerin)

Gerold Hildebrand (Mitarbeiter der Gedenkstätte Berlin-Hohenschönhausen, Mitglied der Geschichtswerkstatt Jena, Bürgerrechtler)

Ralf Hirsch (Berlin, Gründungsmitglied der Initiative Frieden und Menschenrechte)

Martin Jankowski (Schriftsteller, Berliner Literarische Aktion e.V., Autor "Der Tag der Deutschland veränderte - Leipzig 9. Oktober 1989", Bürgerrechtler)

Silke Jochims (Musiktherapeutin/ Psychotherapie, Mitglied des Arbeitskreises "Wachet und betet" in der Gethsemanekirche)

Gisella Kallenbach (ehem. MEP; Vorsitzende Förderverein Jüdisches Begegnungszentrum Leipzig, Bürgerrechtlerin)

Martin Klähn (Pädagogischer Leiter Politische Memoriale M-V; Schwerin, Gründungsmitglied Neues Forum)

Dr. Heidemarie König und Frank Körnig (Bennewitz, Bürgerrechtler)

Manfred Kruczek (Vorstand FORUM zur kritischen Auseinandersetzung mit DDR-Geschichte im Land Brandenburg e.V.)

Steffen Kühhirt (Bereichsleiter ver.di-Nord, Groß Tessin, Bürgerrechtler)

Doris Liebermann (Autorin, Bürgerrechtlerin)

Roland Mey (Physiker, Leipziger Bürgerkomitee, Aufbau der SDP)

Dirk Moldt (Kirche von Unten)

Rainer Müller (Historiker, Neues Forum Leipzig, Archiv der Initiative Frieden und Menschenrechte Sachsen e.V., Bürgerrechtler)

Frank Nemetz (Vorsitzender Vereinigung der Opfer des Stalinismus Sachsen, Leipzig)

Bernd Oehler (Pfarrer, Vorstandsvorsitzender "Buntes Meißen - Bündnis Zivilcourage e. V." und "Bürgerinitiative Stolpersteine Meißen e.V.", Bürgerrechtler)

Gesine Oltmanns (Vorstand Stiftung Friedliche Revolution, Leipzig, Bürgerrechtlerin)

Dr. Saskia Paul (Archivleiterin Archiv Bürgerbewegung Leipzig e.V., Bürgerrechtlerin)

Dr. Sebastian Pflugbeil (Gründungsmitglied Neues Forum, Minister in der Modrow-Regierung, Mitglied der Stadtverordnetenversammlung (Ost) und später des Abgeordnetenhauses von Berlin)

Frank Pörner (Nikolaigemeinde Leipzig, Neues Forum)

Dr. Eva Reich (Ärztin, Berlin, Gründungsmitglied Neues Forum)

Siegfried Reiprich (Geschäftsführer der Stiftung Sächsische Gedenkstätten zur Erinnerung an die Opfer politischer Gewaltherrschaft)

Frank Richter (Gewerkschaftssekretär, Bürgerrechtler - Arbeitsgruppe Menschenrechte Leipzig)

Maik Ringel (Leipzig, Bürgerrechtler)

Rüdiger Rosenthal (freier Autor und Journalist, Berlin)

Ilse Schenk (Vereinigung der Opfer des Stalinismus Sachsen)

Heide Schinowsky (Landtagsabgeordnete in Brandenburg und aufarbeitungspolitische Sprecherin Bündnis 90/Die Grünen)

Prof. Dr. Ulrich Johannes Schneider (Direktor Universitätsbibliothek Leipzig)

Hansjürg Schößler (Referent, Mitglied des Arbeitskreises "Wachet und betet" in der Gethsemanekirche, Berlin, Bürgerrechtler)

Dr. Ulrike Schulz (Historikerin an der Universität der Bundeswehr München)

Barbara Sengewald (Vorsitzende Gesellschaft für Zeitgeschichte Erfurt e.V.)

Matthias Sengewald (Gesellschaft für Zeitgeschichte Erfurt e.V. und Beirat "Andreasstrasse" Erfurt)

Frank Wolfgang Sonntag (Redakteur ARD-Magazin „FAKT", Bürgerrechtler)

Jürgen Tallig (Autor, Publizist, Agentur für Neues Denken)

Wolfgang Templin (Berlin, Gründungsmitglied der Initiative Frieden und Menschenrechte)

Corinna Thalheim und Marianne Kastrati (Betroffenen Initiative Torgau)

Holger Thierfeld (Vereinigung der Opfer des Stalinismus, Chemnitz)

Rolf-Michael Turek (Pfarrer i.R., Leipzig, Bürgerrechtler)

Prof. Dr. med. Christoph Vogtmann (Taucha)

Matthias Voigt (Berlin, Bürgerrechtler)

Peter Wensierski (Autor und Journalist, Berlin)

Christoph Wonneberger (Pfarrer i.R., Leipzig, Bürgerrechtler)

 

(PDF) Offener Brief zum 30. Jahrestag der Friedlichen Revolution am 9. Oktober 2019