




In Zeiten globaler Krisen und Kriege erhält Belarus nur selten Aufmerksamkeit – und wenn doch, dann meist im Zusammenhang mit seiner Beteiligung an der russischen Vollinvasion in der Ukraine. Europäische Staaten betrachten Belarus zunehmend durch die Linse sogenannter geopolitischer „hybrider Bedrohungen“. Sanktionen, Migration, Grenzschließungen und Sicherheitswarnungen sind zu zentralen Begriffen der politischen Kommunikation über Belarus geworden.
Diese Perspektive übersieht jedoch oft den Widerstand der Menschen im Land und die dramatische humanitäre Dimension der Repression. Gleichzeitig wird Belarus dadurch noch stärker in die Perspektive des Autoritarismus und des russischen Imperialismus eingeordnet.
Seit 2020 kämpft die belarusische Gesellschaft weiterhin für Freiheit und Menschenrechte. Während international – etwa im Rahmen von Verhandlungen mit dem Regime – einige Sanktionen gelockert wurden, bleiben die Folgen der Repression massiv: Nach Angaben von Menschenrechtsorganisationen waren seit Mai 2020 mindestens 9.480 Menschen politisch motivierter strafrechtlicher Verfolgung ausgesetzt. Bis März 2026 wurden zwar 605 politische Gefangene begnadigt, gleichzeitig jedoch fast 4.500 Menschen als politische Gefangene anerkannt.

Menschen werden weiterhin massenhaft verhaftet, gefoltert und zu langen Haftstrafen verurteilt. Hunderte wurden nicht freigelassen, sondern direkt aus der Haft ins Exil abgeschoben, während Tausende weiterhin im Gefängnis bleiben. Bis heute werden Menschen für ihre Beteiligung an den Protesten von 2020 verurteilt – viele allein wegen ihrer Solidarität mit der Ukraine.
Tausende politische Gefangene, verfolgte Aktivist*innen, unabhängige Journalist*innen und ihre Familien leben in einem System der Repression.
Einige sitzen im Gefängnis, andere leben im Exil, wieder andere versuchen im Alltag zu überleben – zwischen staatlicher Kontrolle, geopolitischem Druck und internationaler Gleichgültigkeit.
Diese Materialsammlung ist ein kleiner Versuch, die Realität der Menschen in Belarus sichtbar zu machen. Die statistischen Daten basieren auf analytischen Materialien des Menschenrechtszentrums “Viasna” sowie auf der persönlichen Expertise bei der Dokumentation von Menschenrechtsverletzungen in Belarus.


Die gefälschte Präsidentschaftswahl am 9. August löst die größten Proteste in der Geschichte des Landes aus. Frauenmärsche, Märsche für Inklusion, Studierenden-, Rentner*innenproteste. Große Streikwellen in Staatsbetrieben.

Das Regime reagiert mit extremer Gewalt: landesweite Internetabschaltung, massenhafte Festnahmen, Folter, Verschwindenlassen, Schusswaffeneinsatz und systematische Einschüchterung. Tötungen von Zivilpersonen durch Sicherheitskräfte. Mehr als 30.000 Menschen werden festgenommen. Systematische Folter in Haft: Gefangene berichten von Schlägen, Elektroschocks, Sexualgewalt, Schlafentzug und Überfüllung der Zellen.
Führende Oppositionsfiguren werden verhaftet, verschleppt oder zur Ausreise gezwungen. Angriffe auf Medien und Zivilgesellschaft: Journalist*innen werden festgenommen, NGOs, Initiativen und lokale Communities werden kriminalisiert und verboten.

Fast 1.000 politische Gefangene; täglich neue Festnahmen von Aktivist*innen, Journalist*innen, Studierenden und Bürger*innen, die ihre Rechte einfordern. Mindestens 1.285 Menschen werden in politisch motivierten Strafverfahren verurteilt, über 6.500 festgenommen.
Zu polizeilicher Gewalt und Todesfällen während der friedlichen Proteste wird nicht ermittelt. Auch rund 5.000 Beschwerden über Folter und Misshandlungen durch Sicherheitskräfte, darunter mehr als 100 von Minderjährigen, werden nicht untersucht.

Mindestens 86 Durchsuchungen und 146 Verhöre gegen Menschenrechtsaktivist*innen. Führende Mitglieder des Menschenrechtszentrums “Viasna” werden festgenommen. An einem einzigen Tag erklärt das Regime rund 200 zivilgesellschaftliche Organisationen zur „Gefahr für die nationale Sicherheit“ und löst sie auf.
Ein Ryanair-Passagierflug von Griechenland nach Litauen wird vom belarusischen Regime zur Landung gezwungen, um einen oppositionellen Blogger zu verhaften – ein beispielloser Eingriff in die internationale zivile Luftfahrt.
Grenzkrise: Geflüchtete werden gezielt als Druckmittel gegen internationale Sanktionen eingesetzt.
Der oppositionelle politische und ökologische Aktivist Vitold Ashurak stirbt infolge von Folter in Haft.

Mit Beginn der russischen Invasion stellt das Regime belarusisches Territorium für den Angriff auf die Ukraine bereit. Es folgt eine neue Welle von Anti-Kriegs-Protesten und Verhaftungen im ganzen Land. Drei Tage später, am 27. Februar 2022, hält das Regime ein sogenanntes Verfassungsreferendum ab.

In mehreren Städten protestieren Menschen gegen den Krieg und gegen die manipulierte Durchführung des Referendums; Hunderte werden festgenommen. Das „Referendum“ stärkt die präsidentielle Macht und beseitigt die verfassungsrechtliche Verpflichtung zur Nuklearfreiheit.
Es gibt 1.446 anerkannte politische Gefangene und 580 ehemalige politische Gefangene. Fast 3.800 Menschen werden in diesem Zeitraum strafrechtlich verfolgt. “Viasna” kennt die Namen von 6.381 Personen, die allein im Jahr 2022 festgenommen werden. Seit 2021 werden etwa 1.180 nichtstaatliche Organisationen geschlossen oder befinden sich im Auflösungsprozess.
Die “Viasna”-Menschenrechtsverteidiger*innen Marfa Rabkova und Andrei Chapiuk werden zu 15 bzw. 6 Jahren Haft verurteilt. Der Gründer des Menschenrechtszentrums, Ales Bialiatski, erhält den Friedensnobelpreis, während er im Gefängnis sitzt.
Viele Belarus*innen ziehen an die Front, um auf ukrainischer Seite zu kämpfen, darunter auch ehemalige politische Gefangene. In den Streitkräften der Ukraine bildet sich das belarusische Freiwilligenregiment, benannt nach Kastus Kalinouski. Gleichzeitig beginnen die Behörden eine massenhafte, systematische Jagd auf Menschen, die sich dem Regiment anschließen oder es durch Spenden unterstützen. Es gibt Fälle, in denen Menschen zu 25 Jahren Haft verurteilt werden.

Die Regierung unterstützt weiterhin Russlands Angriffskrieg, stationiert russische Atomwaffen in Belarus und verschleiert Informationen über tausende aus der Ukraine deportierte Kinder. Gleichzeitig organisiert eine dezentrale Partisanenbewegung Sabotage gegen russische Militärtransporte und Infrastruktur.
Anhaltende politische Verfolgung: Repressionen gegen friedliche Proteste und Kriegsgegner*innen dauern an. Folter und Misshandlungen bleiben Instrument der Sicherheitsbehörden zur Einschüchterung. 2023 gibt es fast 1.500 politische Gefangene.
Tausende Personen, Medien, Initiativen und Online-Kanäle werden als "extremistisch" eingestuft. Selbst Likes oder Kontakte zu Gelisteten sind strafbar. Gleichzeitig finden Massenkontrollen von Mobiltelefonen an Arbeitsplätzen und an den Grenzen statt.
Politische Gefangene müssen unbezahlte Zwangsarbeit leisten, viele werden in vollständiger Isolation gehalten. Wieder sterben Häftlinge während ihrer Haft oder kurz nach der Freilassung infolge unmenschlicher Bedingungen, Folter und verweigerter medizinischer Versorgung, wie Ales Pushkin, Aliaksandr Kulinich, Dzmitry Shlethauer, Ihar Lednik, Mikalai Klimovich und Vazim Khrasko.
Das Menschenrechtszentrum “Viasna” wird als „extremistische Gruppierung“ eingestuft. Drei ihrer führenden Menschenrechtsverteidiger werden zu 7 bis 10 Jahren Haft verurteilt, darunter auch der Friedensnobelpreisträger Ales Bialiatski.
Neue Gesetze erweitern die Todesstrafe auf „Hochverrat“ durch Staatsbedienstete und Militärangehörige. Gegen Oppositionelle im Exil werden Verfahren in Abwesenheit eingeleitet und ihr Eigentum wird beschlagnahmt.
Im Jahr 2024 sind mindestens 8.895 Menschen von Repressionen wie Festnahmen, Verhören oder Hausdurchsuchungen betroffen.
Menschen auf der Flucht werden weiterhin politisch instrumentalisiert; es kommt zu Gewalt, Misshandlungen durch polnische und belarusische Grenzbeamte sowie zu Todesfällen an den Grenzen zur EU.

Bei den wiederholt gefälschten Präsidentschaftswahlen werden keine unabhängigen Beobachter*innen zugelassen, Sicherheitskräfte kontrollieren Wahllokale, es kommt zu Verhaftungen.

“Stille Repressionen”: Öffentliche Informationen zu Gerichtsverfahren werden eingestellt, der Zugang zum Urteilsregister wird gesperrt. Repressionen unter dem Vorwand der “Terrorismus”- und “Extremismus”-Bekämpfung dauern an. Internationale Organisationen sprechen von Verbrechen gegen die Menschlichkeit.
Weitere Todesfälle in Haft (Andrei Padniabenny, Valiantsin Shtermer) und nach der Freilassung; neue Zeugnisse über Folter, Misshandlungen und besonders harten Haftbedingungen werden festgehalten.
Neue Gesetze richten sich gegen LGBT+-Personen: Darstellungen von LGBT+-Menschen werden als Pornografie eingestuft (bis zu 4 Jahre Haft); auch „nichttraditionelle Familienbeziehungen“ und kinderfreie Lebensweisen werden kriminalisiert.
Seit Mai 2020 werden 4.328 Menschen als politische Gefangene anerkannt; mehr als 1.700 haben ihre Haft vollständig verbüßt. Zwischen Juli 2024 und Ende 2025 werden 569 politische Gefangene begnadigt, darunter Friedensnobelpreisträger Ales Bialiatski. 189 von ihnen werden nach der Freilassung aus Belarus abgeschoben - ohne Dokumente oder mit entzogenen Pässen.
Massenverhaftungen im Fall “Belaruski Hajun”: Zugriff auf Daten von über 1.000 Nutzer*innen, die die Militärtransporte über einen Anti-Kriegs-Bot dokumentierten, was zu einer neuen Welle von Verhaftungen führte.
Laut “Viasna” sind über 8.000 Verurteilungen in politisch motivierten Strafverfahren bekannt. Mindestens 2.384 Menschen sind von Repressionen wie Festnahmen, Verhören oder Hausdurchsuchungen betroffen. Ende Dezember 2025 befinden sich mindestens 1.131 Menschen in politischer Haft.

Mindestens 855 Personen werden seit 2020 begnadigt. Mehr als das Fünffache (4.619 Personen) erhalten in diesem Zeitraum jedoch den Status “politischer Gefangener”. Durch aktive Verhandlungen zwischen US-Vertreter*innen und dem Regime sowie die Präsenz einer Kooperationsagenda in der internationalen Politik wird allmählich das Narrativ über eine angebliche Lockerung des staatlichen Terrors in Belarus verbreitet.

Menschen, die nach der Begnadigung in Belarus bleiben, sind extremen Kontrollpraktiken ausgesetzt. Ständige Einschränkungen schaffen dabei unnatürliche Lebensbedingungen. Sicherheitskräfte können beispielsweise unerwartet nachts in die Wohnungen der Betroffenen kommen. Begnadigung ohne echte Amnestie und Repressionsende bedeutet keine Freiheit. Heute werden Menschen direkt aus der Haft entweder ins Exil abgeschoben, ohne Dokumente, oder sie bleiben in Belarus unter totaler Kontrolle und in rechtloser Stellung.
Seit Mai 2020 sind rund 10.000 Menschen mit politisch motivierter Strafverfolgung konfrontiert. Die Repressionen nehmen nicht ab – sie werden in neuen Formen der Unterdrückung transformiert.
Die Anzahl der politischen Gefangenen befindet sich auf dem Niveau von Ende 2021. Folter und andere grausame Behandlungen werden nicht untersucht und fortgesetzt.
Verfassungsrechtliche Garantien für Belarus nuklearfreien und neutralen Status werden demontiert, und der Staat bleibt an einem ungerechten Krieg beteiligt. Zwei neue Artikel werden ins Gesetz aufgenommen: “Propaganda von Homosexualität, Transgender, Kinderlosigkeit und Pädophilie” und “unzulässige Vertretung von Belarus bei internationalen Veranstaltungen”.
Schätzungsweise bis zu 1 Million Menschen haben Belarus seit 2020 verlassen. Laut Eurostat-Daten aus dem Jahr 2024 rangiert Belarus in Europa an zweiter Stelle bei der Anzahl der erzwungenen Migration, nur übertroffen von der Ukraine. Während Ukrainer*innen ihr Heimatland aufgrund der russischen Aggression verlassen müssen, werden Belarus*innen durch die repressive Politik des Regimes zur Flucht gezwungen.
Belarus*innen im Ausland können keine neuen Reisepässe oder Apostillen mehr in Botschaften beantragen. Vom Regime verfolgte Menschen geraten bei Ablauf ihrer Papiere schnell in Situationen, die für sie gefährlich werden können. Schon mehrfach mussten Menschen nach Belarus reisen, um Papiere zu holen, und wurden dort sofort verhaftet.
In Abwesenheit verurteilte Exilant*innen erhalten lange Haftstrafen und hohe Geldstrafen, während ihr Eigentum konfisziert wird. Ihre in Belarus lebenden Verwandten werden unter Druck gesetzt: Sie werden zu Vernehmungen geladen, inhaftiert oder müssen für die Verurteilten hohe Strafen zahlen.
Die Freilassungen politischer Gefangener sind oft an die sofortige Ausweisung gekoppelt. Zudem werden die Pässe von Freigelassenen im Ausland systematisch für ungültig erklärt, um sie rechtlich und sozial in der Fremde zu isolieren.
Durch den Missbrauch von Interpol und anderen internationalen Gremien werden auf erfundenen Anklagen internationale Haftbefehle erlassen. Diese Verfahren sind oft politisch motiviert, werden aber als normale Strafverfahren getarnt. Das Resultat: Belarus*innen können im Ausland festgenommen werden, während die politische Komponente verschleiert wird.
Regimetreue setzen Cyber-Angriffe, Online-Belästigung und das Scannen sozialer Medien ein, um Aktivist*innen einzuschüchtern. Weitere Methoden sind das Hacken privater Korrespondenz sowie das Erstellen betrügerischer Chatbots für Solidaritätsinitiativen zur Überwachung und nachfolgenden politischen Verfolgung.
Zudem organisieren Regimerepräsentant*innen im Ausland physische Überwachung von Solidaritätsaktionen und Personenaktivitäten. Diese Daten werden systematisch gesammelt und an Behörden weitergegeben, um neue Strafverfahren einzuleiten. In manchen Fällen werden auf Anordnung des Regimes Provokationen inszeniert, um Konflikte zwischen Belarus*innen und Einheimischen zu schüren.
Stand 20.05.2026 werden von “Viasna” 841 Menschen als politische Gefangene anerkannt. Hinter dieser Zahl stehen Geschichten von Menschen, zerstörte Leben und das Leid der Angehörigen. Unter den Inhaftierten befinden sich Eltern von mehreren Kindern, Menschen mit schweren gesundheitlichen Problemen sowie Menschen mit Behinderungen. Ihr Widerstand und ihre Stärke rufen zugleich Bewunderung und tiefe, wütende Empörung über diese Ungerechtigkeit hervor.
Ende 2025/Anfang 2026 wurden die belarusischen Menschenrechtsverteidiger*innen Marfa Rabkova, Nasta Loika, Uladzimir Labkovich, Valiantsin Stefanovic und Ales Bialiatski begnadigt. Hinter Gittern befinden sich jedoch weiterhin zwei Menschenrechtsverteidiger: Am 10. April 2026 wurde der 70-jährige, an Krebs erkrankte Uladzimir Tselyapun im Rahmen eines Strafverfahrens festgenommen; der Beobachter von Gerichtsverhandlungen Vital Chopik befindet sich bereits seit zwei Jahren im Gefängnis.
Vital Chopik wurde seit 2020 systematisch verfolgt. Zunächst waren es zahlreiche Verwaltungsverfahren und präventive Inhaftierungen, später folgte ein Strafverfahren. Seit Ende 2021 fanden bei ihm und seiner kranken, an Krebs leidenden Mutter mindestens 5 Hausdurchsuchungen statt. Vital wurde wiederholt verhört. Während seiner ersten Festnahmen trat er in den Hungerstreik und verlor dabei stark an Gewicht. Jedes Mal, wenn Vital in Isolationshaft kam, betrieb er eine Art dokumentierendes Monitoring: Er prägte sich Informationen über die Haftbedingungen und Zellen sowie über Mitgefangene, ihre Namen, Anklagepunkte und die Hintergründe ihrer Fälle ein.
Vital achtete konsequent auf seine Sicherheit, sodass die Behörden ihm über mehr als vier Jahre hinweg keine Straftat “nachweisen” konnten. Er konnte nicht wegen „extremistischer Materialien“ verhaftet werden – er besaß kein Telefon und hinterließ keine digitalen Spuren. Deshalb drangen Sicherheitskräfte 2022 eigenmächtig in seine Wohnung ein, platzierten dort die verbotene weiß-rot-weiße Flagge und konstruierten auf dieser Grundlage eine Anklage wegen „Picketing“.
Als Vital 2022 wieder Gerichtsverfahren beobachtete, wartete vor dem Gerichtsgebäude bereits ein Bus der Sicherheitskräfte. Beim Verlassen des Gebäudes wurde er brutal zu Boden geworfen, mit Handschellen gefesselt, mit feindseliger Sprache beleidigt und psychologisch unter Druck gesetzt. Seine Aufzeichnungen wurden gelöscht, sein Diktiergerät zerstört. Anschließend brachte man ihn zu Vernehmungen in einer Abteilung, die für unmenschliche Foltermethoden berüchtigt ist. Seine Wohnung und die seiner Mutter wurden durchsucht. Diese Maßnahmen dauerten den gesamten Tag an. Die Durchsuchungsbeschlüsse stützten sich auf den Artikel „terroristischer Akt“ des Strafgesetzbuches. Dies verdeutlicht das brutale Ausmaß der Repressionen.
Trotz ständiger Verfolgung, Festnahmen und Misshandlungen weigerte sich Vital, Belarus zu verlassen. Selbst als ihm geraten wurde, aus Sicherheitsgründen ein Visum zu beantragen, antwortete er: “Wenn ich irgendwohin gehe, dann nur ins Gefängnis.” Diese Antwort zeigt seine Prinzipientreue, persönliche Standhaftigkeit und sein klares Verständnis der Situation. Vital war überzeugt, dass es besser sei, zu bleiben und weiterzukämpfen – selbst wenn dies Gefängnis bedeutete. Zudem konnte er Belarus aus persönlichen Gründen nicht verlassen: Seine Mutter war schwer an Krebs erkrankt, und er pflegte sie bis zu ihrem langen und qualvollen Tod.
Im Frühjahr 2024 wurde Vital aufgrund zweier Artikel des Strafgesetzbuches angeklagt: „Förderung extremistischer Aktivitäten“ und „aktiver Teilnahme an Handlungen, die die öffentliche Ordnung grob verletzen“. Während eines Verhörs wurde er gefoltert und anschließend mit schweren Misshandlungsspuren bewusstlos ins Krankenhaus eingeliefert. Mitgefangene berichteten, dass sein Gesicht infolge der Schläge gelb verfärbt gewesen sei, was auf schwere innere Verletzungen oder Leberschäden hindeuten könnte. Für seine Menschenrechtsarbeit wurde er zu sieben Jahren Haft sowie zu einer Geldstrafe von etwa 12.000 Euro verurteilt. Im November 2025, während Vital bereits in Haft war, beschlagnahmten die Behörden seine Wohnung und verkauften sie.

Seit 2020 sind mindestens 23 Menschen im Zusammenhang mit politischer Verfolgung ums Leben gekommen. Darunter waren Personen, die von Sicherheitskräften gezielt erschossen wurden, wie Aliaksandr Taraikouski und Henadz Shutau. Der Freund von Henadz und einziger Zeuge, Aliaksandr Kardziukou, wurde fälschlich des versuchten Mordes angeklagt und verbüßt seit 2021 eine zehnjährige Haftstrafe.
In den Haftanstalten sind mindestens neun politische Gefangene an den Folgen unmenschlicher Haftbedingungen und verweigerter medizinischer Versorgung gestorben. Der jüngste unter ihnen war Dzmitry Shlethauer, der erst 22 Jahre alt war. Weitere drei Personen starben kurz nach ihrer Freilassung infolge der erlittenen Gesundheitsschäden.
Raman Bandarenka wurde im Hof seines Wohnhauses, bekannt als "Platz des Wandels" und Symbol der Proteste in Minsk, von Personen aus dem engsten Umfeld von Lukaschenka brutal zusammengeschlagen. Bandarenka starb später an den Folgen der erlittenen Verletzungen. Kurz darauf wurden eine Journalistin und ein Arzt verhaftet, die die Falschheit der staatlichen Angaben zu Ramans Tod bewiesen hatten.
Die genaue Zahl der Todesfälle bleibt aufgrund der strengen Informationskontrolle und der fehlenden Informationen über die Haftbedingungen unbekannt. Es gibt auch mehrere dokumentierte Selbstmorde, die direkt auf die politische Verfolgung zurückzuführen sind. Der 17-jährige Dzmitry Stakhouski zum Beispiel hinterließ vor seinem Selbstmord den Kommentar: "Die Untersuchungskommission ist daran schuld."

Der 21. Mai ist der Tag der politischen Gefangenen in Belarus. An diesem Tag starb 2021 in Kolonie 17 der Aktivist Vitold Ashurak – gesund vor der Haft, im Gefängnis zu Tode gefoltert. Die Behörden veröffentlichten ein Video, das ihn sterbensschwach zeigt. Wie in vielen anderen dokumentierten Fällen von Tötungen und Folter wurde auch im Fall von Vitold Ashurak keine strafrechtliche Ermittlung eingeleitet.
Das Gefängnissystem in Belarus und die unmenschlichen Haftbedingungen sind ein eigenes Untersuchungsfeld. Dort ist Folter längst zur Routine geworden: Isolationshaft, Schlafentzug, verweigerte medizinische Versorgung und vielfältige andere Methoden.
Politische Gefangene werden in den Haftanstalten automatisch mit gelben “Extremist*innen”-Marken oder Schildern gekennzeichnet. Sie werden auf Sonderlisten als “gefährdet für Extremismus und andere destruktive Aktivitäten” eingetragen. Menschen mit solchen Markierungen werden systemisch überwacht: Sie müssen zu regelmäßigen Kontrollen erscheinen; ihnen werden die Korrespondenz, die Einkäufe im Gefängnis, der Empfang von Paketen und die Besuche verwehrt. Einigen werden willkürliche Profile zugewiesen: “gefährdet für Gewalt gegen das Personal”, “gefährdet für Selbstmord”, “gefährdet für Aufstand” etc. Diese Überwachungssysteme haben eigene Regeln und Einschränkungen, die nirgends offiziell dokumentiert sind. Politische Gefangene leben in ständiger Angst vor neuer Strafverfolgung und Haftverlängerung bei jeder “Regelverletzung”.
Ehemalige politische Gefangene berichten über zahlreiche Fälle von Folter und brutaler Behandlung, darunter Erstickung mit Plastiktüten, das Eintauchen des Kopfes in Toiletten, Schläge mit Elektroschockern und Knüppeln, das Aufhängen in Handschellen, Vergewaltigungsdrohungen gegen Familienangehörige sowie die Einweisung in kalte Zellen als Foltermethode. Diese Zeugnisse beschreiben keine Einzelfälle, sondern ein System von Gewalt und Straflosigkeit, das in Belarus seit fünf Jahren ununterbrochen besteht.
Liebe Leser*innen,
vielen Dank, dass Ihr Euch die Zeit genommen habt, diesen komplexen Text zu lesen. Die Situation in Belarus bleibt für viele Menschen unsichtbar – und genau das will das Regime. In den vergangenen Jahren haben die Behörden Gesetze gezielt verändert, um sie als Instrumente politischer Repression einzusetzen. Jede neue gesetzliche Verschärfung, jede neue Verordnung dient demselben Zweck: Menschen zu unterdrücken, die demokratische Veränderungen fordern. In Belarus existiert weiterhin die Todesstrafe.
Die Verschleierung von Informationen über politische Gefangene, brutale Behandlung und Folter ermöglicht es dem Regime, die Repression fortzusetzen. Deshalb möchte ich Euch bitten, die Situation in Belarus sichtbar zu machen: Sprecht über Belarus, teilt die Geschichten politischer Gefangener und tretet der Propaganda des Regimes entgegen.
Unterstützt die belarusische Demokratiebewegung: Nehmt an Gedenk- und Solidaritätsaktionen teil und organisiert Veranstaltungen über Belarus. Jede Geste der Solidarität ist wichtig. Schreibt Briefe an politische Gefangene. Selbst kleine Botschaften durchbrechen die Isolation – sie schenken Hoffnung in finsteren Zeiten.
Mit solidarischen Grüßen
Kacia B.
Kacia* ist belarusische Menschen-rechtsaktivistin und Studentin in Deutschland. Ende 2021 führte der Weg der heute 30-jährigen über verschiedene Stationen ins politische Exil und nach Deutschland – seitdem kämpft sie von hier aus weiterhin für die Menschenrechte in Belarus. Neben ihrem Studium der Sozialen Arbeit engagiert sie sich für Menschen mit Migrationshintergrund und deren Integration in Deutschland. Sie unterstützt aber auch die Familien politischer Gefangener in Belarus und dokumentiert Verbrechen wie Folter und Misshandlungen durch das belarusische Regime in ihrer Heimatregion. „Ich glaube fest an die Kraft aktiver politischer Teilhabe, gesellschaftlicher Zusammenarbeit und des solidarischen Handelns“, sagt Kacia. „Umso mehr freue ich mich über die Chance, im Rahmen des Werner-Schulz-Stipendiums mein Projekt zu den Menschenrechten in Belarus zu verwirklichen – unter anderem mit dem Ziel, die Kämpfe der Zivil-gesellschaft sowie die Geschichten politischer Gefangener und meiner Kolleginnen und Kollegen zu zeigen.“
*Hinweis: der vollständige Name von Kacia kann aus Sicherheitsgründen in der Öffentlichkeit nicht genannt werden.