Margret Frosch (1932 - 2026)

© Privatarchiv Christian Frosch

Margret Frosch zählte in den 1970er Jahren zu den wichtigsten westdeutschen Unterstützerinnen der Opposition in der DDR. Sie war Mitbegründerin, letzte Sprecherin und nach Ansicht ihres Mitstreiters Hannes Schwenger „die Seele“ des ‚Schutzkomitees Freiheit und Sozialismus‘, das sich für in der DDR inhaftierte Dissidenten einsetzte.

Mit 93 Jahren ist sie 5. Januar 2026 in ihrer Wahlheimat Luxemburg verstorben.

Margret Frosch wurde am 5. August 1932 in Norf geboren, heute ein Ortsteil der niederrheinischen Stadt Neuss. Nach ihrem Pädagogikstudium gründete sie gemeinsam mit ihrem Mann, dem Journalisten und Filmproduzenten Winrich Frosch, die Produktionsfirma ‚Frosch Produktion‘. Zusammen mit den Journalistinnen Elke Baur und Bettina Brentano drehte sie einen Dokumentarfilm über Robert Havemann, der im Juni und Oktober 1975 sowohl im österreichischen Fernsehen als auch im WDR und in der ARD ausgestrahlt wurde. Margret Frosch hielt in der Folge engen Kontakt zu Robert Havemann und suchte ihn in den Jahren 1975 und 1976 mehrmals in Grünheide und in seiner Berliner Stadtwohnung auf. Das Ministerium für Staatssicherheit bezeichnete sie 1981 als „langjährige Verbindungsperson“ zu dem berühmten Dissidenten. Wegen „fortlaufender Aktivitäten gegen die DDR“ hatte die Stasi bereits vorher eine Einreisesperre gegen sie verfügt.

Im Rahmen der Besuche bei Havemann lernte Margret Frosch den Schriftsteller Jürgen Fuchs kennen und kam in Kontakt mit Gerulf Pannach und Christian „Kuno“ Kunert, Musiker der im Jahr 1975 verbotenen Band „Renft“. Sie half den regimekritischen und mit Veröffentlichungs- und Auftrittsverbot belegten Künstlern, ihre widerständigen Texte und Lieder in der Bundesrepublik zu veröffentlichen. „Ziel der Sache“ war nach Bekunden von Kunert „ein Beweis der künstlerischen Existenz.“

Als die drei aufgrund ihres Protests gegen die Ausbürgerung Wolf Biermanns Ende 1976 in die Stasi-Untersuchungshaftanstalt Berlin-Höhenschönhausen überführt wurden, zählte Margret Frosch gemeinsam mit dem Soziologen Manfred Wilke, dem Spiegel-Redakteur Jörg R. Mettke und dem Publizisten und damaligen Vorsitzenden des Schriftstellerverbandes in der IG Druck und Papier, Hannes Schwenger, zu den Initiatoren des ‚Schutzkomitees Freiheit und Sozialismus‘. Anliegen dieses Komitees war es, eine Öffentlichkeit für Personen zu schaffen, die sich in der DDR wegen ihrer kritischen Meinungsäußerungen staatlicher Repressalien ausgesetzt sahen. Es übernahm sowohl Patenschaften für Fuchs, Kunert und Pannach als auch für weitere Inhaftierte wie etwa Thomas Auerbach, Bernd Markowsky, Kerstin Graf, Wolfgang Hinkeldey, Marian Kirstein, Uwe Behr, Günter „Aljoscha“ Schau und Michael „Salli“ Sallmann. Das Komitee setzte sich ebenfalls für eine Aufhebung des seit Ende 1976 bestehenden Hausarrests für Robert Havemann ein. Zudem initiierte es eine internationale Unterstützungskampagne, an der sich renommierte Persönlichkeiten wie Heinrich Böll, Max Frisch, Friedrich Dürrenmatt, Peter Schneider, Otto Schily, Robert Jungk, Walter Jens, Heinrich Albertz und Klaus Staeck beteiligten. Margret Frosch nahm über ihre Freundin Christiane Höllger, Romy Schneiders Agentin in Berlin, Kontakt zu der berühmten Schauspielerin auf, die das Anliegen des Komitees ebenfalls bereitwillig unterstützte und noch Kollegen, wie etwa Yves Montand und Michel Piccoli, für dessen Tätigkeit gewinnen konnte.

Nach fast zehn Monaten Stasi-Untersuchungshaft wurden Jürgen Fuchs, Gerulf Pannach und Christian „Kuno“ Kunert nach West-Berlin ausgebürgert. Dass es zu keinem Prozess kam, ist zweifellos den Protestaktionen des Schutzkomitees zu verdanken. Jürgen Fuchs bezeichnete dessen Tätigkeit rückblickend als „Solidarität im besten Sinne.“

Margret Frosch war in der Folge entscheidend an der „Logistik der Aufnahme der Ausgebürgerten“ (Hannes Schwenger) beteiligt. Gerulf Pannach und seine Frau Amrei wohnten zunächst in Margret Froschs Steglitzer Wohnung. Auch Jürgen und Lilo Fuchs sowie Christian „Kuno“ Kunert und seine Partnerin fanden zunächst Obhut bei ihr. Für alle vermittelte Margret Frosch eine dauerhafte Bleibe und kümmerte sich zudem erfolgreich um langfristige Wohnverhältnisse für weitere Ausgebürgerte.

Nachdem Hannes Schwenger zum 1. Juli 1978 die Funktion des Schutzkomitee-Sprechers wegen anderer Tätigkeiten abgegeben hatte, übernahm Margret Frosch bis zur Auflösung des Komitees im Oktober 1980 diese Funktion. In dem von ihr unterzeichneten letzten Rundbrief heißt es, dass mit der Freilassung des Regimekritikers Rudolf Bahro das „in unserem Komitee vereinbarte Ende unserer Arbeit erreicht“ sei. Man wolle das „Komitee bis auf weiteres ‚ruhen‘ lassen“, schließe aber keinesfalls aus, „dass sich zu einem späteren Zeitpunkt wieder Gründe ergeben könnten, erneut als Schutzkomitee in Erscheinung zu treten.“ Dazu ist es letztlich nicht mehr gekommen.

Anfang der 1980er Jahre zogen Margret und Winrich Frosch von West-Berlin dauerhaft nach Luxemburg.

Die Robert-Havemann-Gesellschaft trauert um Margret Frosch und ist in Gedanken bei ihrer Familie und ihren Freundinnen und Freunden.

Letzter Rundbrief des Schutzkomitees Freiheit und Sozialismus
RHG-TA/68

Erinnerungen an einen Engel

Zum Tod von Margret Frosch, genannt Margie, die am 5. Januar 2026 starb

Von Christian Kuno Kunert

Gäbe es einen Nobelpreis für Hingabe und Fürsorge, der greise Kindskopf im Weißen Haus würde auch da leer ausgehen. Margret Frosch, laut Hannes Schwenger „die Seele“ des Schutzkomitees Freiheit und Sozialismus, das einst gegründet wurde mit dem Ziel, politische Gefangene in der DDR zu betreuen, hätte ihn verdient. Und auch bekommen, nicht nur, wenn die drei abgerissenen Gestalten, die sie im August 1977 von der Straße auflas, das Sagen in der Vergabekommission gehabt hätten.

Die drei abgerissenen Gestalten, eben aus DDR-Haft entlassenen und nach Westberlin gekarrt, waren Jürgen Fuchs, Gerulf Pannach und ich. Margret wurde unsere Quartiermutter, ohne dass wir sie darum gebeten, sie zuvor überhaupt gekannt hätten, richtete uns Schlafgelegenheiten, tischte allerhand leckeres Zeug auf, hielt die Presse fern, quirlte den ganzen Tag durch die Bude, kümmerte sich um Verträge und Honorare, half uns bei den leidigen einbürgerungsbürokratischen Angelegenheiten, organisierte schließlich sogar ein Konzert des Duos Pannach & Kunert, das noch nie öffentlich aufgetreten war, in der Akademie der Künste, schaffte es, dass der Laden rappelvoll wurde und der RIAS das Ganze live durch den Äther jagte.

Margret und das Schutzkomitee waren so erfolgreich, dass sich das Wohnzimmer füllte mit immer mehr verstoßenen Ostknackis. Der tapfere Stasischreck Aljoscha Schau war darunter, etliche aufmüpfige Jenenser, auch unser Leipziger Kumpel Salli Sallmann, geradewegs aus der NVA-Kaserne, wo er als Wehrdienstleistender freundlicherweise gegen unsere Verhaftung protestiert hatte, in die Stasihaft verfrachtet. Die wurden auch alle bekocht und bemuddelt, während sich größere und kleinere Tragödien abspielten, Tränen flossen, Misslaune eruptierte. Sorgen um Zurückgelassene spielten eine Rolle, Beziehungsprobleme, Heimweh natürlich und Zukunftsängste. Margret steckte das alles weg, kümmerte sich um Lösungen und übte sich in Seelsorge, während in einem großen Topf frische Muscheln mit Knoblauch in unbeschreiblichem Weißwein-Sud köchelten und letztendlich, nebst Baguette zum Hineinditschen, aufgetischt wurden. Was mich betrifft, so hatte ich mit meinen 25 Jahren noch nie eine Muschel zu essen bekommen, schon gar nicht derart a la Gourmet, und brauchte keine weitere psychologische Betreuung.

Eine Woche nach uns kamen unsere Familien aus Leipzig. Margret hatte auch das im Griff: Um zu verhindern, dass rührselige Fotostorys vom Wiedersehen in den Zeitungen erscheinen würden, ließ sie die Presse in dem Glauben, der Akt steige auf dem Grenzbahnhof Friedrichstraße, lotste unsere Frauen aber nach Kreuzberg, wo wir sie dann in aller Ruhe in Empfang nehmen konnten.

Meine Tochter Denise, damals 6 Jahre, beschrieb die Szene in einem Buchbeitrag *) später so:

Nach dem Grenzübertritt fuhren wir direkt zum Kreuzberger S-Bahnhof Yorckstraße, wo wir meinen Vater und Gerulf treffen sollten. Die Lokalität war ausgesucht worden, weil dort nicht mit Sensationsreportern zu rechnen war. … Zwei sehr dünne Männer standen an einem Schaukasten, und einer der Beiden sollte mein Vater sein. Ich erkannte ihn gar nicht wieder. Ob er mich gleich erkannte, weiß ich nicht. Immerhin hatte er auf seiner Zelle ein Foto von mir haben dürfen. Jetzt stellte meine Mutter mir meinen Vater vor mit den Worten: „Das ist der Papa.“

Die Journalistin Margret Frosch nahm uns danach in Empfang. Sie war die „West-Verbindung“ von Robert Havemann und gehörte dem so genannten „Schutzkomitee Freiheit und Sozialismus“ an**), eine damals von Intellektuellen in West-Berlin gegründete Gruppe, die sich für die Freilassung politisch Inhaftierter in der DDR einsetzte. Jetzt betreute sie auch Fuchs, Pannach und Kunert und half, wo sie konnte. Frau Frosch hatte zum Schutz vor der Presse ihr Auto direkt vor dem U-Bahneingang Yorckstraße geparkt. Es war spät abends und schon sehr dunkel, als wir einstiegen.

Zunächst wohnten wir eine Weile in der Steglitzer Ahornstraße. Gerulf und Ami bei Margret, Jürgen Fuchs und Familie bei Margrets Freund im Hinterhaus und wir in Margrets Nachbarwohnung, wo wir Katze und Leguan versorgten, weil die Leute im Urlaub waren. Das war ein echter Glückstreffer, denn somit blieb uns das Auffanglager Marienfelde erspart.

Margret Frosch mochte damals um die 40 gewesen sein. Mit ihren weinroten Katja-Epstein-Ponys wirkte sie eher jünger, frisch und flott. Zu unseren Gunsten vernachlässigte sie ihre Filmproduktionsfirma und sorgte für unser aller Wohlergehen, ohne dass wir das gebührend zur Kenntnis genommen hätten. Sie half uns auch bei der Wohnungssuche, erwirkte gar eine Mietbürgschaft des Berliner Senats und vermittelte dabei den Eindruck, es sei alles ganz normal, was sie tue, nicht der Rede wert. Das machte, dass wir sie wie vom Himmel gesandt wahrnahmen und nicht auf die Idee kamen, in so irdische Kategorien wie Danke sagen oder Kostenbeteiligung hinabzusteigen. Erst viel später haben wir das mal ins Gespräch gebracht und einen kleinen Obolus entrichtet.

Ihr Angebot, uns, Pannach & Kunert, zu managen, hatten wir aufgrund unserer Erfahrungen aus dem ostdeutschen Showbiz dankend abgelehnt: Wir? Wir brauchen doch kein Management! Als wir dann nach zwei Jahren angedackelt kamen, weil wir merkten, das funktioniert im Westen nicht so einfach, hatte sie längst andere Pläne und verschwand bald darauf in Luxemburgischer Ferne.

Etliche der Protagonisten des Schutzkomitees leben nun schon nicht mehr, neben Margret Frosch z.B. auch der Soziologe Manfred Wilke oder Jörg Mettke vom SPIEGEL (beide gest. 2022). Die Gelegenheit sei genutzt, ihnen allen, auch den Lebenden natürlich, und da besonders dem Anstifter Hannes Schwenger, für ihren Idealismus, ihre Risikofreude und ihre Aufopferung zu danken. Bisschen spät, aber von Herzen.

- Kuno

*) „Ein Spaziergang war es nicht“, Kindheit zwischen Ost und West, Heyne 2012

**) Der Name war ein Gegenentwurf zum Wahlslogan der CDU (Freiheit statt Sozialismus) bzw. der CSU (Freiheit oder Sozialismus) zur Bundestagswahl 197