16.05.2026
Gerold Hildebrand rezensiert Rein Raud`s "Pestzug"
Im berüchtigten Gefängnis Patarei, in Kalamaja direkt gelegen an der Tallinner Ostseebucht, wird im Jahr 1933 der Gefängnisarzt Jakob Sarapik von der kommunistischen Insassin Siina Tamberg agitiert, die „nur den von ihr selbst aufgestellten Prinzipien treu sein“ mag. Dem Leser wird es erspart, die Parolen des Marxismus-Leninismus präsentiert zu bekommen. Vielmehr versucht der Autor die Chuzpe zu erfassen, die fanatisierte Bolschwisten umtrieb.
Das geschieht etwa in der Buchmitte des Romans „Pestzug“. Der Titel bezieht sich auf einen Einsatz sechs frisch in Brest-Litowsk gekürter Militärfeldschere zur Bekämpfung der Pest im chinesischen Grenzgebiet Mandschurei 22 Jahre zuvor, mit deren Arbeit (das Verbrennen von Leichenbergen, um der Ansteckungsgefahr Einhalt zu gebieten) der Roman beginnt, wobei die Kapitel zwischen beiden Jahren immer wieder changieren.
Dazwischen liegt eine Zeitenwende.
Plausibel authentisch
Estland hat sich 1918 bis 1920 in einem Freiheitskrieg gegen die „Hundeschnäuzigen“ aus russischer Knechtschaft gelöst. Romanprotagonist Jakob hatte sich daran beteiligt. Nachempfunden ist die Figur dem Großvater des Autors, Joosep Alfred Pervik. Es bleiben naturgemäß Mutmaßungen, die aber konkrete biografische und historische Hintergründe haben und dem Autor ermöglichen, Zeitgeschichte fabulierend erfahrbar zu machen - aus der Perspektive eines estnischen, bürgerlichen und völlig unfanatischen Patrioten. Doch so kann es sich zugetragen haben.
Die Konfrontation
1933 taucht im Patarei ein alter Bekannter Jakobs auf, mit dem er während der Pestbekämpfung unterwegs war: Alexej Sergejewitsch Solomjatin, der sich nun Kameratow nennt und wegen kommunistischer Umtriebe inhaftiert wurde. „Einer, den menschliche Verbote und Befehle nicht zurückhalten.“ Einige Erlebnisse von 1911 erscheinen plötzlich in einem anderen Licht.
Als Jakob damals ein noch lebendes Mädchen aus einem der Leichenberge barg, rügte ihn sein Gegenspieler Solomjatin scharf ob der damit verbundenen Ansteckungsgefahr. War in dessen Denkungsart bereits der Boden bereitet für die Menschenleben missachtende kommunistische Ideologie?
Vergebung und Gerechtigkeit
Zwei damalige mutmaßliche Unglücksfälle entpuppen sich als Mordversuch und Mord. Und eine weitere dunkle Geschichte schwelt, die erst am Ende aufgeklärt wird und Jakob, der seit über zwanzig Jahren eine heilige Wut auf den vermeintlichen Kameraden mit sich herumschleppt, überlegen lässt: „war denn nicht gerade die Weigerung, so zu werden wie der, den wir hassen, die beste Rache?“ Ähnlich drückte es 1990 der Dissident Jürgen Fuchs aus: „Wir wollen nicht so werden wie sie.“
Jakob ringt mit sich: „Vergebung und Gerechtigkeit müssen nicht unbedingt Gegensätze sein.“ Darauf läuft es hinaus: Ist Vergebung möglich ohne Unterwerfung und ohne die Gerechtigkeit außen vor zu lassen? Im Roman wird die Entscheidung abgenommen durch zufällige Ereignisse, Schicksal, Fügung.
Haftverhältnisse
Der Russe Solomjatin, der nicht nur ein kommunistischer Aufrührer ist, sondern sich auch als mehrfacher Mörder und Erpresser entpuppt, möchte lieber gerecht bestraft werden und möglichst bald im estnischen Gefängnis als Märtyrer sterben, unter Haftbedingungen, die zwar nicht gerade angenehm sind, als an die Sowjetunion ausgeliefert zu werden. Wohl im Wissen darum, dass Stalin die leninistischen Gulags noch verschärft hat, was im Roman jedoch nicht explizit angesprochen wird.
Wer zu Zeiten der SED-Diktatur die Gefängnisbriefe der Gewalt nicht ausschließenden spartakistischen Umstürzlerin Rosa Luxemburgs las, konnte nur baff erstaunt sein über die relativ humanen Haftverhältnisse im Kaiserreich (Gartenpflege, Literatur, Post, keine Zwangsarbeit), wenn er sie ins Verhältnis setzte zu denen politischer Gefangener in der DDR, die nicht einmal im Freundeskreis irgendwelche Umsturzphantasien geäußert hatten.
Das war auch in Estland so, als nach der erneuten russischen Okkupation nicht nur willkürliche Deportationen folgten, sondern der KGB das Patarei übernahm nachdem er in der Tallinner Pagari 1 zunächst einen Folterkeller installiert hatte. Beide sind heute Gedenkstätten.
Lektüre-Voraussetzungen?
Sollte man die Geschichte der baltischen Länder kennen? Durchaus. Sollte man nach Estland reisen? Unbedingt! Im Roman werden Rakvere, Tallinn, Pärnu, Tartu, Narva und der romantische Gutspark Palmse genannt. Wer einmal an diesen Orten war, wie der Rezensent, verspürt Sehnsucht. Sollte man ostmitteleuropäische Literatur kennen? Das kann keineswegs schaden.
Alle drei Fragen, positiv beantwortet, sind jedoch keine Voraussetzung für die Lektüre von Rein Rauds Werken, wenn auch selbige den Anreiz stärkt, es doch einmal zu wagen, denn es ist ja alles nicht so weit weg.
Kann denn ein Roman Geschichte vermitteln? Ganz gewiss - und es wird anschaulich, welche Lebenswirklichkeit mit dem Hineingeborensein verbunden ist, zumal, wenn sich gravierende politische Umbrüche ereignen.
Der Roman „Pestzug“ (Katkurong) des estnischen Autors, Japanologen und Kulturwissenschaftlers, angesiedelt in den Jahren 1911 und 1933, handelt von ostmitteleuropäischer Geschichte. Dabei geht es um Glaube, Liebe, Hoffnung, aber auch um falschen Glauben und vorgetäuschte Liebe.
Unabhängigkeit
Estland und einige andere verloren geglaubte Staaten sind auferstanden. Im Roman begegnen sich Gefängnismitarbeiter und Insasse. Gerade mal 22 Jahre sind vergangen, nachdem sie noch gemeinsam gegen die Pest gekämpft hatten. In dieser Zeit ist ein wesentlicher Umbruch geschehen. Estland war nach einigem Hin und Her unabhängig geworden, hatte sowohl die russischen Bolschewisten als auch die deutschen Kaiserlichen aus dem Land geworfen. Am 2. Februar 1920 unterzeichneten Estland und Sowjetrussland den Friedensvertrag von Tartu. Darin erkannten die Sowjetrussen den selbstständigen Staat Estland an und verzichtete für immer auf alle Rechte auf Estland. Doch 1939 folgte der Hitler-Stalin-Pakt mit grausamen Folgen und heute gibt es wieder ähnliche auf Okkupation ausgerichtete Drohungen Putin-Russlands.
Die Seuche
Warum sollte ein Roman gelesen werden, in dem sich viel um Pathologie dreht? Denn darum geht es hier, was bei einem Titel, der die Pest an Bord hat, kaum überrascht. Gibt es nicht auch pathologische gesellschaftliche und politische Zustände? Erinnert es nicht an „Die Pest“ von Albert Camus? Wird Krankheit auch hier zur Metapher? Und was ist überhaupt Krankheit? „Pathologie beginnt beim normal werdenden Zuviel - da, wo eine zufällige Abweichung zur Norm wird.“ Aber auch „allzu Gesunden“ droht Gefahr, sie „bekommen leicht die Illusion, dass sie in allem Recht haben.“
Freiheit
Wie ist einem Schicksal, aus dem zunächst kein Entrinnen möglich scheint, zu entgegnen? Und was ist mit Vergeltung, wenn es dann doch mal anders kommt.
Gerade Estland war gebeutelt durch zwei Besatzungsmächte mit ihren totalitären Herrschaftsgebaren. Die Esten bewahrten sich dennoch über Jahrhunderte und erneut Jahrzehnte der Knechtschaft ihren nach Freiheit strebenden Individualismus.
Und so geht es bei Rein Raud auch um Individuen und nicht wie bei Camus um „unsere Stadt“. Die Epidemie ist gleich zu Beginn des Romans Thema, als die Herrschaft des Russischen Kaiserreichs über Estland schon fast zwei Jahrhunderte andauerte. Ein Pole, ein Grieche, drei Russen und ein Este sind in gemeinsamer Mission unterwegs. Eine junge aus Palms stammende Deutsch-Baltin kommt ins Spiel, die von zwei Männern umworben wird. Vielleicht ist sie eine Metapher für das Land, Estland.
In der Gedenkstätte Patarei-Gefängnis liegt heute eine gestürzte Lenin-Statue am Boden. Möge die Pest nicht wieder Einzug halten.

Rein Raud: Pestzug. Roman, übersetzt von Cornelius Hasselblatt. Literatura Baltica. Taufkirchen: Mediathoughts 2026. ISBN 9783947724642
www.netgalley.de/catalog/book/807424
www.jpc.de/jpcng/books/detail/-/art/rein-raud-pestzug/hnum/12623919
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geboren 1955 in Lauchhammer. Ab 1976 fand er in Jena Kontakt zur Offenen Arbeit der Jungen Gemeinde Stadtmitte und besuchte systemkritische Lesekreise, 1982 Umzug nach Berlin. Dort Mitarbeit in verschiedenen oppositionellen Gruppen, wie der Berliner Umwelt-Bibliothek. Im Herbst 1989 war er einer der Organisatoren der Mahnwache in der Berliner Gethsemanekirche. Ab 1990 war er Mitarbeiter des Matthias-Domaschk-Archivs und zeitweilig Pressesprecher der Bürgerbewegung Neues Forum. 1997 bis 2005 studierte er Sozialwissenschaften an der Humboldt-Universtiät zu Berlin und ist Diplom-Sozialwissenschaftler.
Bis zum Renteneintritt arbeitete er in der Gedenkstätte Berlin-Hohenschönhausen. Gerold Hildebrand lebt in Berlin-Prenzlauer Berg.