Digitales Kondolenzbuch für Reinhard Schult

Auch wenn Reinhard Schult sich seit langer Zeit aus der Öffentlichkeit zurückziehen musste, traf die gestrige Nachricht seines Todes viele schwer. Nachrufe und Erinnerungen zum Gedenken an Reinhard Schult wollen wir daher auf dieser digitalen Kondolenzseite sammeln. Ihre Beiträge senden Sie bitte an info@havemann-gesellschaft.de.

Eine der wichtigsten Gegenstimmen in der DDR – Reinhard Schult ist in der Nacht zum 26. September 2021 verstorben

Er war einer der wichtigsten Vertreter der Friedens- und Menschenrechtsbewegung in der DDR, Mitbegründer des Neuen Forums, Stasi-Besetzer und Politiker. Geboren am 23. September 1951, wuchs er in Ost-Berlin auf. Das Vorhaben der Familie, ausgerechnet am 13. August 1961 über West-Berlin in die Bundesrepublik zu flüchten, scheitert am Mauerbau. 18 Jahre später, auf den Tag genau, wurde er wegen angeblicher „Beihilfe zur Republikflucht“ verhaftet.

Er war bereits in seiner Jugend unbequem für Partei und Staat gewesen. Durch seine Mutter hatte er früh Kontakt zur Jungen Gemeinde Berlin-Mahlsdorf. Er selbst sagte rückblickend: „In der Junge-Gemeinde-Zeit herrschte schon eine Atmosphäre von Protest, was aber über die Musik ging. Das ging in den 1960er Jahren mit den langen Haaren los.“ Eine Zulassung zur Erweiterten Oberschule, auf der man in der DDR zum Abitur geführt wurde, blieb ihm verwehrt. Stattdessen machte er 1968 bis 1971 eine Ausbildung zum Baufacharbeiter mit Abitur, um danach ein Theologie-Studium am Sprachenkonvikt Berlin zu beginnen. Reinhard Schult entschied sich nach einiger Zeit jedoch gegen das Studium und arbeitete ab 1972 als Maurer und Heizer.

Reinhard Schult beim Trampen, ca. 1975. Quelle: Robert-Havemann-Gesellschaft

Da er den Dienst mit der Waffe in der NVA verweigert hatte, wurde er 1976, mit 25 Jahren als Bausoldat eingezogen. „Bausoldat war die logische Konsequenz. Das war in der DDR die einzige Möglichkeit, wenigstens ein Stück an Gegenposition deutlich zu machen.“, erinnerte er sich später. Bald darauf erfuhr er in der Kaserne in Pätz bei Königs Wusterhausen von der Ausbürgerung Wolf Biermanns. Vorher nicht mit Biermanns Liedern vertraut, besorgte er sich nun jedoch den Mitschnitt des Konzertes in Köln, nach dem der Liedermacher nicht wieder in die DDR zurückgelassen wurde, und vervielfältigte mit seinen Kameraden Biermanns Texte. Oft geschah das im Heizraum, während einer „Schmiere stand“. Aufgeflogen ist Reinhard Schult in seiner Bausoldatenzeit damit nicht, sie sollten einem Staatsanwalt jedoch 1979 einen willkommenen Grund für eine Verurteilung liefern, als der Vorwurf der „Beihilfe zur Republikflucht“ nicht mehr haltbar war. Nachdem Reinhard Schult bereits acht Monate in der Stasi-Untersuchungshaft in Berlin abgesessen hatte, wurde das Strafmaß an die geänderte Anklage angepasst, so dass er drei Tage nach dem Urteilsspruch am 10. April 1980 wieder entlassen wurde.

Auch nach dem harten Ersatzdienst als Bausoldat beschäftigte sich Reinhard Schult als Mitinitiator von Diskussionsforen in der ganzen DDR weiter mit dem Thema Wehrdienstverweigerung. Mit zwei Freunden hatte er auch „eine kleine Propagandatruppe“ – wie er sie nannte – gegründet. Mit Gitarren und Querflöte spielten sie u. a. Texte von Tucholski oder Biermann wie „Soldat, Soldat“, um Jugendliche zur Verweigerung des Wehrdienstes zu motivieren.

Reinhard Schult - Objekt "Pazifist" - wird mit versteckter Kamera am 12. Juni 1987 um 8.45 Uhr in der Lychener Straße observiert. Quelle: HA VIII - 2266, Bd. 10, S.56
Reinhard Schult (links) bei einem Auftritt des "Friedrichfelder Liederkränzchens" während der Friedenswerkstatt auf dem Gelände der Berliner Erlöserkirche 1984. Quelle: Robert-Havemann-Gesellschaft/Hartmut Beil/RHG_Fo_HAB_16054

Im Laufe der 1980er-Jahre war Reinhard Schult vielseitig in der Friedens- und Oppositionsbewegung der DDR engagiert. Durch Kontakte in die West-Berliner Hausbesetzerszene erfuhr er z. B. von der Gründung „freier Radios“. Mit Freunden aus West-Berlin entwickelten er und weitere Mitglieder einer illegalen Gruppe aus Ost-Berlin 1986 einen Plan für einen Piratensender. Im Osten sollte das Manuskript geschrieben und im Westteil der Stadt die Sendung produziert und illegal gesendet werden. Der illegale Radiosender erhielt den Namen „Schwarzer Kanal“, die Namensgleichheit mit einer Propagandasendung des DDR-Fernsehens war beabsichtigt. Die erste Sendung beschäftigte sich mit der Katastrophe von Tschernobyl. Um sie anzukündigen, waren mithilfe eines Kinderstempelkastens Flugblätter hergestellt worden, die ein paar Tage vor dem Sendetermin Ende Oktober 1986 in Hausbriefkästen verteilt wurden. Die Reichweite des Senders hat große Teile Ost-Berlins und des angrenzenden Umlands umfasst. Die Ausstrahlung der illegalen Sendung hat damals die Offiziellen auf beiden Seiten der Mauer in höchste Aufregung versetzt. Die deutsch-deutsche Zusammenarbeit von unten war nicht gern gesehen. Im November und Dezember 1986 folgten noch zwei weitere Sendungen zu anderen Themen. Die dritte Sendung wurde von Störsendern der Stasi so massiv gestört, dass nur wenige Minuten zu hören waren.

Reinhard Schult organisierte über mehrere Jahre nach dem Vorbild der Fliegenden Universitäten der polnischen Opposition illegale Bildungsseminare und Veranstaltungsreihen zu Themen, die in der DDR nicht gelehrt wurden bzw. sogar verboten waren. Es ging um Ereignisse wie den Aufstand des 17. Juni 1953, um die Geschichte von KPD und SED, um Entwicklungen in weiteren Staaten des Ostblocks und anderes mehr. Die dazu verwendete Literatur hat er mithilfe von in den Westen ausgereisten Freunden und Westkorrespondenten in die DDR schmuggeln lassen. Eine so entstandene, konspirativ betriebene Bibliothek wurde unter seiner Regie in Ost-Berlin betrieben. Am Ende der DDR umfasste diese mehrere hundert Bände und ist in großen Teilen im Archiv der Robert-Havemann-Gesellschaft untergebracht.

Noch vor Veröffentlichung der Samisdatzeitschrift "Friedrichsfelder Feuermelder" verbreitete das MfS eine Ausgabe mit der Nummer 1/87. Diese ist daran zu erkennen, dass die Glocke auf dem Cover nach links, statt wie in den Originalausgaben nach rechts zeigt. Quelle: Robert-Havemann-Gesellschaft e. V.
Erste Ausgabe der Samisdat Zeitschrift "Friedrichsfelder Feuermelder", in der die Autoren auf die wenige Wochen zuvor verbreitete Fälschung der Staatssicherheit eingingen. Quelle: Robert-Havemann-Gesellschaft e. V.

Darüber hinaus war er im Friedenskreis der Evangelischen Studentengemeinde (ESG) Berlin, aus dem später der Friedenskreis Friedrichsfelde entstand, in der Kirche von Unten und in der Gruppe Gegenstimmern aktiv. Maßgeblich mitgeprägt hat er die Samisdat-Zeitschrift mit dem klangvollen Namen „Friedrichsfelder Feuermelder“, um dem Informationsmonopol in der DDR eine unabhängige Stimme entgegenzusetzen.

Wie ernst diese von der Staatsmacht genommen wurde, ist daran zu sehen, dass noch vor der ersten Nummer eine von der Stasi gefälschte und mit einem demagogischen Text gefüllte Ausgabe erschien.

1. "Runder Tisch" im Bonhoeffer-Haus in Berlin, links die Vertreter der Bürgerbewegung und der neuen Parteien. Zweiter von links Reinhard Schult. Quelle: Robert-Havemann-Gesellschaft/Rolf Zöllner/RHG_Fo_HAB_14833
Reinhard Schult (rechts) auf einer Pressekonferenz des Neuen Forums, Anfang der 1990er Jahre. Quelle: Robert-Havemann-Gesellschaft/Rolf Zöllner/RHG_Fo_RDA_04776

Als einer der Mitbegründer des Neuen Forums, war Reinhard Schult von Beginn an maßgeblich am Vorantreiben der Friedlichen Revolution 1989 beteiligt. Schon im Mai 1989 gehörte er zu denjenigen, die mit ihren Aktivitäten den Wahlbetrug anlässlich der Kommunalwahlen anprangerten. Ab Dezember saß er am Zentralen Runden Tisch, um den noch Herrschenden demokratische Verhältnisse abzuhandeln.

1990 stand für ihn ganz im Zeichen der Stasi-Aufarbeitung. Organisierte er am 15. Januar noch den Protest mit, der zur Erstürmung der Zentrale des Ministeriums für Staatssicherheit in Berlin-Lichtenberg führte, arbeitete er von März bis Oktober als Leiter der Operativen Gruppe im Staatlichen Komitee zur Auflösung des Ministeriums für Staatssicherheit.

Reinhard Schult (links) und Frank Ebert 1992 in den ersten Räumen des Matthias-Domaschk-Archivs in der Berliner Umwelt-Bibliothek. Quelle Robert-Havemann-Gesellschaft/Volker Döring/RHG_Fo_VDoe_463
Reinhard Schult bei einem Interview während der Besetzung der ehemaligen Stasi-Zentrale, Anfang September 1990 in Berlin. Quelle: Robert-Havemann-Gesellschaft/Christian Thiel/RHG_Fo_RDA_02533

Auch auf dem Weg zur deutschen Einheit blieb Reinhard Schult unbequem. Als bekannt wurde, dass die Stasi-Akten im Bundesarchiv für Jahrzehnte weggesperrt werden sollten, gehört er zu denen, welche Räume im Archiv der ehemaligen MfS-Zentrale in Berlin besetzten, um das zu verhindern. Das noch von der Volkskammer beschlossene Stasi-Unterlagengesetz sollte in den Einigungsvertrag übernommen werden. Um das zu erreichen, trat Reinhard Schult gemeinsam mit seinen Mitbesetzern in einen mehrwöchigen Hungerstreik. Die in Erinnerung gebliebene Protestaktion von ihm und zwei Mitstreiterinnen auf einer Plenarsitzung der Volkskammer trug am Ende auch dazu bei, die Stasi-Akten der Öffentlichkeit zugänglich zu machen.

Kurz darauf, im November 1990, versuchte Reinhart Schult, seine eigenen Erfahrungen als Besetzer zu nutzen, um zwischen Hausbesetzern und Senat zu vermitteln und eine Räumung der Mainzer Straße in Berlin-Friedrichshain zu verhindern.

Und er blieb politisch aktiv. Bis 1995 war Reinhard Schult Mitglied des Abgeordnetenhauses von Berlin – zunächst gewählt auf der Liste von Bündnis 90/Die Grünen. Aber er und andere Bürgerrechtler und Bürgerrechtlerinnen schlossen sich zur parlamentarischen Gruppe Neues Forum/Bürgerbewegung zusammen, um ihre Anliegen zu vertreten. Reinhard Schult blieb sich und seinen Themen treu. So appellierte er gemeinsam mit anderen Bürgerrechtlern 1999 an die Bundeswehrsoldaten, den Einsatz im Jugoslawien-Krieg zu verweigern und er beriet viele Jahre Opfer der SED-Diktatur in Berlin und Brandenburg. Für sein beeindruckendes Engagement gegen die SED-Diktatur, seine wichtige Rolle in der Friedlichen Revolution und sein Engagement in der Aufarbeitung erhielt er unter anderem das Bundesverdienstkreuz.

Reinhard Schult lebte einige Jahre auf einem Hof in der Uckermark, später zog es ihn in die Nähe von Bernau. Seine Krankheit kam schleichend und für ihn nicht spürbar. Als er es merkte, kümmerten sich Freunde darum, dass er von den Ärzten untersucht wird. Sie fuhren mit ihm von einer Klinik in die nächste. Sein Zustand verschlechterte sich zusehends. Das Kommunizieren, eine der wichtigsten Eigenschaften für jemanden, der sich einmischen will, ging nicht mehr. Es war die große Tragik in seinem Leben, er hatte noch so viel vor. Seine Stimme hat schon seit Jahren gefehlt.


Reinhard Schult im Jahr 2008. ©Frank Ebert

14.10.2021

Rudolf Keßner

VERTRAUEN

Während der vielen Monate Untersuchungshaftzeit von Reinhard Schult gehörte ich zu dem Personenkreis, der in diesem Zusammenhang vom MfS ebenso mit "bearbeitet" wurde mittels Hausdurchsuchung, stundenlanger Verhöre, Telefonüberwachung, Beschattung auch meines privaten Handwerksbetriebes... Ich war einer der zwölf 1976-1978 mit Reinhard in Königs Wusterhausen/Pätz, dem "Stab der Grenztruppen der DDR", eingepferchten Bausoldaten. Wir konnten am Ende unseres Dienstes uns nicht gemeinsam verabschieden, denn ich musste zwei Wochen im Arrest Berlin Kupfergraben nachdienen wegen "Herabwürdigung staatlicher Symbole". Meiner Erinnerung nach unmittelbar nach der Entlassung wurde ich in Weimar im Zusammenhang mit der Bausoldatenzeit in Pätz seitens des MfS zugeführt. Henning Utpatel beschrieb in seinem Nachruf bereits, dass es uns gelang, im Heizhaus des Armeestabes, quasi eine Druckwerkstatt zu betreiben. Wir wussten damals noch nicht, das der einzige (!) IM innerhalb aller Bausoldaten in der DDR noch in den letzten Tagen des Dienstes in Pätz unsere Aktivitäten ermittelte und verriet. Dreimal innerhalb der achtzehn Monate wurde dieser, später enttarnte, IM, zu unserer Verwunderung, von der Offiziershochschule der Grenztruppen Plauen unter der Legende, in der Zentralen Bibliothek im Generalstab tätig zu werden, zu uns versetzt. Die ersten beiden Male erklärte Reinhard Schult klar: keinerlei Vertrauen zu dem Mann aufbauen. Die Schreibmaschinen hörten auf zu klappern. Beim dritten Besuch, wenige Tage vor der Entlassung, waren wir wohl etwas leichtsinnig geworden.

Berlin-Pankow, April 1980, Gerichtsgebäude, wilhelminischer Protzbau: ich war seitens der Staatsmacht eingeplant, Reinhard weiterhin hinter Gitter belassen zu können. Wir "Zeugen" kannten uns bereits. Wir saßen oder standen unter Bewachung als armseliges Häuflein in den riesigen  Fluren herum. Hatten wir - hatte ich - Reinhard richtig eingeschätzt? Konnte mein beharrliches, inhaltsloses Plaudern während der Verhöre belohnt werden? Wie mag es Reinhard die vielen Monate ergangen sein? Was mögen ihm für gefälschte Aussagen von uns, von mir, vorgelesen worden sein? Welche Wirkung hatten diese auf seine Person? Wie wag er die sicherlich auch ihm gegenüber gefälschten Aussagen von mir gewertet haben?...?

Von der Ferne war ein Rasseln zu hören. Stahltüren wurden geöffnet und geschlossen. Von weither schlurfte Reinhard, meiner Erinnerung nach in Ketten, bewacht von zwei Männern, den Gang entlang. Ich geriet in Panik, wusste ich schließlich, dass ich ebenso noch im Hause der Beschuldigte sein kann. Wie wird der erste Blickkontakt zu mir, zu uns Wartenden, sich gestalten? - Reinhard blickte uns fest an. Ein winziges, fast unmerkliches Zwinkern mit dem rechten Auge signalisierte uns: es geht keine Gefahr von ihm uns gegenüber aus. Wir zwinkerten zurück. Riesen Erleichterung. Egal, wie dieser Prozess auch beginnt und endet, wir haben bereits gewonnen. Wir haben uns vertraut und geschwiegen und gewonnen.

14.10.2021

Sigurd Ronneburg

Einer der mutigsten und streitbarsten Bürgerrechtler ist für immer von uns gegangen. Ich bin traurig. Er wird nicht vergessen. Mein Beileid den Angehörigen.

13.10.2021

Johannes Beleites

Begegnet sind wir uns erst bei der Stasi-Auflösung 1990, aber eher aus der Ferne. Und dann immer wieder, wir kannten uns, hatten aber kaum miteinander zu tun. Das änderte sich schlagartig, als ich gemeinsam mit Peter Grimm die Redaktion von Horch und Guck übernahm. Reinhard war im Vorstand des Trägervereins, des Bürgerkomitee "15. Januar" in Berlin, und hatte uns gewissermaßen zusammengespannt. Meinen Einwand, dass ich Peter gar nicht kenne und nicht wisse, ob wir das zusammen hinbekommen würden, ließ er nicht gelten. Wir würden uns sicher gut ergänzen. Und genauso war es dann auch: Wir waren so unterschiedlich und schätzten das auch aneinander, dass die Sache dann wirklich zum Erfolg wurde. Und immer wenn es klemmte, war zuverlässig Reinhard da. Mit klugem, strategischem Blick für die längeren Linien, unzähligen Kontakten und einer geradezu hartnäckig-zähen Gelassenheit steuerte er durch die Untiefen unterschiedlichster Erwartungen an solch ein Projekt. Reinhard konnte Meinungsunterschiede gut ertragen, schätzte Widerspruch offenbar wirklich. Aalglatte Anpassung war ihm zutiefst zuwider und doch wusste er gleichzeitig auch, dass der Weg mit dem Kopf durch die Wand nur selten zum Erfolg führt. Dass ich ausgerechnet von ihm manchmal zu mehr Zurückhaltung oder Gelassenheit angemahnt wurde, überraschte mich dann doch. Klug war es aber allemal.
Wir haben hervorragend zusammengearbeitet, solange ich noch in Berlin war. Von Reinhards Krankheit hörte ich erst danach. Jenseits der Arbeit an Horch und Guck sind wir uns immer ein wenig fremd geblieben. Und dennoch berührt mich die Nachricht von seinem Tode sehr. Wir haben Reinhard viel zu verdanken, seinem unabhängigen Denken, seiner Neugier und Phantasie. Und ich hoffe sehr, dass wir ihm das auch früher schon deutlich wissen und spüren lassen konnten. 

12.10.2021

Henning Utpatel

Gerade hatte ich mein Abi in der Tasche, doch ein Studium wurde mir erst nach einer „Bewährungszeit“ in Aussicht gestellt. Ich wurde eingezogen und kam gemeinsam mit Reinhard in eine höchst interessante Bausoldatengruppe. Vor allem war es eine Lernzeit, die ich erleben durfte. Reinhard öffnete mir andere Welten, andere Texte, andere Lieder. In unsren Heizkeller-Katakomben sangen wir und ließen die Schreibmaschine kaum pausieren. Auch andere Bausoldaten, Freunde, und Familien sollten lesen und informiert sein. Von Reinhard lernte ich Klarheit und scharfes Denken. Ermutigung und eine besondere Fröhlichkeit, die ansteckend wurde, weil sie nicht hinnahm, was uns tagtäglich serviert wurde. Und ich erinnere mich gut, dass wir auch oft darüber sprachen, wie es möglich ist, Theoretiker und Praktiker zugleich zu sein. Reinhard konnte dies viel besser als ich. Und vielleicht ist es ja auch für die meisten gut, sich auf das Eine zu konzentrieren. Andere sind bei dem Zweiten genauer und besser. Während ich später in Berlin studierte, lernte ich weiter mit ihm: in Wohnungen auf Seminaren, in denen unser Geist schärfer wurde und trotzdem Visionen geteilt wurden. Nach 1989 sah ich Reinhard seltener. Aber ich wusste immer, wie viel ich den Gesprächen mit ihm verdanke für mein eigenes Organisieren der vielen Mecklenburger Mobilen Friedensseminare und Zurechtfinden damals und heute. Reinhard, ich bin dir dankbar. Und du sei nun dem Himmel ganz nah.

12.10.2021

Elke Westendorff

Wir sangen im „Liederkränzchen“, Anfang der 80er Jahre, „Wir werden alle überwacht“ von Georg Danzer und „Unter dem Pflaster, da liegt der Strand“, von Angi Domdey, dort heißt es in der letzten Strophe: „Wirf die Ketten weg und schmeiß' sie gegen die, die mit ihrer Macht deine Kräfte brechen wollen“. Als Jemand, der genau das getan hat, behalte ich dich in Erinnerung. Es tat gut, dich als unbeugsamen Aktivisten zu erleben und mit dir befreundet zu sein.

Wegbereiter, Wegweiser und Weggefährte, danke.

Elke Westendorff

11.10.2021

Jürgen Tallig

Reinhard Schults Tod macht mich betroffen,- ich habe ihn gekannt und geschätzt für seinen kritischen, unbestechlichen Geist,- auch im neuen System, dass er nicht wollte, wie ich aus den frühen Auseinandersetzungen im Neuen Forum zur deutschen Frage weiß.

Sein anarchistischer Geist lehnte weiterhin jedes Anbiedern und Kungeln mit der Macht ab, weshalb er nach dem Treffen Kohl-Bohley aus der Berliner Fraktion des Neuen Forum ausgetreten ist.

Er hatte einen ausgeprägten Gerechtigkeitssinn und war immer auf der Seite der Schwachen. Vielleicht ist eine Veröffentlichung der von ihm initiierten Opens internal link in current window"Erklärung von Angehörigen ehemaliger DDR-Oppositionsgruppen" gegen die Agenda 2010 und Hartz IV die beste Würdigung dieses klarsichtigen und freiheitsliebenden Menschen.

Als er vor Jahren verstummte und auch seine Mails ausblieben, fehlte eine wichtige unbestechliche und unabhängige Stimme. Wir werden Dich vermissen. Mein Mitgefühl gilt seiner Familie und all seinen Freunden. Jürgen Tallig (Mitbegründer Neues Forum Leipzig, Gruppe Neues Denken)

09.10.2021

Heidi Bohley

Lieber Reinhard,

wenn ich an dich denke, sehe ich dich laut und spöttisch lachend vor mir. Bei (nicht nur einem) Glas Wein nach langweiligen „Sprecherratssitzungen“ mit nervigen „Anträgen zur Geschäftsordnung“ lachten wir all das weg und schafften mit bissigem Humor die Freiheit, die wir uns bereits vor dem Sturz der Diktatur – trotz alledem – erobert hatten.

In den letzten Jahren habe ich dich nur selten gesehen. Es hieß, du hättest dich aus gesundheitlichen Gründen zurückgezogen. Was genau mit dir ist, war nicht zu erfahren. Erst jetzt hört man, was für ein entsetzliches Martyrium du erleiden musstest als dein Körper samt allen Sinnen versagte. Es heißt, die Ärzte konnten nicht helfen, nicht einmal die  Ursache deiner Leiden ermitteln. Die Frage steht im Raum:

War das wirklich eine schicksalhafte Krankheit, die unverschuldet über einen Menschen kommen kann? Oder hat man dir das angetan?

Haben sie an dir ausprobiert wie die nicht nachweisbaren Substanzen wirken, die im Auftrag der Menschenverächter der SED und des Ministeriums für Staatssicherheit erforscht und entwickelt wurden?

Freya Klier ist es zu danken, dass sie in ihrem neuen Buch „Unter mysteriösen Umständen: Die politischen Morde der Staatssicherheit“ (Herder, 1. Auflage 2021) viele Krankheitsschicksale zusammengetragen hat, bei denen sich die äußere Einwirkung von „Zersetzungsmaßnahmen“ nicht ausschließen lässt. Dass sich kein Beweis erbringen lässt, liegt im Kalkül der Auftraggeber. Umso mehr muss die Frage nach dem Verursacher laut gestellt werden – auch bei dir, lieber Reinhard.

Freya schreibt auf Seite 281 ihres Buches:
"Auch der baumstarke und streitbare Reinhard Schult ist einem unaufhaltbaren Siechtum ausgesetzt: Ihn vor zwei Jahren besuchend, wusste ich nicht, ob er einen noch erkennt. Als seine ihn liebevoll pflegende Freundin plötzlich das Tablett mit dem heißen Tee auf seine Beine stellt, bekomme ich Angst, er könnte sich verbrühen, wenn er seine Beine bewegt. 'Er bewegt seine Beine nicht mehr', sagt die Freundin ruhig."

Leb wohl lieber Reinhard, wir trauern um dich. Ruhe sanft!

07.10.2021

Arnulf Rating

Es muss irgendwann 1990 gewesen sein. Wir trafen uns auf einer Versammlung im damaligen Haus der Demokratie in der Friedrichstrasse, welches die SED auf Betreiben des Runden Tisches abgeben musste. Reinhard Schult kannte mich, und ich hatte von ihm gehört. Ich war als Bewohner von Westberlin einfach gekommen, um zu sehen, was sich da im Ostteil der Stadt tut. Und schnell waren Reinhard und ich uns einig in der Skepsis gegenüber den Partei- und Berufspolitikern, den staatstragenden, verbeamteten Verwaltern aus allen Lagern, die gerade massiv versuchten, die Wende nach ihren Vorstellungen zu biegen. Die Wende war eine Zeit der Wendigen. Reinhard Schults geradlinige und unerschrockene Art und seine Entspanntheit, sein unangepasster Auftritt – das war selten in diesen Tagen. Es wimmelte von biederen Gewieften, die eine Chance suchten, Ihr Geschäft zu machen, ihr Süppchen zu kochen oder ihre Karriere zu starten.

Reinhard Schult war gut geerdet, erfahren und besonnen. Er vermittelte mir im Lauf der Zeit einiges Wissen und Material aus der DDR-Opposition und zur Geschichte der Stasi. Und er erzählte mir irgendwann die wunderbare Geschichte vom Piratensender Ost, dem „Schwarzen Kanal“, an dem er federführend mitgearbeitet hatte. Damals in Vor-Internet-Zeiten, als der Rundfunk im Westen noch öffentlich-rechtlich war, gab es in der linksalternativen Bewegung bei uns mehrere Versuche, mit illegalen Piratensendern ein Stück Gegenöffentlichkeit herzustellen. Seinerzeit hatten wir mit unserer Satiretruppe „Die 3 Tornados“ dieses Thema aufgegriffen und zur Unterstützung aufgerufen. Wir hatten zu der Zeit in Westberlin mit großer Freude zur Kenntnis genommen, dass es im Osten, in der „Hauptstadt“, auch einen Piratensender geben sollte. Der Sendetermin wurde in der Szene auch in Westberlin verbreitet und erstaunlicherweise funktionierte die Übertragung. Allein der Name „Der Schwarze Kanal“ war schon mit Witz. Es war eine Idee von Reinhard: eine direkte Anspielung auf die Sendung des Eduard von Schnitzler im DDR-Fernsehen. Ein halbes Jahr nach dem Atom-GAU in Tschernobyl machten die Radiomacher vom „Schwarzen Kanal“ in ihrer ersten Sendung darauf aufmerksam, dass die Werte der Verstrahlung im Osten von der DDR-Regierung unter Verschluss gehalten wurden. Ein wichtiges Thema, dass ansonsten tabuisiert war. Reinhard Schult erzählte mir, dass sie Recherche und Material für die Sendung hergestellt hatten. Stasi, Volkspolizei und Post suchten nach dem Sender den ganzen Prenzlauer Berg ab. Aber sie fanden nichts: der Sender stand in Westberlin. Eine solche mauerübergreifende Zusammenarbeit Jahre vor 1989 war natürlich pfiffig. Ein Riesenerfolg, dass niemand der Macher gefasst wurde. Und natürlich eine peinliche Niederlage für die Stasi.

Jemand, der so unerschrocken am unteren Rand der Systeme agiert hatte, ging nicht so schnell den Hochglanzversprechungen von Freiheit und Demokratie im vereinigten Deutschland auf den Leim.

Einmal recherchierte ich für ein Programm zur Vergangenheit von Joachim Gauck als Namensgeber und Chef der gleichnamigen Behörde. Einem Mann wie Gauck eilte ein solcher Ruf voraus, dass er es bis zum Bundespräsidenten schaffen konnte. Ich fragte Reinhard Schult über das, was er wisse. Er berichtete mir das Detail, wie Joachim Gauck in der Volkskammer in einer Rede als Mitglied des Neuen Forums für die Übernahme der Stasi-Unterlagen durch das Bundesarchiv eintrat und zwar gerade nachdem man im Neuen Forum beschlossen hatte, sich für die Unabhängigkeit des Archivs einzusetzen. War da die Karriere der Ansporn, aus der gemeinsamen Linie des Neuen Forums auszubrechen? Reinhard Schult beteiligte sich am Hungerstreik und wirkte dadurch entscheidend daran mit, dass die Akten für geraume Zeit in Berlin blieben. Gauck wurde später der Leiter der Behörde, die nach ihm benannt wurde. Reinhard Schult hatte etwas Bahnbrechendes bewegt. Aber in der ersten Reihe von Politik und Verwaltung standen andere.

Man kann sich den Druck vielleicht heute kaum vorstellen, der da ausgeübt wurde. Es gab und gibt in Ost und West viele, die diese Akten am liebsten weggeschlossen oder geschreddert hätten. Die Technik, auch die bereits geschredderten Akten zusammenzufügen und wieder lesbar zu machen ist entwickelt und steht zur Verfügung – angeblich fehlt das Geld, um dieses Projekt umzusetzen. Als Reinhard Schult sich später aufs Land in die Nähe von Bernau zurückgezogen hatte, besuchte ich ihn dort. Er hatte sich einen Freiraum geschaffen. Und sofort plante er ein großes Fest; ich sagte ihm zu, dort aufzutreten und hätte das mit Freude gemacht. Doch die Erkrankung seiner Mutter bewegte ihn, sich um sie zu kümmern. Das Fest wurde abgesagt, und seither hatten wir kaum Kontakt. Von seiner Arbeit bei der Bürgerberatung in Potsdam erzählte er mir und ich war froh, dass er sich da wieder einbringen konnte und  auch eine Absicherung hatte.

Von seiner schweren Krankheit habe ich nichts mitbekommen. Und auf einmal stehe ich beschämt da. Noch so viele Fragen! Zu spät. Viele in diesem Land wissen gar nicht, wie viel sie diesem Mann zu verdanken haben.

Kurz vor Reinhard Schults Tod wurde nun umgesetzt: das Bundesarchiv in Koblenz ist seit dem Sommer 2021 für die Stasi-Unterlagen zuständig. In der Pressemeldung hieß es, hier könne man die Akten „besser konservieren“. Eine Steilvorlage für Reinhards trockenen Humor. Konservieren – gewiss, das können sie besser. „Die Menge des Schriftguts, das beim Bundesarchiv aufbewahrt wird, wird durch die Eingliederung um etwa 110 Kilometer auf über 540 Kilometer anwachsen“, hieß es vom Bundesarchiv. Die Sieger der Geschichte haben die weitere Aufarbeitung in der Hand.

Wir bräuchten dringend mehr geradlinige Charakterköpfe von der Standfestigkeit eines Reinhard Schult. Er bleibt unvergessen.

06.10.2021

Prof. Dr. Christian Zippel

Reinhard bin ich in DDR-Zeiten nur auf kirchlichen Veranstaltungen, etwa in der Evangelischen Akademie, mehrmals begegnet, ohne dass es einen direkten persönlichen Kontakt gab. Allerdings wusste ich um seine kirchliche Friedensarbeit – ich war in einem anderen Arbeitskreis – und vor allem seine mutige, konsequente Haltung bezüglich der Einhaltung von Menschenrechten in der DDR. Das hat mir schon früh Respekt und Achtung abgenötigt.

Zum direkten, freundschaftlichen Kontakt kam es im Abgeordnetenhaus von Berlin, in das wir 1991 gewählt worden waren, er für das Neue Forum, ich für die CDU. Als die TAZ mir unterstellte, dass ich für die Stasi gearbeitet habe, hat Reinhard auf eigene Faust recherchiert, ob und was an diesen Unterstellungen dran war. So hat er den zuständigen Stasi-Offizier aufgesucht und befragt, und Einblick in meine Stasi-Akten genommen. Dabei wurde bestätigt, dass ich mich der Stasi verweigert habe, nichts für eine Zusammenarbeit sprach. Besonders Reinhards Recherchen ist zu danken, dass die entsprechende Untersuchungskommission, zu der er gehörte, mich einstimmig entlastet hat.

Reinhards stete ehrliche, aufrechte Haltung hat mich auch in anderer Weise beeinflusst. So habe ich mehrfach nicht mit meiner Fraktion gestimmt, wenn ich anderer Meinung war, z.B. gegen die Umbenennung der Käthe-Niederkirchner-Straße und gegen die Abschiebung von Angolanern in des bürgerkriegsgeschüttelte Angola, was zu jeweils neuen Mehrheiten führte. Die Berliner Zeitung kommentierte, dass „bei Zippel auffällt, dass er oft nicht mit seiner Fraktion stimmt – er hat sich entgegen der Fraktionsdisziplin einen unabhängigen Geist bewahrt“. Das hat sehr viel mit Reinhard Schult zu tun, wofür ich ihm bis heute sehr dankbar bin.

03.10.2021

Joachim Goertz

schon wieder geht ein Mensch, der wesentlich dazu beigetragen, dass viele im Osten der Unfreiheit entrinnen konnten. Ich kann sie gar nicht alle aufzählen. Freya Klier hat in ihrem jüngsten Buch einige genannt. Zuletzt erst Edelbert Richter, nun Reinhard. Zum ersten Mal begegnete ich ihm auf den Vollversammlungen der Solidarischen Kirche in Ostberlin, wirklich kennengelernt habe ich ihn dann im Vorstand des Bürgerkomitees 15. Januar, in dem wir viele Turbulenzen, aber auch viel Ermutigendes gemeinsam durchgestanden haben. Was uns verbunden hat, kann auch dieser hinterlistige Tod nicht auslöschen. Traurig und dankbar denke ich an ihn und seine Nächsten.

03.10.2021

Peter Neumann

Nur sehr selten ziehe ich vor einem Menschen den Hut - Du warst einer davon. Dein Mut, Deine Klarheit und Deine Unbestechlichkeit haben mich stets beeindruckt.

In den Wirren der friedlichen Revolution, egal ob im Neuen Forum, in der AG Sicherheit oder bei der Stasi- Auflösung in der „Operativen Gruppe“ warst Du immer verlässlicher Partner und Orientierung… Danke für die Zeit, die wir miteinander verbringen durften. Tiefes Beileid für Deine Angehörigen.

Neumi

03.10.2021

Uwe Bastian

Ich trauere um meinen Freund Reinhard Schult und denke an unsere gemeinsamen Aktionen in der DDR-Opposition gegen die DDR-Diktatur.

01.10.2021

Evelyn Zupke, Bundes­beauftragten für die Opfer der SED-Diktatur

Mit Reinhard Schult verlieren wir nicht nur einen der wichtigsten Köpfe der Friedlichen Revolution, sondern einen Menschen, der mit ganzem Herzen und großem Sachverstand den Opfern der SED-Diktatur auf ihren Weg der Rehabilitierung und Anerkennung geholfen hat. Ich habe Reinhard bewundert für seine konsequente Haltung und seine Offenheit gegenüber Menschen, die einen anderen Blick auf die Dinge hatten als er.

30.09.2021

Holger Kulick

Ein Mutmensch ohne den 1989 und 1990 nicht so viel Geschichte möglich geworden und passiert wäre. Ich hatte und habe vor ihm Riesenrespekt.

30.09.2021

Vorstand der Stiftung Haus der Demokratie und Menschenrechte

Wir trauern um Reinhard Schult. Wir haben ihn als engagierten, zielstrebigen Menschen mit Durchhaltevermögen erlebt. Er konnte Zukunft entwerfen und Menschen dafür gewinnen. Dabei war er immer authentisch. Diese Eigenschaften sind selten geworden. Wir werden ihn vermissen. Unsere Gedanken sind bei den Hinterbliebenen.

29.09.2021

Roland Brauckmann

Reinhart Schult war mein Arbeitskollege. Er beriet jahrelang die Opfer der SED-Diktatur im Land Brandenburg. Ein eindrucksvolles Engagement für die Opfer des Realen Sozialismus! Jahrzehntelang kompromisslos auf der Pirsch nach den Tätern bei Korruption und Geheimpolizei. Selbst nach dem Verlust seiner Sprache war er noch mit eng beschriebenen Notizen auf Meetings zur DDR-Diktatur unterwegs: ein aufrechter Mensch!

29.09.2021

Sigrid Lamprecht

Meine Gedanken sind bei den beiden wunderbaren Töchtern von Reinhard, die ihren Vater bedingt durch seine schwere Krankheit,  in den letzten Jahren schmerzlich vermißt haben.Euer Vater wird in Euren Gedanken und in Eurer Erinnerung weiter leben. 
Reinhard, Du bist zu früh gegangen. Mach's gut, bis irgendwann.

29.09.2021

Michael Beleites

Reinhard Schult war ein Aufrechter. Einer, der nicht angetreten war, um Kompromisse zu machen. Vielen galt er als radikal. Doch ohne Menschen wie ihn hätten uns im Januar 1990 wohl der Mut und die Kraft gefehlt, nach den Besetzungen der Stasi-Kreisdienststellen und Bezirksverwaltungen, uns auch die Stasi-Zentrale vorzunehmen, deren Dimensionen sich als ein eigenes Stadtviertel herausstellten. Begegnet sind wir uns 1987 am Rande der Mahnwachen um die Umweltbibliothek an der Zionskirche, 1990 am Runden Tisch, bei der Stasi-Auflösung und den darauffolgenden Treffen der Akteure. Wirklich kennen und schätzen gelernt habe ich Reinhard erst vor zehn Jahren: Nach einer Berliner Veranstaltung bot er mir Quartier in seinem Haus bei Bernau an. Und dort redeten wir bis tief in die Nacht. Von den erwarteten politischen Differenzen blieb nicht viel übrig. Wir glichen unsere Ziele aus den 80er Jahren mit der Debattenlage von 2011 ab – und plötzlich spielte die Links-Rechts-Frage überhaupt keine Rolle mehr. Quer dazu drängte sich uns eine neue Frage in den Vordergrund, die auch die alte war: angepasst oder unangepasst. Die damals schon beginnende Aufteilung in „richtige“ und „nicht richtige“ Bürgerrechtler kommentierte Reinhard trocken: Das sei inzwischen wie bei den Antifaschisten in der DDR – wo von der Systemtreue zur neuen Ordnung her rückprojiziert wurde, wer die guten Widerstandskämpfer waren… Ich bedauere es sehr, dass wir dann nicht im Gespräch geblieben sind und dass ich von seiner Krankheit zu spät erfahren habe. Wie das Leben so spielt: Solange wir uns nicht viel zu sagen hatten, sind wir uns oft begegnet. Und als wir uns was zu sagen hatten, verloren wir uns aus den Augen. Was bleibt, ist die dankbare Erinnerung an einen mutigen Mitstreiter, der Wesentliches bewirkt hat. Und die schöne Erfahrung, dass sich auch nach jahrelanger Distanz plötzlich eine Resonanz im Gedankenaustausch einstellen kann. Eine Resonanz, die uns die Grundannahme jeder Demokratie in Erinnerung ruft: Menschen sind veränderlich.    

29.09.2021

Edelgard Jeske

Mit großer Betroffenheit und tiefem Bedauern habe ich die Nachricht aufgenommen, dass Reinhard den Kampf gegen seine Krankheit verloren hat.

Ich hatte gehofft und uns allen gewünscht, dass er noch mehr Zeit gehabt hätte.

Und wieder ist eine kritische Stimme verstummt. 

Mit Bedauern ist festzustellen, dass er uns als Mensch, streitbarer Kämpfer,  Instanz und Zeitzeuge fehlen wird.

Mit Respekt und Freude erinnere ich mich an die vielen Gespräche, Zusammen­künfte und gemeinsame Aktionen in der Wendezeit mit ihm.

Auf diesem Wege möchte ich mein herzliches Beileid den Angehörigen von Reinhard aussprechen.

In stiller Trauer und herzlicher Verbundenheit
Edelgard Jeske

29.09.2021

Lony Manthey

Ich denke sehr gern daran, wie wir zusammen gesungen haben: "Unter dem
Pflaster da ist der Strand..." + Lieder von Georg Kreißler, wie "Ja ja,
er ist ein General..." und viele andere Songs.
Eine Querflöte war dabei, ich glaube, sie hieß Anne. Und Tina.
Wir hatten viel Spaß.
Ich bin traurig.
Lony

29.09.2021

Stephan Bickhardt

Reinhard Schult war ein feiner. Ich merkte das allerdings erst auf dem zweiten Blick. Zu sehr standen mir seine Anforderungen an ein stattliches oppositionelles Verhalten vor Augen. Jedes Mal, wenn wir uns auf dem Berliner Kollwitzplatz trafen, war seine erste Frage: hast du deine Seiten aus dem Kalender gerissen? Es galt in seinen Augen stets vorbereitet zu sein auf eine mögliche Verhaftung. Dabei hatte er mehr Grund als ich dies zu befürchten. Er wusste, was das bedeutet. Seine konsequente Haltung hat mir geholfen, die Systemopposition im Kopf auf das Papier und die Straße zu bringen. Über all dem ist er zum ersten Strategen der DDR-Opposition geworden, wie sich am Neuen Forum in den ersten Wochen nach der Gründung insbesondere zeigte. Reinhard hat sich immer ziemlich viel vorgenommen und ich konnte in seine kritischen Lerngemeinschaften eintreten. Seine Anti-Stalinismus-Seminare in der Wohnung sind so ein Beispiel. Da hat der Linke dem Bürgerlichen mal so richtig vorgeführt, welche brutale Irrung im Namen einer Ideologie möglich ist. In den vergangenen Jahrzehnten trafen wir uns dann und wann. Wie gut, dass der Druck aus alter Zeit weg war, weg ist. Mich hat dann stets seine leise, aber vernehmliche christliche Haltung eingenommen, den anderen von seinem Mitgebrachten her zu verstehen. Im letzten Gespräch einigten wir uns, dass er mit den Augen antwortet. So lebendig war er dabei. Und ich war genötigt von Dingen in einer Weise zu sprechen, dass er mit Ja oder Nein antworten konnte. Ein Dialog, nicht einsilbig. Reinhard litt schwer. Reinhard bleibt ein ganz feiner.

29.09.2021

Gerold Hildebrand

Reinhard war einer der Wenigen, die nach der Widerfahrnis politischer Haft notorische Dableiber blieben in der SED-Diktatur. Immer wieder gelang es ihm, andere für aufrührerische Ideen und Aktionen zu begeistern. Und er hatte einen Riecher dafür, was gerade dran und möglich war und wie bei begrenzter Öffentlichkeit und dünner Personaldecke doch einiges zu erreichen war. Vergleiche hinken immer, aber das was Jacek Kuroń für die Solidarność in Polen war, war vielleicht Reinhard Schult für die Opposition in der benachbarten Ostzone, der kommunistischen DDR. Ein Recke halt.

Mancher Erfolg hat ihn selbst überrascht: https://bpb.de/mediathek/359/die-tore-der-stasi-zumauern

Und zumeist waren die von ihm angestoßenen Aktionen erfolgreich. Auch wenn es immer Debatte gab.

Da wo er jetzt ist, wird er weiterstreiten, mit Bärbel Bohley, Walter Schilling oder Jürgen Fuchs. Und Thomas Auerbach wird ihn begrüßt haben: „Haureinhard!“

Hier auf Erden sind seine streitbaren Gedanken nachzulesen, zum Beispiel in der Zeitschrift „Horch und Guck“: https://web.archive.org/web/20160403195826/http://www.horch-und-guck.info/hug/autorenliste/s/

Ihm ist vor allem zu verdanken, dass die Stasi-Akten 1990 nicht für 50 Jahre unter Verschluss gerieten.

28.09.2021

Christoph Ullmann

Ich bin traurig über Reiners Tod. Ich habe ihn 1986 kennengelernt. Mein älterer Bruder, der mit Reiner befreundet war und nach Westberlin ausreiste, stellte mich Reiner als Mitmusiker im "Friedrichsfelder Liederkränzchen" vor. Wir sangen Scherben-Songs in der Kanzowstraße, dass die Bude wackelte. Ich war 16 Jahre alt und habe ihn sehr bewundert. Reiner hat dann einen schönen, tröstlichen Nachruf in den Umweltblättern geschrieben, als mein Bruder später im Westen tödlich verunglückte und er hat mir geholfen, als mich die Stasi auf dem Kieker hatte. Er hat mir sehr imponiert und aus der Seele gesprochen, als er und andere viel später WIR HABEN ES SATT schrieben. Ich besuchte ihn noch in Börnicke und er kam zu einem Auftritt meiner Band, worüber ich mich sehr gefreut habe.

Es geht jemand, der auch nach 1990 kritisch und gerade blieb.

Gute Reise, Reiner.

28.09.2021

Gerald Praschl

Reinhard Schult und ich waren seit Ende der 90er Jahre eng befreundet und haben gemeinsam mit weiteren engagierten Mitstreitern ab 2007 die sieche Aufarbeitungszeitschrift "Horch und Guck" beim Bürgerkomitee 15. Januar e.V. wieder flott gemacht.  Politisch waren Reinhard und ich uns selten einig, aber das machte es spannend. Meinem gutgemeinten Rat, doch seine unermüdliche politische Energie lieber als gut bezahlter Berufspolitiker bei der PDS einzubringen statt ehrenamtlich und stets am Rande des privaten Ruins beim "Neuen Forum", das er noch weiterführte, als fast alle Bürgerrechtler von 1989 schon andere Wege gegangen waren, folgte er nicht. Das war vor allen Dingen gut für die Gysi/Bisky-Truppe (die sich damals auf meine stille Anfrage hin in bester Kenntnis seiner Persönlichkeit nicht abgeneigt zeigte). Denn den PDS-Genossen hätte er mit seiner geradlinigen und unbeugsamen Art wahrscheinlich allerhand Aufregung beschert...

"Operativer Vorgang Leithammel" nannte die Stasi die Akten, in denen sie dokumentierte, wie sie Reinhard Schult seit 1979 als DDR-Oppositionellen systematisch verfolgte, bespitzelte, zersetzte und inhaftierte. Sie wollten ihn vernichten.  2005 führte ich zwei Nachmittage lang ein Interview mit dem letzten Chef des Ministeriums für Staatssicherheit der DDR, Wolfgang Schwanitz in dessen Wohnung in der Leipziger Straße in Berlin. Vergeblich versuchte ich ihm Worte des Bedauerns dafür zu entlocken, für das, was die Stasi in der DDR angerichtet hatte. Nur einen Fehler räumte Stasi-General Schwanitz ein: "Wir hätten mit Reinhard Schult reden sollen".

Dass Reinhard Schult und ich uns ausgerechnet über unser gemeinsames Horch-und Guck-Projekt später so zerstritten haben, bedaure ich bis heute. Das war es nicht wert. Leider ließ seine Erkrankung - die einem der einst wortmächtigsten DDR-Oppositionellen auf tragische Weise die Sprache nahm - keine Gelegenheit mehr für eine Aussprache und Versöhnung. Auch darum trauere ich. Ruhe in Frieden, Reinhard.

28.09.2021

Dolores Kummer

Reinhard war einer der Wenigen, die auch nach der Wende noch ein Freund und Vorbild für mich blieben. Wir lernten uns 1978 in der ESG kennen. Er war Gründer des Friedenskreises, ich Vertrauensstudentin. Unter dem Studentenpfarrer Hans Schreiber hatten wir eine sehr lebendig-intellektuelle Gemeinde mit Philosophie- und Friedenskreis, Literatur- und Feminismusarbeitskreis. Donnerstags gab es im großen Saal der Elisabethgemeinde spannende Vorträge über Fromm (Haben und Sein), Wilhelm Reich und die Anthroposophen von Bad Saarow oder den Kreisauer Kreis mit Wolfgang Ullmann. Die Gemeinde war offen auch für viele Nichtstudenten. Gerade im Friedenskreis gab es viele aus der "Arbeiterklasse". Reinhard war dort der Macher, robust, aber nicht laut, er wusste immer was er wollte und zeigte seine Ansichten ohne Angst. Er wollte den Sozialismus reformieren, schielte selten auf die westliche Seite der Welt. Das fand ich immer gut! Heute gewinnt man ja in der neueren Geschichtsschreibung oft den Eindruck, dass das halbe Land nur noch in den Westen wollte. Dem war damals in "unseren" Kreisen absolut nicht so, im Gegenteil! Um so enttäuschender, dass unser Studentenpfarren dann 1981 in den Westen ging. Es kam stattdessen ein Jugendpfarrer aus dem Harz mit Gitarre, der fromme Lieder sang und intellektuell keine Leuchte war: Konrad Elmer (später SPD-Mitgründer). Seine erste Amtshandlung war es den Friedenskreis aus der Studentengemeinde zu verbannen. Im Gegensatz zu Reinhard hatte er die Büxen immer voll. Nach 1989 war er dann ein "Revolutionär". Nun hatte der Friedenskreis kein Dach mehr überm Kopf und wir tagten reihum, öfter auch in meiner kleinen Wohnung in der Brückenstraße. Dann bot sich die Gemeinde Friedrichsfelde an und ab da kennen viele die Geschichte des Friedrichsfelder Friedenskreises. Hier stand man unter direkter Obhut der Stasi, denn der Pfarrer war ein IM. Ich hatte dann andere Projekte: INKOTA und dann hauptamtlich bei Aktion Sühnezeichen. Nach der Wende kümmerte ich mich erstmal nicht um Politik. Ich reiste, zog zeitweise nach Amsterdam. Erst bei den HARTZIV-Demos wurde ich wieder aktiv, ich war überzeugt, dass dieses Gesetz Hunderte in die Armut stürzen würde. Im Sommer waren wir 250 000 Demonstranten auf dem Alex, schon im Oktober meldete ich eine Demo mit nur noch 100 Leuten an. Es war frustrieren. Von 25 Menschen im Orgateam waren nur noch 4 übrig. Im strömenden Regen zogen wir mit einem Pritschenwagen und einem geborgten Lautsprecher von der Humboldtuni an den Neptunbrunnen. Da traf ich Reinhard wieder und er rettete mich. "Komm doch lieber zu uns an den Stammtisch ins Metzer Eck", meinte er, "da triffst du Gleichgesinnte. Das ist doch sinnlos hier." Dieser Stammtisch gab mir wieder einen Anker. Reinhard verstand es immer Leute mitzunehmen, sie positiv um sich zu scharren. Leider zerfiel der Stammtisch nach ein paar Jahren. Vor allem weil die Raucher (wie Reinhard) nur noch im Billardzimmer rauchen durften und die Nichtraucher, wie ich oder Carlo Jordan in keine Raucherkneipe wechseln wollten. Zuletzt war ich 2019 zu Reinhards Geburtstag in Thaerfelde. Er konnte nicht mehr sprechen, aber er hörte immer noch zu, seine Augen waren lebendig. Aber wie das so ist: Mit Vielen hab ich drüber geredet. Man müßte mal wieder zu Reinhard fahren. Wie geht es ihm denn? Doch Jeder war mit sich und dann mit Corona beschäftigt. Letzte Woche war ich auf Rügen für ein Buchprojekt und ich dachte noch: Reinhard hat Geburtstag! Na Du schreibst wenigstens eine Karte. Die Karte habe ich gekauft: Ein schöner Sonnenuntergang am Meer. Lesen konnte er sie nicht mehr. Meine Gedanken und mein DANK geht an die Menschen, die ihm bis zuletzt beistanden und ihm nahe waren, ihn aufopferungsvoll pflegten. Reinhard ist für mich neben Jürgen Fuchs und Ludwig Mehlhorn einer der wichtigsten, mutigsten und aufrichtigsten Oppositionellen in der DDR gewesen. R.I.P.

28.09.2021

Dr. Christian Sachse

Tja, nun Reinhard Schult. Wieder einer von Freyas Liste. Lange Jahre schwebte er zwischen Leben und Tod. Ein Ort, der eigentlich nicht zu ihm passte. Denn er lebte entschieden und kraftvoll. Über ihn habe ich oft erzählt und geschrieben. Und hätte ihm noch manches Jahr gewünscht. Dann, Reinhard, bis mal wieder irgendwann im Metzer Eck. Christian

28.09.2021

Hinrich Peters

Würdigungen der politischen Arbeit von Reinhard Schult gibt es eine Menge und werden anlässlich seines Todes wohl auch gerade geschrieben; kann es eigentlich auch gar nicht genug geben. 

Aber das war nicht der ganze Reiner. Von ihm ging nicht nur im politischen Handeln, sondern auch im alltäglichen Leben eine starke Intensität aus. Wir haben uns nicht nur zu heimlichen Seminaren versammelt, sondern auch gefeiert, gesungen (1848er-Lieder), geliebt (hier sind 3 Ausrufezeichen durchaus angebracht!!!), viel geraucht und einige Bier getrunken – vorzugsweise in der alten Nazi-Kneipe mit Livemusik "Hackepeter", die aus ihrer SA-Tradition heraus auch in den 70ern noch ein beliebter Schwulentreff war. Und Reiner hatte den harschen Befehlston, der jeden Widerspruch des Kellners beim Umstellen eines Stuhles (Sakrileg!) unterdrückte. 

Ich glaube, ich hatte Reiner in der Evangelischen Studentengemeinde kennengelernt. 1977 waren wir zwei von zehn, die einen Friedenskreis gründeten. Als wir den 10. Jahrestag der Gründung feiern wollten, wusste auch Reiner nicht mehr, wer die anderen acht waren. Aber wie die Geschichte weiterging, ist allgemein bekannt. 

Reiner war mit aller  Strenge unser "Instrukteur". Die Einhaltung der konspirativen Regeln war ihm infolge persönlicher Erfahrungen äußerst wichtig. Ich habe mich daran gehalten, obwohl ich es übertrieben fand. Ich hatte die Tücke der Stasi unterschätzt. Ich bin sicher nicht der einzige, den Reiner mit seiner Strenge vor einer DDR-Knasterfahrung bewahrt hat. 

An manches erinnert man sich mit einem Lächeln: Reiner kam mit seinem Trabbi zu mir in die Rodenbergstraße. Die Genossen folgten. Wir tauschten die Autoschlüssel. Er stieg über den Zaun im Hof und fuhr in der Wichertstraße mit meinem  Auto weiter. Und die Genossen warteten… 

Ich wohnte Anfang der 80er bei meiner Freundin und daher war meine unbenutzte Wohnung in der Husemannstraße ein guter Ort für die Unterbringung unserer "Untergrundbibliothek". Aus den Akten erfuhr ich, dass die Stasi zwei "konspirative Haussuchungen" unternommen hat, wobei sie die Bücher "kennzeichnete". Wie? Aber in der Nacht, als Reiner die Bibliothek nach Mecklenburg verfrachtete, haben die Genossen gepennt. 

Mit der Wende haben sich unsere Wege nicht wirklich getrennt, aber für die Freunde des Neuen Forums war ich als Betreiber einer Buchbinderei mit zwei Angestellten bereits ein Kapitalist. So bin ich also aus wirtschaftspolitischen Gründen bei den Sozis gelandet. In der ersten demokratisch gewählten Stadtverordnetenversammlung saßen wir nicht nur nahe beieinander, sondern hatten auch bei so mancher Abstimmung gleichzeitig die Hand oben, was mir regelmäßige Einladungen zum Fraktionsvorstand einbrachte, wo ich über Fraktionsdisziplin aufgeklärt wurde.  

Und in diesem Punkt war ich mit Rainer immer einig: Du musst deinen eigenen Überzeugungen disziplinlos treu bleiben, ohne Blick auf Gruppengemauschel oder gar Wählerverhalten, aber mit Blick auf eine wünschenswerte Zukunft. 

27.09.2021

Arno Polzin

Reinhard Schult war für mich bis in den Herbst 1989 „nur“ eine der Personen, die in den West-Medien als Vertreter der Bürgerbewegung in der DDR präsentiert wurden. Vielleicht habe ich ihn in den Endachtzigern auch 1-2 mal erlebt, als ich mich vorsichtig in Veranstaltungen der Umweltbibliothek o.ä. traute - aber eine konkrete Erinnerung habe ich nicht.

Direkter begegnet sind wir uns im Rahmen der Stasi-Auflösung: er als Vertreter der „Operativen Gruppe“ des Staatlichen Komitees zur Auflösung des MfS, ich als Mitglied des Bürgerkomitees in der Stasi-Zentrale. Dann auch etwas später bei seiner Beteiligung an der Besetzung des Archivs am Hauptsitz des MfS in Lichtenberg im September 1990, als ich Mitglied der zugehörigen Mahnwache am Haupteingang der Stasizentrale war.

Irgendwann in dieser Zeit saß ich dann in seiner Küche in der Husemannstraße; zumal sich abzeichnete, dass ich ab Ende 1990 in die Gauck’sche Belegschaft aufgenommen werden würde. So erzählte er mir, worauf es seiner Meinung nach bei der Aufarbeitung der Akten ankäme. Seine Unerschrockenheit und progressiv-anarchistischen Ansätze entsprachen zwar nicht direkt meiner eigenen Mentalität/Ambition – waren aber doch immer Ansporn, auch über den sprichwörtlichen Tellerrand hinauszuschauen. Und da lernte ich ab 1989 eine Menge – auch durch Gespräche mit ihm. Ähnlich wie bei Jürgen Fuchs: beide konnten allein durch kluge Fragen eine Nachdenklichkeit, oder auch Verunsicherung erzeugen. Dies umso mehr, als beide auch einerseits die Aufarbeitungspolitik gestalteten, andererseits die Institutionalisierung derselben kritisch hinterfragten. Immerhin hat Reinhard es geschafft, in der Opfer-Beratung der LAkD konstruktiv die Schnittstelle zwischen der Hilfe für die damals Geschädigten und den aktuellen institutionellen Möglichkeiten zu gestalten. Auch Dank ihm habe ich den Wechsel vom nur passiv Verweigernden zum aktiver Handelnden geschafft. Dafür und für vieles anderes ist ihm zu danken. 

27.09.2021

Uwe Dähn

Er war ein Vorbild an Mut und Gradlinigkeit.

27.09.2021

Ilko-Sascha Kowalczuk

Er war ein großer Kämpfer, ein Mann, mit dem Herzen am richtigen Fleck, unbeugsam, niemals seine Ideale verratend, dafür ging er in der DDR ins Gefängnis, war viele Jahre in der DDR-Opposition aktiv, die Stasi zählte ihm zum harten Kern. Im September 1989 gehörte er zu den Mitbegründern des "Neuen Forum". Er löste die Stasi mit auf, war Abgeordneter im Berliner Abgeordnetenhaus, hat sich viele Jahre gegen Rechtsradikalismus und Neofaschismus engagiert und war unermüdlich im Einsatz zur Aufarbeitung der SED-Diktatur. In der letzten Nacht ist Reinhard Schult (geb. 23.9.1951) nur wenige Stunden nach seinem 70. Geburtstag nach einer jahrelangen schweren Krankheit verstorben. Ich, lieber Reinhard, wir, lieber Reinhard, werden Dich nie vergessen. Dass wir heute im Osten frei wählen können, haben wir auch Dir zu verdanken.