Er half und beschützte – Hans Simon, der ehemalige Pfarrer der Berliner Zionskirche, ist am 7. September 2020 verstorben.

Hans Simon bei einem Interview in seiner Wohnung im Jahr 2012. ©Robert-Havemann-Gesellschaft/Frank Ebert

 

Geboren wurde er am 24. September 1935 in "Ramschpreußen" bei Zeitz, wie er selbst einmal in einem Interview sagte. Er hatte viel zu erzählen, etwa dass er bis 1943 eine schöne Kindheit hatte. Doch dann erreichte ihn die Meldung, dass sein Vater – der nie ein Anhänger Hitlers war und ihn politisch stark geprägt hatte – vermisst sei. Nachdem fünf Jahre später seine Mutter starb, kam Hans Simon ins Internat – eine "urst rote Schule", in der die Schüler sogar beim Essen im Speisesaal FDJ-Hemden trugen. Interessant fand er, dass auch gebetet wurde: "Komm, Herr Jesus, sei unser Gast …".


Nach seinem Wechsel auf die Erweiterte Oberschule in Droyßig geriet er in die Auseinandersetzungen zwischen FDJ und der Jungen Gemeinde und musste die Schule 1953 verlassen. Er ging nach West-Berlin zu seinem Bruder, dem einzigen nahen Verwandten, den er hatte. Aber schon im Mai 1953 kehrte er in die DDR zurück und erlebte in Potsdam hautnah "die ganze Geschichte um den 17. Juni herum". Schließlich wurde er am Kirchlichen Oberseminar Potsdam-Hermannswerder angenommen, machte dort sein Abitur und studierte danach an der Kirchlichen Hochschule in Berlin-Zehlendorf Theologie.

1961 heiratete er seine Frau Barbara, die ihn bei seinen Predigten in seiner ersten Gemeinde in Thüringen daran erinnerte, dass ein Gottesdienst keine Psychoanalysesitzung ist und er – nur, weil er Freud gelesen hatte – nicht das Evangelium vernachlässigen sollte. In dieser Gemeinde sammelte er auch seine ersten Erfahrungen als Pfarrer in der Auseinandersetzung mit der Polizei und der Staatssicherheit. Der Versuch, ihn als Inoffiziellen Mitarbeiter anzuwerben scheiterte daran, dass er sich weigerte, geheime Gespräche mit den Stasi-Leuten zu führen.

In seiner zweiten Gemeinde in Brielow bei Brandenburg am Beetzsee gingen die Auseinandersetzungen in den 1970er Jahren munter weiter, etwa um ein lustiges Plakat im Gemeinde-Schaukasten, das der Rat des Kreises nicht sehen, Hans Simon aber nicht herausnehmen wollte.

Nachdem er sich am 4. Advent 1983 dem Gemeindekirchenrat der Zionskirche vorgestellt hatte, bekam er dort 1984 die Stelle als Pfarrer. 1986 tauchten plötzlich junge Menschen auf und wollten in der Zionsgemeinde eine unabhängige Gruppe unterbringen, die bis dahin in Berlin-Lichtenberg angesiedelt war. Sie stellten sich vor und erzählten von ihren Aktivitäten. Es mangelte jedoch an Räumlichkeiten für die Gruppe. Dann kam seine Frau Barbara auf die Idee, die Gruppe könnte sich doch die Kellerräume unter der Pfarrwohnung ausbauen. Und so kam es in Berlin-Mitte zur Gründung einer der wichtigsten Oppositionsgruppen, der Umwelt-Bibliothek Berlin.

Probleme bekam Hans Simon daraufhin mit allen. Ob mit Kirchenleitung, Staat oder auch den Leuten der Umwelt-Bibliothek (UB), die immer mehr Räume wollten. Hans Simon erzählte, seine Frau habe sogar davon geträumt: "Wolfgang Rüddenklau sei nachts in unser Schlafzimmer gekommen und hat gesagt: ‚Wir brauchen jetzt Ihr Zimmer, Ihr Schlafzimmer.‘"

Einige Vertreter der Kirchenleitung, aber auch staatliche Vertreter, kamen öfter und sagten ihm, dass er doch diesen "Nichtchristen" keine Räume der Kirche zur Verfügung stellen könne. Rückblickend sagte er: "Ich kann nicht als Theologe oder Christ von so etwas wie Gott reden, wenn ich nicht zu gleicher Zeit von den sozialen, politischen, ökonomischen, ökologischen Problemen rede. In dem Moment, wo ich diese Dinge weglasse, rede ich religiös, fromm, zwar für eine kleine fromme Gemeinde, aber nicht für die Menschen. Das heißt, ich muss diese Dinge, die die Gesellschaft betreffen – Politik, Wirtschaft, Soziales usw. –, die muss ich ansprechen. Es geht gar nicht anders. Ich kann nicht differenzieren zwischen einer politischen Sozietät, einer sozialistischen Gesellschaft, und der Kirche. In dem Moment, wo die Gesellschaft in ihren Machtstrukturen mir verbietet, als Kirchenmann oder als Theologe von diesen Dingen zu reden, muss ich das korrigieren, muss ich sagen, nein, nein, Leute, so geht‘s nicht."

Hans Simon mischte viel im Hintergrund und unbemerkt – dafür aber fast überall – mit. Ob es die Ereignisse um die Carl von Ossietzky EOS waren, das Konzert von Element of Crime und Freygang in der Zionskirche oder die nach dem Überfall der Staatssicherheit auf die Umwelt-Bibliothek in seiner Kirche eingerichtete Mahnwache – immer wieder die Auseinandersetzung mit den verschiedensten staatlichen Stellen, auch der Kirchenleitung wegen der Umwelt-Bibliothek.

Immer an seiner Seite stand sein alter Freund Wolfram Hülsemann, den er noch aus seiner Zeit in Thüringen kannte und der Stadtjugendpfarrer in Berlin war. Hilfe und Unterstützung, gerade nach dem Überfall auf die Umwelt-Bibliothek, bekam er auch vom damaligen Landesbischof Gottfried Forck und Konsistorialpräsidenten Manfred Stolpe. Stolpe konnte allerdings nicht helfen, als Simons ausgereiste Tochter ihren Vater bat, sie in West-Berlin zu trauen. Der Pfarrer durfte nicht mal für diesen einen Tag in den Westen. Das war für ihn "ein ganz großer Einbruch, wo bei mir politisch die Jalousie völlig runterging […], wenn das so bis ins Persönliche, Private hineingeht."

Im Oktober 1989 initiierten Mitglieder der Umwelt-Bibliothek, des Weißenseer Friedenskreises und der Kirche von Unten eine Mahnwache für die in Leipzig verhafteten Demonstranten. Hans Simon brachte die in der UB gedruckten Flugblätter mit seinem Trabant in die Gethsemanekirche. Obwohl er schon einiges mit der Staatssicherheit erlebt hatte, war er geschockt vom Aufgebot an Polizei und Stasi-Leuten.

Nach der Maueröffnung suchte sich "seine" Umwelt-Bibliothek neue Räume. Hans Simon sah ein, dass die Arbeit der UB in unabhängigen Räumen stattfinden musste. Er war aber auch traurig darüber, dass eine besondere Zeit mit besonderen Menschen zu Ende ging. Es waren prägende, spannende und intensive Jahre.

1991 bekam Hans Simon für sein umfangreiches Wirken den Verdienstorden des Landes Berlin. 1997 ging er in den wohlverdienten Ruhestand. Der UB blieb er immer verbunden, auch in den neuen Räumen. Im Februar 2012 gab er mir noch ein langes Interview, das als Grundlage für diesen Text diente.

Lieber Hans, Du hast uns in der UB immer unterstützt, ich danke Dir für Deinen Mut und Deine Offenheit, zu DDR-Zeiten und auch im Interview.

 

Frank Ebert, Robert-Havemann-Gesellschaft

Zum Geburtstagsfest der Umwelt-Bibliothek 1988 observiert die Staatssicherheit die Teilnehmer und fotografiert auch Hans Simon vor der Griebenowstraße 16. Quelle: BStU-Kopie Ast Berlin, Abt. XX 2743
Ausstellung von Igor Tatschke und AG Mauerstein in der Galerie der Umwelt-Bibliothek. Quelle: Robert-Havemann-Gesellschaft/Siegbert Schefke/RHG_Fo_HAB_11925
Eröffnung der Ausstellung "Zerfallserscheinungen" über jüdische Friedhöfe von Eckehart Ruthenberg in der Galerie der Umwelt-Bibliothek. QUelle: Robert-Havemann-Gesellschaft/Siegbert Schefke/RHG_Fo_SiSch_01_062-06
Ab September 1986 arbeitet die Umwelt-Bibliothek im Gemeindehaus der Ostberliner Zionskirche. Hier können sich die Besucher nicht nur über Umweltprobleme, sondern über alle gesellschaftlichen Tabuthemen informieren. Quelle: Robert-Havemann-Gesellschaft/Siegbert Schefke/RHG_Fo_SiSch_01_062-13