Meine persönliche Erinnerung an Vaclav Havel

geschrieben für die Website der Gedenkstätte Berlin-Hohenschönhausen

Mitte 1985 hatte ich es satt. Nichts wie weg, noch mal was ganz Neues anfangen. Der Ausreiseantrag war bereits geschrieben, aber noch nicht abgeschickt. Vorher wollte ich noch meine tschechischen Verwandten in Prag besuchen, im Gepäck die Telefonnummer eines Sprechers der Charta 77. Jetzt,  wo nicht mehr viel zu verlieren war, wuchs mein Mut, diesen Kontakt aufzunehmen.

 

Der Charta-Mann war nicht da, seine Frau sehr freundlich, aber weder des Englischen noch des Deutschen mächtig. In verstümmeltem Tschechisch erklärte ich meine Bewunderung für Vaclav Havel, dessen Buch „Versuch in der Wahrheit zu leben – von der Macht der Ohnmächtigen“ ich wie eine Offenbarung gelesen hatte. Hier erklärte jemand die absurden Spielregeln hinter dem Eisernen Vorhang und wie sie  durchbrochen werden können. Der Schleier der Lüge werde immer dann zerrissen, wenn jemand sich dem Spiel verweigere. Handlungen, denen in einer offenen Gesellschaft kaum Bedeutung zukomme, könnten unter unseren Bedingungen eine schwer vorhersagbare Explosivkraft entwickeln, deshalb seien die Mächtigen ja auch vor den kleinsten Abweichungen so auf der Hut. Und Havel lebte, was er schrieb. Die Charta 77 hatte ihm eine mehrjährige Gefängnisstrafe eingebracht. Das Privileg einer Ausreise in die USA, für die sich sein Freund, der inzwischen weltberühmte tschechische Emigrant und Filmregisseur Milos Forman ( „Einer flog übers Kuckucksnest“) eingesetzt hatte, schlug er aus, weil das Angebot nur für ihn, nicht aber für seine Mitangeklagten gelten sollte. Was für eine Entscheidung!

 

Die Frau verstand vermutlich kaum etwas und stellte die naheliegende Frage: Warum besuchen sie Vaclav Havel nicht und sagen ihm das alles selbst? Das erschien mir ganz und gar abwegig, wer war ich denn! Aber sie meinte, „der Vaclav“ würde sich bestimmt freuen und sie werde sich darum kümmern. Ich stimmte zu und am nächsten Tag erreichte mich in der Prager Wohnung meiner Verwandten ein Anruf mit der aufregenden Mitteilung: „Frau Heidi, Vaclav erwartet Sie morgen um drei.“

 

Die Havels waren gerade erst in das Haus am Moldau-Ufer, unweit des Nationaltheaters eingezogen, das Havels Vater (oder Großvater?) hatte erbauen lassen. Olga Havlová öffnete, musterte mich etwas kühl (Wieder so eine Verehrerin?) und entschuldigte sich für die Unordnung, die Bilder seien noch nicht aufgehängt, alles noch nicht richtig eingeräumt.

 

Havel begrüßte mich und stellte mir einen weiteren Besucher vor. Unser Englisch war so etwa auf dem gleichen Level schlecht, aber was sollte man auch sagen? Havel war höflich, vermutlich hätte er lieber seine Ruhe gehabt. Er fragte nach Samisdat-Zeitschriften in der DDR - haben wir nicht, gab ich  beschämt zu (der „Grenzfall“ erschien erstmalig im Juni 1986), aber ich sei in der Gruppe FRAUEN FÜR DEN FRIEDEN aktiv - kannte er nicht.

 

Eine wenig ergiebige Begegnung für Havel, aber für mich auf einer ganz anderen Ebene sehr entscheidend, denn da saß ja noch der andere Besucher. Das sei ein Bekannter aus dem Gefängnis, er verstehe nur tschechisch, erklärte Havel. Man habe gerade seine Aufenthaltsbeschränkung aufgehoben, die ihn in seinem Heimatdorf festhielt und nun sei er sofort nach Prag gefahren. Das äußerlich ganz unscheinbare Bäuerlein begleitete unsere Konversation mit leuchtenden Augen. Der Mann schien begeistert davon, dass Havel Besuch aus dem Ausland bekam und hielt mich wohl für eine wichtige Person. Er streifte Havel mit liebevollen Blicken und sah dann mich ganz bedeutungsvoll an, als fürchte er, ich könne vielleicht nicht bemerken, wem ich da gegenüber sitze und es bedurfte keiner Worte, um mir das Herz warm werden zu lassen. Dann stürmte auch noch Anna Šabátová herein, hatte eilig etwas mitzuteilen, musste gleich wieder weg, weil die Kinder kommen und das Essen noch nicht fertig sei… Es war wie zu Hause. Ja, das waren meine Leute, was wollte ich im Westen? Wie würde ich mich fühlen, hier als Westbesucherin zu sitzen?

 

Der Ausreiseantrag wurde vernichtet, ich durfte bis 1990 nicht wieder in die ČSSR einreisen, Havel kam wieder ins Gefängnis und die Wahrscheinlichkeit, dass er das Gefängnis nicht lebend verlassen würde, war sehr viel größer, als das, was dann tatsächlich geschah. Havel hatte es beschrieben, wir wussten, dass er Recht hat, aber dass wir es wirklich erleben würden?! WAHNSINN! Die Machtlosen brachten das ganze absurde Theater zum Einsturz. Und diesmal waren die DeDeRonis, wie DDR-Bürger von den Tschechen spöttisch genannt wurden, mit ihren Kerzen sogar schneller und die Tschechen zogen mit klirrenden Schlüsselbunden nach.

Was für ein Glück, mit solchen Menschen und dieser Bewegung verbunden zu sein!

 

Dresden, 19.Dezember 2011

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Abschied von Vaclav Havel in Prag
geschrieben für Vereinsrundbrief Zeit-Geschichte(n)

 

Ich war gestern mit meiner Tochter Marí in Prag und habe am ersten, ganz leisen Teil des Gedenkens teilgenommen. Inmitten der Prager Altstadt war eine kilometerlange Schlange zur St. Anna Kirche, die keine Kirche mehr ist, aber von Havel vor dem völligen Verfall gerettet wurde, weil er sie von einer extra dafür gegründeten Stiftung als Sitz eines „Zentrums für geistigen Austausch“ sanieren ließ. Keine Kameras waren da, kein Tamtam. Die Leute standen durch umliegende Straßen etwa zwei Stunden lang geduldig einzeln hintereinander in einer Warteschlange: Junge und alte Menschen mit Kinderwagen, Rollstühlen und Krückstöcken...

Wir sind die Schlange abgelaufen und konnten am Westeingang (der als Ausgang benutzt wurde) den Raum betreten und uns in eines der Kondolenzbücher am Ausgang eintragen. Der Raum war leer. Der geschlossene Sarg stand auf einer kleinen Bühne im ehemaligen Altarraum. Es war ganz still. Keine Musik. Die Menschen kamen durch den südlichen Seiteneingang, warteten entlang der Mauer, betraten dann einzeln die Bühne, liefen zum Sarg, verneigten sich, legten Blumen nieder, verließen die Bühne auf der gegenüberliegenden Seite und standen dann meist noch eine Weile in dem weitläufigen Raum mit den Fragmenten vielfach übermalter Fresken. Dann trugen sie sich ins Gedenkbuch ein. Alles ganz unspektakulär und wie selbstverständlich. Draußen auf dem Anensky namesti (Annenplatz), wo sich auch das kleine Divadlo na Zabradlí (Theater am Geländer) befindet, an dem Havel gearbeitet hat, war gerade eine Delegation aus Burma eingetroffen - Abgesandte von San Suu Kyi...

Ich denke wir hatten das Glück, noch einmal Havels eigene Regie zu erleben. Der zivile Abschied des "Bürgers Havel", bevor er sich dem Staatstheater überließ - und ich meinte in diesem Raum etwas zu spüren, was sich wohl am ehesten mit "positiver Energie" umschreiben lässt. Wir verließen diesen Ort der Trauer mit einem sehr guten Gefühl.

Es hieß, die Menschen haben noch bis tief in die Nacht angestanden, um persönlich Abschied zu nehmen.

Heute Morgen wurde der Sarg herausgetragen und es begann die dreitägige "Staatstrauer" - was für ein absurdes Wort, als ob ein Staat trauern könnte...

 

Heidi Bohley

Dresden, 21.12.2011