Robert Havemann und die Widerstandsgruppe „Europäische Union”

Simone Hannemann

Eine Studie,

erschienen, Berlin 2001,

192 Seiten, Broschur,

Preis: 8,00 Euro

Versand: 1,45 Euro

 

Schriftenreihe der Robert-Havemann-Gesellschaft e.V.
Band 6
ISBN 978-3-9804920-5-8

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„Überhaupt ist aus dem vorliegenden Aktenmaterial nicht ersichtlich, wie die Gruppe um Dr. Havemann aufgerollt worden ist. Fest steht, daß die Gestapo eine Reihe von Dingen gewußt hat, die sie bei der Vernehmung der beteiligten Personen dazu benutzte, um Geständnisse zu erhalten. Dr. Havemann hat sich bei all seinen Aussagen vorbildlich verhalten und niemanden von sich aus belastet.”
Bruno Haid an Walter Ulbricht, 1946

Die Studie widmet sich der Widerstandsgruppe „Europäische Union”, die sich 1939 gründete und gegen den Nationalsozialismus agierte. Die Mitglieder wurden 1943 von der Gestapo verhaftet. Das Buch stellt Archivdokumente kritisch den Selbstzeugnissen gegenüber und kann so ein genaueres Bild der antifaschistischen Verbindung um Robert Havemann zeichnen.


Rezension dazu in der Netzzeitung

Vatermord an einem Helden

Die «Europäische Union», unter anderem vom späteren DDR-Bürgerrechtler Havemann 1942 gegen das NS-Regime gegründet, wird zum ersten Mal seriös historisch erforscht – mit problematischem Ergebnis.

Von Joachim Widmann


Ein Held, aus der Froschperspektive betrachtet, ist groß, stark, geradlinig. Einer, der seinen Weg geht, moralischen Anfechtungen und menschlichen Schwächen zum Trotz. Schaut der Frosch, tief beeindruckt, genauer hin, enttäuscht ihn sein Held als Mensch, dessen Lebensgeschichte zwischen den Gipfeln seines Heldentums um Widrigkeiten und durch Niederungen mäandert. So ein Held ist Robert Havemann.

Manipulationen und Modifikationen

Antifaschist, Widerstandskämpfer, Stalinist und DDR-Funktionär, Regimekritiker, Gründer der ostdeutschen Friedensbewegung: So liest sich die politische Biografie des populärsten Bürgerrechtlers der DDR, die in den Veranstaltungen und Publikationen der Berliner Havemann-Gesellschaft Schritt für Schritt bis ins Detail aufgeklärt wird. Dabei erweist es sich immer wieder, dass Havemann selbst das Havemann-Bild immer wieder modifizierte und manipulierte.

Im jüngsten Beitrag zur Schriftenreihe des Havemann-Archivs setzt sich die junge Historikerin Simone Hannemann jetzt sehr kritisch mit Havemann auseinander. Seine Selbstdarstellungen enthalten aus ihrer Sicht «Ungenauigkeiten» und «Verfälschungen», die dokumentarisch nicht zu rechtfertigen sind. Havemann hat aus Eitelkeit und politischem Opportunismus gemogelt, so sinngemäß ein Fazit der Studie.

Einer überlebte
Die ist der «Europäischen Union» gewidmet, der Widerstandsgruppe, deren Gründung Robert Havemann und den meisten seiner Mitverschwörer 1943 die Todesstrafe eintrug. Vom harten Kern der «EU» überlebte allein Havemann dank «kriegswichtiger Forschungen» in der Todeszelle, die tatsächlich für das Regime nutzlos waren. Auch im Zuchthaus Brandenburg organisierte Havemann noch Widerstand gegen die Nazis.

Simone Hannemann erforschte bislang weitgehend unerschlossene oder von der SED zu Propagandazwecken missbrauchte Akten des NS-Volksgerichtshofs und der Gestapo, Stasi-Material und Selbstzeugnisse Havemanns. Schon weil die Widerstandsgruppe damit dem Vergessen entrissen wird, ist dies eine lobenswerte Leistung, die in aller Bescheidenheit im Buch als der erste Ansatz zur Erforschung der «EU» bezeichnet wird. Hannemanns auf die inhaltlichen Widersprüche im Material gestützten Wertungen bleiben dagegen durchweg problematisch.

Politische Wirksamkeit
Als Komintern-Mitarbeiter, der schon 1933/34 zu den Ideologen des linken Widerstands gegen die Nazis zählte, ging es Havemann schließlich nicht um Wahrhaftigkeit, sondern um politische Wirksamkeit. Die Geschichte der «EU» und deren spätere Betrachtung durch Havemann und die SED hätte damit Anlass zu reichhaltigen Betrachtungen über die Taktik der antifaschistischen Linken im Untergrund und nach dem Untergang des Dritten Reiches geben können.

In den Flugblättern der «Europäischen Union» betonte Havemann deren Größe und Vernetztheit wahrscheinlich wirklich realitätswidrig und entwarf den grandios größenwahnsinnigen Plan, nach dem Untergang des deutschen Kriegsimperiums mit Hilfe zehntausender kommunistischer NS-Zwangsarbeiter eine grenzenlose, sozialistische «Europäische Union» der befreiten Nationen zu gründen.

Unbelegte Behauptung
Die unbelegte Behauptung der Größe war Teil der «EU»-Propaganda und diente der Werbung wie der Selbstversicherung. Dass die «EU» Juden versteckte und vor der Deportation schützte, stand nicht in den Flugblättern, weil es als Widerstandshandlung auf rein humanitärer Ebene zum großen politischen Programm offensichtlich nicht passte – Übertreibung und Verschleierung als Mittel zum Zweck.

So weit, so gut auch aus Hannemanns Sicht. Doch auch nach dem Untergang des Dritten Reichs galt es, die Legende zu pflegen. Havemann war in den ersten Nachkriegsjahren als Widerstandskämpfer und Kommunist geeignet als Grenzgänger zwischen West und Ost.

Zugleich untermauerte seine Herkunft aus dem Widerstand auch Havemanns zunächst starke, dann zunehmend problematische Stellung innerhalb des SED-Apparats, der der «EU» durchaus skeptisch gegenüber stand: Die autonome linke Gruppe widerstand allen Versuchen von SED-Historikern, in deren übliches Muster sowjetisch gesteuerten und alimentierten Widerstands gegen die Nazis und damit in die geschichtspolitische Linie der DDR eingepasst zu werden.

Vorwürfe der Historikerin
Auch der in Ungnade gefallene Bürgerrechtler und Regimekritiker Havemann schließlich bezog in den letzten zwei Jahrzehnten seines Lebens aus seiner antifaschistischen Vergangenheit Unangreifbarkeit und Legitimation. Hannemann hält ihm vor, auch in dieser Phase seiner Läuterung vom Stalinisten zum Demokraten die Dinge weiter verklärt und verschwiegen zu haben, dass die «EU» deutlich kleiner, seine Standhaftigkeit im Gestapo-Verhör durchaus geringer gewesen sei, als von ihm dargestellt.

Wie die SED Anfang der 50er Jahre den Widerständler Havemann «politisch-operativ» zu ihrem intellektuellen Frontmann erklärt hatte, so benutzte auch Havemann seine Biografie, als er als Bürgerrechtler in langen «Gedächtnisprotokollen» seine Gestapo-Verhöre schilderte.

Es ging ihm dabei wieder nicht um biografische Ehrlichkeit oder historische Genauigkeit. Havemann ging es vor allem um die Mitteilung an seine Landsleute, unter denen sich derlei im Westen publizierte politische Literatur schnell verbreitete, dass kein Geheimdienst der Welt allmächtig sei und sich das freie Individuum nicht nur moralisch, sondern auch psychisch und physisch behaupten könne. Havemann wollte keine gültigen Aussagen über die Gestapo treffen, sondern die Armseligkeit der Geheimpolizeien im Allgemeinen, der DDR-Stasi im Besonderen zeigen.

«Romanhafte Züge»
Da Simone Hannemann nach eigenem Bekunden streng positivistisch und material-immanent vorgegangen ist, konnte sie die «romanhaften Züge» (Wolf Biermann) und politisch-moralischen Irritationen der Havemannschen Biografie nicht aufklären.

Dass Brüche gerade bei prominenten Vertretern der deutschen Linken Teil der «Heldenbiografien» sind, nicht etwa deren Negation, zählt zu den lange unumstrittenen Erkenntnissen, die mit einigem Wohlwollen von außen an Hannemanns Studie herangetragen werden müssen.

Sie erkannte, als sie ihrem Helden auf Augenhöhe begegnete, einen nicht immer sympathischen, oft durchaus eitlen und auch machtbewussten, im Spiel mit Konspiration und Öffentlichkeit geübten politischen Akteur. Deshalb an dem Helden gleich so etwas wie einen Vatermord zu versuchen, entspricht einer Geschichtsphilosophie, die ganz lebensfern und mit erstaunlichem moralischem Rigorismus zwischen Schwarz und Weiß eine klare, scharfe Trennlinie ziehen will.

Simone Hannemann: «Robert Havemann und die Widerstandsgruppe ,Europäische Union'», Schriftenreihe des Robert-Havemann-Archivs 6, Berlin 2001.

Netzeitung, 01.08.01