Doris Liebermann

Nachruf im RBB-Kulturradio in der Sendung „Zeitpunkte" am 12. September 2010 von Doris Liebermann. Anläßlich des Todes von Bärbel Bohley wiederholte RBB Kulturradio außerdem am 11. September 2010 von 19.04 bis 19.30 Uhr die Sendung „Ich bin immer eine Trümmerfrau gewesen. Ein Portrait von Bärbel Bohley"

(Prod.: RBB 2009) von Doris Liebermann

O-Ton Bärbel Bohley:

Ich habe das Gefühl, daß ich in meinem Leben so viele Sachen erlebt habe, die so grundsätzlich Weltgeschehen und mein persönliches Leben miteinander verbinden, das ist doch schon unglaublich. Da sieht man einfach, daß die Zeitläufe sich drängen. Gerade noch den Zweiten Weltkrieg mit den Windeln eingesogen, dann den Bau der Mauer, das geteilte Deutschland, das vereinigte Deutschland, noch ne Finanzkrise und und und. Ich habe das Gefühl, es ist jede Menge Stoff da gewesen. Und auch an Überraschungen, auch an Überraschungen, das denke ich schon. Das ist ja das Wunderbare, wenn es plötzlich erfüllt wird mit etwas Geistigem oder mit etwas, das tiefer geht als dieser alltägliche Pragmatismus, mit dem man sich herumzuschlagen hat, dann kommt das über Nacht. Ich habe überhaupt nicht das Gefühl, daß wir keine Chance haben, das nicht noch mal zu erleben. Im Gegenteil, gerade aus meiner Erfahrung aus dem Herbst 89 habe ich das Gefühl: es liegt immer in der Luft. Es muss sich sozusagen nur zeigen, es muss zum Leuchten gebracht werden ...

 

Die Spiritualität des Herbstes 1989 fand sie wunderbar, und sie fand sie immer latent vorhanden, auch in Zeiten der Resignation, des Missmutes, der Hoffnungslosigkeit. Als sie dies vor eineinhalb Jahren bei einem Interview, das ich mit ihr führte, sagte, war sie schon an Lungenkrebs erkrankt.  Sie hatte zwölf Jahre lang auf dem Balkan gelebt und war aus Kroatien nach Berlin zurückgekehrt, um sich ärztlich behandeln zu lassen. Sie hatte Chemotherapien bekommen, sie hatte ihre Haare verloren, sie trug eine elegante Mütze.

Trotz der Krankheit erzählte sie gelassen von sich, von ihrem Weg in die Opposition - mit eben dieser mut-machenden Erfahrung aus dem Herbst 89. Sie wirkte versöhnt mit sich und ihrem Leben. Ihre Weggefährten wußten, daß sie auch ein streitbarer Geist sein konnte.

Als Bärbel Bohley am 24. Mai 1945 in Berlin geboren wurde, lag die Stadt in Trümmern. Die Szenerie ihrer Kindheit - Trümmerlandschaften als Spielplätze  - fand sie später im kriegszerrütteten Gebiet Ex-Jugoslawiens wieder. Sie wuchs im geteilten Berlin auf, der  Mauerbau am 13. August 1961 setzt eine tiefe Zäsur in ihr Leben. Viele Freunde der Familie gingen in den Westen. Sie machte das Abitur und eine Ausbildung und studierte von 1969 bis 1974 an der Kunsthochschule Berlin-Weißensee. Sie heiratete den Maler Dietrich Bohley, noch während des Studiums wurde ihr Sohn Anselm geboren. Nach dem Diplom war sie freischaffend tätig, ihre Bilder wurden auf den DDR-Kunstausstellungen gezeigt. Ende der 70er Jahre lernte sie Katja und Robert Havemann kennen, als sie beiden ein aus dem Westen geschmuggeltes Buch überbrachte. Eine schicksalhafte Begegnung: Die Havemanns wurden seit Jahren von der Staatssicherheit observiert,  bald wurde auch Bärbel Bohley überwacht. Sie begann, sich politisch zu engagieren. Die Konsequenz war, daß sie nicht mehr ausstellen durfte. 1982 war sie Initiatorin der unabhängigen Gruppe Frauen für den Frieden in Ost-Berlin - eine der ersten außerkirchlichen Gruppen der DDR. Die Frauen protestierten durch friedliche Aktionen gegen die Militarisierung der DDR-Gesellschaft, und sie suchten nach Möglichkeiten, mit Friedensfrauen in Westeuropa zusammenzuarbeiten. Die Staatssicherheit erfasste die Frauen in einem operativen Vorgang, er hieß: „Wespen". 1983 wurde sie zum ersten mal verhaftet, zusammen mit Ulrike Poppe. Wegen angeblicher „landesverräterischer Nachrichtenübermittlung" wurden beide in das Stasi-Untersuchungsgefängnis Berlin-Hohenschönhausen gebracht. Weil es starke Proteste im Westen gab, kamen sie nach sechs Wochen wieder frei. Bärbel Bohley ließ sich durch die Stasi nicht einschüchtern. Sie setzte sich für elementare Rechte wie Meinungs- und Versammlungsfreiheit ein und war 1986 Mitbegründerin der „Initiative Frieden und Menschenrechte", die sich ebenfalls für Abrüstung und Entmilitarisierung engagierte. Zwei Jahre später wurde sie erneut verhaftet, diesmal aber gegen ihren Willen mit DDR-Pass in die Bundesrepublik abgeschoben. Nach einem sechsmonatigen Aufenthalt in England kehrte sie im August 1988 in die DDR zurück. Inzwischen war sie eine der führenden Oppositionellen des Landes, und als sich im Sommer 1989 das Neue Forum formierte, eine der Hauptpersonen. Bärbel Bohleys Wohnung in der Fehrbelliner Straße war ein Anlaufpunkt für wildfremde Menschen, die stundenlang auf sie warteten, die ihr Briefe schrieben, die ihr jahrelanges, jahrzehntelanges Schweigen brachen. Dann ging im Herbst 1989 alles Schlag auf Schlag: Ende Oktober mußte das Ministerium des Innern mitteilen, daß die Zulassung des Neuen Forums geprüft werde, am 8. November, daß die Anmeldung bestätigt sei. Drei Tage später wählt das Neue Forum einen Landessprecherrat, da war die Mauer schon gefallen.

Den Prozess der deutschen Vereinigung beobachtete Bärbel Bohley kritisch, und sie war unzufrieden mit dem öffentlichen Umgang mit der DDR-Vergangenheit. „Wir wollten Gerechtigkeit und bekamen den Rechtsstaat", war ihre nüchterne Erkenntnis dieser Zeit. Sie gründete die Robert-Havemann-Gesellschaft  und das Bürgerbüro Berlin mit, ein Verein, der Verfolgte des DDR-Regimes berät. Doch zunehmend hatte sie das Gefühl, nur noch die Vorzeige-Oppositionelle zu sein. Und von der Malerei hatte sie sich inzwischen zu weit entfernt, um zurückfinden zu können. Das vielleicht war ihre ganz persönliche Tragödie.

1996 verließ sie Deutschland und ging für Cap Anamour auf den Balkan. Später leitete sie ein Wiederaufbauprogramm im Büro des Hohen Repräsentanten für Bosnien und Herzegowina, Carl Bildt. Mit EU-Mitteln wurden zerstörte Hausdächer neu gedeckt und Häuser repariert. Sie führte in Bosnien Tagebuch, im Frühjahr 1997 stellte sie das Buch mit dem Titel „Die Dächer sind das Wichtigste" auf der Leipziger Buchmesse vor. Auf dem Balkan heiratet sie ein zweites Mal, den Bosnier Dragan Lukić, ehemals Lehrer in Sarajevo. Ehrenamtlich gründete Bärbel Bohley dort die Hilfsorganisation „Seestern", die jeden Sommer siebzig Kindern aus bosnischen Flüchtlingsfamilien kostenlose Ferien ermöglichte. Sie selbst kochte den Kindern das Mittagessen. Viele Projekte konnte sie nicht mehr fortführen, die Krankheit machte es unmöglich.

Im Rückblick auf ihr Leben blieb ihr die Erkenntnis, große Zeiten erlebt zu haben. Als eine Große dieser großen Zeiten hat Bärbel Bohley längst schon Geschichte geschrieben.