Praktikumsbericht Mathias Zeiske

 

Praktikant in der Robert‐Havemann‐Gesellschaft e. V. Berlin vom 10.01.2012 bis 17.04.2012

Die zurückliegende Zeit bei der Robert‐Havemann‐Gesellschaft e. V. war geprägt von intensivem Eintauchen in und tiefer Auseinandersetzung mit dem Thema Opposition in der DDR, weit über meine bisherigen Erfahrungen und auch Vorstellungen von einem Praktikum hinaus.Damit betraut, die Aktivitäten und Publikationen der Umwelt‐Bibliothek Berlin zu dokumentieren und zu systematisieren, blieb ich immer wieder auch an Geschichten und Ereignissen hängen, die eng mit der Umwelt‐Bibliothek und den dort diskutierten Themen verbunden sind. Ich untersuchte vor allem die Samisdat‐Publikationen Die Umweltbibliothek und ihre Nachfolgeperiodika Die Umweltblätter und telegraph, welche bis 1990 in den Räumen der Umwelt‐Bibliothek entstanden und gedruckt wurden. In diesen fand ich neben den für mein Projekt relevanten Veranstaltungsankündigungen,Pressemitteilungen und Erklärungen auch Artikel über die Ost‐Berliner Hausbesetzerszene der frühen 90er Jahre, die DDR‐Punkbewegung, die Neonaziszene der DDR und andere Themen. So auch zu Aufstieg und Fall politisch vorbelasteter Führungsköpfe aus den Reihen von Ost‐SPD und Bürgerrechtsbewegungen wie dem Demokratischen Aufbruch (DA) in den Jahren 1989 und 1990. Spannend an letzterer Auseinandersetzung ist dabei vor allem, was passiert wäre, wenn man in Ostdeutschland einen demokratischen Neuanfang, vielleicht eine Reform des Sozialismus, ja vorerst die Koexistenz beider deutscher Staaten versucht hätte. Mit einer stabilen, durch ihre Vergangenheit nicht vorbelasteten politischen Spitze. Ganz schnell wird das auch in den Ausgaben des telegraph ab November 1989 ein deutliches Thema. Fronten und Gegnerschaften haben sich geändert, doch manche der Themen sind gleich geblieben. Gegen Immobilienspekulationen, den Ausverkauf eines ganzen Landes, Kommerzialisierung, die Kontinuität ehemaliger politischer Eliten, politische Intransparenz und Finanzkapitalismus versteht man sich als Redaktion und Autorenschaft wieder oppositionell, kritisiert und warnt. Sieht die Gefahren und Folgen eines bloßen wirtschaftlichen,gesellschaftlichen und politischen Anschlusses an die Bundesrepublik. Ergebnis dieser deutschdeutschenGeschichte ist letztendlich der „Sieg" desjenigen Gesellschafts‐ und Wirtschaftssystems, das in DDR‐Oppositionskreisen vielfach nicht als die bessere Alternative angesehen wurde. Die Umwelt‐Bibliothek Berlin - nicht nur Bibliothek, auch Café, Galerie, Veranstaltungsraum, Druckerei, wenn auch ein vor staatlichen Zugriffen, Einflussnahme und Observation nicht gänzlich geschützter Ort, so als Raum unter dem begrenzten Schutz der Evangelischen Kirche doch ein Freiraum. Eine Keimzelle der Friedlichen Revolution in der DDR. Eine dieser vielen Keimzellen von Widerstand und Reformbemühungen mit landesweitem Einfluss in Oppositionskreisen und Vorbild für ähnliche Initiativen, die ihren Anteil am Umsturz einer 40 Jahre währenden autoritären Gewaltherrschaft haben. Dadurch, dass in den seltensten Fällen wie beim Überfall der Staatssicherheit auf die Umwelt‐Bibliothek im November 1987 eine breite schriftliche oder fotografische Dokumentation der Arbeit und der Ereignisse stattfand, wenn man von den Berichten der eingeschleusten und extern operierenden Inoffiziellen Mitarbeiter der Staatssicherheit absieht, sind Quellenlage und Dokumentation oft unsicher und lückenhaft. Eine Weiterführung der Dokumentation unter Einbeziehung der Stasi‐Akten ist angedacht und könnte an diesen Stellen ergänzen, aber auch vervielfältigen. Wahrheit zu finden, Realität zu verorten, falsche und richtige Informationen, Fehler, Ironie und Täuschungsmanöver herauszulesen waren die Herausforderung einer von mir bisher nicht erfahrenen Textarbeit. Oder einer Art, Texte unter ganz neuen Gesichtspunkten zu lesen und auszuwerten.Beeindruckend sind Protagonisten wie Wolfgang Rüddenklau, Frank Ebert, Tom Sello, Uta Ihlow, Carlo Jordan, Christian Halbrock, um nur einige zu nennen, die unter enormem politischem und manchmal auch innerkirchlichem Druck ehrenamtlich, allein aus persönlicher Überzeugung, einem autoritären politischen Regime Widerstand leisteten. Als Drucker, als Redakteure, als Autoren kontroverser Artikel und Beiträge, als Organisatoren und Mitarbeiter bei der Aufrechterhaltung eines Ortes für oppositionelle Arbeit, für alternative und progressive Kunst, Kultur und Diskussion. EinForum kritischer Auseinandersetzung mit Politik, Ökologie und Umweltschutz, Geschichte und auch Kirche. Das alles unter enormen finanziellen wie auch materiellen Engpässen, mit Angst vor Verhaftung oder Abschiebung, vielleicht mit einer Ahnung, wer ein eingeschleuster Mitarbeiter der Staatssicherheit sein könnte. Man beginnt ziemlich schnell, in der Arbeit gegen ein übermächtiges System das Werk mehr oder weniger verborgener Helden und mit pazifistischen Mitteln agierender Partisanen zu sehen. Der Vorteil der kleinen Gruppen, der unmittelbaren Kommunikation und eine sicher nicht immer reibungslos funktionierende, aber in der Konsequenz effektive Basisdemokratie, der Erfindungsreichtum und die Unerschrockenheit gegenüber der äußeren Bedrohung lassen solche Parallelen und Rückschlüsse zu. Doch wenn auch viele der dokumentierten Ereignisse der Umwelt‐Bibliothek erst vergleichsweise wenige Jahre zurückliegen, so galt es doch auch, den Blick zu schärfen, die Dinge nicht verzerrt zu lesen oder zu verklären. Gleichzeitig verschränkte man diese Erkenntnisse mit der Gegenwart, aktuellen Themen des Widerstandes von unten, wie dem Protest gegen den Abriss und Umbau des Stuttgarter Hauptbahnhofes oder der Bildung einer politischen Partei wie der noch jungen Piratenpartei. Auch das bestärkte rückblickend die außergewöhnliche Bedeutung der Geschichte der Berliner Umwelt‐Bibliothek stellvertretend für all die anderen DDRweit entstandenen Initiativen.Die zuweilen undogmatische und pragmatische Art, in der Robert‐Havemann‐Gesellschaft e. V. mit Geschichte und Materialien umzugehen, zeigte mir, dass das Anliegen, Kontext zugunsten von Wahrheit und Authentizität herzustellen, größer ist als ein strenges Arbeiten nach rein wissenschaftlichen Kriterien. Die Quellenlage macht es ja teilweise auch nicht anders möglich und ist doch Teil der Aufklärung und Vermittlung. Geschichten bilden Geschichte. Geschichte muss lebendig sein und bleiben, um sie zu verstehen, wobei die dazu notwendigen Erzählungen und Narrationen Mehrdimensionalität und Multiperspektive verlangen. Die Geschichten, die von den Mitarbeitern erzählt wurden, die gleichzeitig Zeitzeugen sind, halfen einzuordnen und waren keine Anekdoten. Zeitweise eingebunden in die Beendigung des Ausstellungsprojektes Jugendopposition in der DDR, wo die Lebenswege der porträtierten Akteure wie Michael Gartenschläger oder Christian Kunert Potential zur Legendenbildung haben, galt es aber auch immer wieder, sich nicht in Geschichten zu verlieren.Die Robert‐Havemann‐Gesellschaft e. V. ist eine ziemlich unhierarchische Institution, unbürokratisch und mit kurzen, Gemeinschaft und Konsens berücksichtigenden Entscheidungswegen. Es wird in einer Art Arbeit fortgeführt, die meiner Meinung nach in Einrichtungen und Kreisen wie der Umwelt‐Bibliothek Berlin vor mehr als 25 Jahren begonnen wurde. Das hinterließ mich zeitweise in einer Parallelwelt, wenn ich mittendrin saß im Geschehen und dabei zur DDR der 80er Jahre gelesen habe.Bei Projektbesprechungen und Diskussionen mit den Archiv‐Mitarbeitern wurde immer wieder deutlich, dass Wahrheit durch Dokumentation, historische Authentizität durch Quellenvielfalt und Meinungspluralität persönliche Ziele aller sind auf dem Weg zu Erinnerung, Aufklärung und Bildung. Die Vernetzung mit anderen Bürgerrechtlern über Deutschlands Grenzen hinaus, die Stellungnahme zu aktuellen Geschehnissen wie der Erosion von Demokratie in Ungarn unter Ministerpräsident Viktor Orbán oder die Unterstützung von Oppositionellen in den Ländern des Arabischen Frühlingsbestärken den Eindruck, dass man Arbeit aus Überzeugung leistet und nicht einfach nur selbstgefällig zur Verwaltung seiner bisherigen persönlichen und/oder institutionellen Verdienste und Errungenschaften übergeht. Das Denken in der Robert‐Havemann‐Gesellschaft ist frisch und scheut nicht vor Kontroversen und unbequemen Anliegen zurück. Bei der Betrachtung des aktuellen politischen und gesellschaftlichen Geschehens haben sich Kritik und ein Augenzwinkern erhalten, noch immer, meine ich, ist man ein Stück weit Opposition.

Berlin, den 15. Mai 2012
Mathias Zeiske (Magister‐Student der Kulturwissenschaften und der Politikwissenschaft an der Universität Leipzig)